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Bildhauerei : „Ich glaube an die konkrete Erfahrung“

  • -Aktualisiert am

Figural: Die Bildhauerin Emilie Neumann in ihrem Atelier im Frankfurter Ostend. Bild: Lucas Bäuml

Anfassen erlaubt: Die Frankfurter Bildhauerin Emilia Neumann schwört auf die materielle und sinnliche Dimension ihrer Skulpturen. Bruchkanten und Narben lässt sie bewusst stehen.

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          Eigentlich ist so etwas nicht erlaubt. Diese Skulptur anzufassen, mit den Händen ihre Materialität zu erspüren, die glatten Partien, die rauhen Stellen und die faltig-runzligen – all das wäre in einem Museum oder einer Kunsthalle nicht möglich. Gewiss würde eine Aufsicht jeden Besucher sofort streng ermahnen, der aus Neugier gegen die massiv wirkende Gipsskulptur klopft, um überrascht festzustellen, dass diese innen hohl ist. In ihrem Frankfurter Atelier lässt die Bildhauerin Emilia Neumann jedoch Milde walten.

          Morgendliches Sonnenlicht fällt in den großzügigen, an eine Werkstatt erinnernden Raum im Ostend. Allerlei Werkzeug stapelt sich auf einem Metallregal, überall stehen in Folie verpackte Gipsplastiken, und im Nebenraum des Ateliers ist ein prall gefülltes Materiallager untergebracht.

          Eisenspäne zu Rosttönen

          Neumann weist auf die Farbgebung der Skulptur hin, deren Form beim ersten Hinsehen an ein menschliches Herz denken lässt. Dunkelrote, himmelblaue und rostbraune Farbschlieren ziehen sich sichtbar durch den Gips. Die Farben arbeitet die 1985 geborene Künstlerin beim Ausgießen ihrer Skulpturen ein. Die Rosttöne seien durch das Einbringen von Eisenspänen entstanden, erklärt sie. Oft greife sie zu Pastelltönen, um dem Material die Schwere zu nehmen: „Das Pastellige erzeugt etwas Fliegendes, Naives und Niedliches.“ Auch sei etwas Verspieltes dabei. Gleichwohl seien ihre Arbeiten nicht malerisch, da die Form die Farbgebung bestimme. Neumann betont: „Für mich ist es ganz klar Skulptur.“

          Die große, herzförmige Plastik fordert den Betrachter zum abermaligen Hinsehen heraus. Die fließenden Farben verstärken den Eindruck des Organischen und Lebendigen. Ihren Ursprung hat die Skulptur in Arne Jacobsens „Egg Chair“. Neumann goss den Sessel in Silikon ab, verformte die Negativform und füllte sie anschließend mit Gips, Farbe und einem stabilisierenden Armierungsgitter aus Eisen.

          „Matschen und Ausprobieren“

          Das ist ein typischer Arbeitsablauf für die Bildhauerin. Bewusst lässt sie dabei Bruchkanten, Einschlüsse und Narben stehen. Der gesamte Prozess von der Formfindung bis zur fertigen Skulptur läuft im Atelier ab: „Das baue ich alles hier.“ Auf die Frage, wie sie ihre Arbeitsweise entwickelt habe, antwortet Neumann direkt: „Das kam durch Matschen und Ausprobieren.“

          An diesem Vormittag wirkt sie hellwach, ihre Augen leuchten. Sie sei diszipliniert, gehe normalerweise schon frühmorgens ins Atelier. „Heute war ich erst um halb acht da“, sagt Neumann, verschmitzt lächelnd. Sie zeigt ihr Büro, das sich oberhalb der Werkstatt befindet. Auf dem Schreibtisch liegen mehrere Hefte mit handschriftlichen Aufzeichnungen. Sie bildeten eine Art Logbuch, erzählt Neumann. Dort notiere sie aktuelle Begebenheiten und Gedanken, ordne ihre Ideen und Anschauungen. „Schauen, wo man geistig ist“, darum gehe es ihr.

          Städtisch gefördertes Atelier

          Emilia Neumann ist bei all ihrer Direktheit eine reflektierte, belesene Künstlerin. Auf einem Fensterbrett stapeln sich Kunstkataloge und Bücher, so etwa Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“, den sie kürzlich las. Bürotage, an denen Organisatorisches zu erledigen ist, wechseln sich mit der Arbeit im Atelier ab. Zu vergeistigt sollte man sich Neumanns Atelieralltag aber nicht vorstellen. „Wenn ich da unten arbeite, geht es in die Arbeitsklamotten und los“, sagt sie. Oft verlaufe der Arbeitsprozess intuitiv. Überhaupt scheint sie darin aufgehen zu können: „Hier steht die Zeit still, ich laufe darin rum und mache meine Sachen.“

          Dass Neumann sich nach ihrem Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung in Frankfurt niederließ, liegt vor allem an dem städtisch geförderten Atelier. Es ermöglicht ihr die Bearbeitung und logistische Handhabung schwerer Materialien. „Frankfurt ist ein guter Ort“, resümiert Neumann. Hier werde sie gut unterstützt, verkaufe zudem Arbeiten. Die Frankfurter Kunstszene sei zwar überschaubar, das sei aber überhaupt nicht schlimm: „Ich glaube, dass man hier andere Möglichkeiten hat, aufzufallen.“ Auch ersetze Instagram zunehmend die Stammkneipe, in der man früher Neuigkeiten von Künstlerkollegen erfahren konnte. Doch könnten Abbildungen die materielle und sinnliche Dimension von Kunstwerken nicht vermitteln: „Ich glaube an die konkrete Erfahrung.“

          Verformtes Wellblech in Gips

          Also geht es noch einmal hinunter ins Atelier, wo man Neumanns Kunst unmittelbar begegnet. An der Wand hängt eine weitere von Farben durchdrungene Gipsskulptur, durch ihre Befestigung an Haken für einen Augenblick wie ein großes Stück Fleisch anmutend. Die markante Oberflächenstruktur der Skulptur lässt sich am ehesten als zerknautscht beschreiben. Hier habe sie ein verformtes Wellblech in Gips abgegossen, erzählt Neumann. Der Blick fällt auf einen Glaskasten, in dem unzählige kleine, bunte Formfragmente aus Gips an dünnen Nadeln aufgespießt sind. Sie lassen an Schmetterlinge oder Käfer in einem Naturkundemuseum denken. Eigentlich sei das eine Dokumentation von Bruchstücken und Resten größerer Arbeiten, sagt Neumann. Sie sehe darin aber auch das Modell eines Waldes, durch den man läuft, zu großen Formen heraufschauend.

          Ein Skulpturenwald als Vorsatz für die Zukunft? Emilia Neumann denkt, wenn man sie nach ihren Zielen fragt, weniger in konkreten künstlerischen Ideen. Vielmehr betont sie ihre Unabhängigkeit: Sie wolle es sich bewahren, in Kunst und Leben selbstbestimmt zu sein. Dann präzisiert Neumann die Formulierung noch einmal: Sie wolle weiterhin ihre eigene Chefin sein.

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