Staatstheater Mainz : Wenn nur ein Mensch an dich glaubt

Vom Experiment in der Residenz auf den normalen Spielplan: Marie Ryschka und ihr Schauspieler Adrian Weinek brillieren mit „Ein Mann seiner Klasse“ am Staatstheater Mainz.
Gleich mit seinem autobiographischen Roman-Debüt hat Christian Baron 2020 einen Bestseller gelandet. „Ein Mann seiner Klasse“ wurde inzwischen mehrfach für das Theater adaptiert und auch schon verfilmt. Nun zeigt das Mainzer Staatstheater eine Fassung, in der wenig vom Text ablenkt. Das liegt zuvörderst am grandiosen Adrian Weinek, der den Abend alleine schultert.
Niemand sonst ist auf der Bühne, nur dieser junge Mann, der aus seinem Leben und dem Aufwachsen in Armut erzählt. Schauplatz ist Kaiserslautern, der Vater schuftet als Möbelpacker und ist Trinker, die Mutter erscheint depressiv und schwach. Die rettende Tante pickt sich Weinek im Publikum unter den Zuschauerinnen heraus, und sie macht ihre Sache fabelhaft, nickt ihrem Neffen immer wieder warm lächelnd und aufmunternd zu. Das ist wichtig, erzählt Baron doch auch davon, dass es manchmal nur einen Menschen braucht, der an einen glaubt, und es muss eben nicht der eigene Vater oder die eigene Mutter sein.
Der Abend ist ursprünglich als Versuch in der Mainzer Residenz entwickelt worden, einem Ort, an dem Neues ausprobiert werden darf. Aufgrund des Zuspruchs hat man sich entschieden, die Inszenierung größer aufzuziehen und als feste Produktion in den Spielplan zu heben.
Sätze, die zu Tränen rühren
Isabelle Jung hat dafür eine Bühne aus mehreren Erinnerungsinseln gestaltet, links sieht man ein anzitiertes Wohnzimmer, in der Mitte einen Fernseher, rechts ein Kinderschlagzeug, am äußersten Rand eine Waschmaschine. Ganz hinten führen Treppenstufen nach oben und wirken wie ein Sinnbild für das Aufstiegsversprechen. Wir befinden uns in der Spielstätte U17, ganz unten also, was in diesem Fall sehr gut passt.
Der Schauspieler Adrian Weinek bespielt diese unterschiedlichen Inseln und stimmt dabei immer wieder neue Tonlagen an; er ist mal traurig, mal wütend, dann launisch, lustig, verzweifelt und alles sonst dazwischen. Dabei steht er da wie der sprichwörtliche Junge von nebenan, ein netter Kerl, unauffällig gekleidet, der ins Publikum strahlt, natürlich wirkt, frisch und ungekünstelt. Keinen Moment hat man das Gefühl, hier spiele jemand eine Figur. Selten erlebt man junge Schauspieler, die sich so dermaßen in ihre Rolle schmeißen wie er und dabei gewinnen.
Weinek wurde 1998 in Salzburg geboren, ist in Wien aufgewachsen, wo er erst Psychologie studierte und dann am Mozarteum Schauspiel. In „Ein Mann seiner Klasse“ konzentriert er sich auf die persönliche Verfasstheit des Ich-Erzählers; sein Leben und Leiden sowie das komplexe Verhältnis zu seinem Vater stehen im Vordergrund. Die Fassung haben Weinek und die Regisseurin Marie Ryschka gemeinsam erstellt. Ryschka, Regieassistentin am Haus, gibt mit der Inszenierung zudem ihren Regie-Einstand. Ein Besuch am Grab des Vaters setzt den Erinnerungsreigen des Sohnes in Gang, wobei der Vater in unterschiedlichen Seinsformen kenntlich wird, als Held der Arbeit, als polternder Säufer, als Schläger, als Sterbender, als Verlierer. Die bleierne Schwere des Erzählten gepaart mit der Schauspielverve Weineks rührt manches Mal zu Tränen. Dann wieder beherrscht sprühende Energie die Bühne.
Das Versprechen des Aufstiegs
Christian Baron erzählt in seinem Roman auch die Geschichte eines Aufstiegs, aus dem Jungen aus prekären Verhältnissen wurde ein bekannter Journalist und Autor, der sich bis heute mit den Themen Klassismus und soziale Gerechtigkeit auseinandersetzt. Zur Premiere ist er angereist. Beim Schlussapplaus steht er einen Moment Arm in Arm mit seinem Darsteller auf der Bühne. Ein schönes Bild für einen, der sich mit diesem Text auch mit sich selbst versöhnt.
Die Mainzer Inszenierung scheut sich nicht vor ruhigen Momenten, in denen die Welt stillzustehen scheint. Verschnaufpausen für den Darsteller und fürs Publikum. Bei so viel Text, immerhin sind 70 Minuten zu absolvieren, braucht es eine Struktur, die sich in verschiedenen Aktivitäten entlädt: Schlagzeug spielen, Zähne putzen, wild tanzen, Computerspiele spielen. In all diesen Aktionen offenbaren sich Seelenzustände, die sich widersprechen dürfen. Dabei spielt der Abend mit Tempowechseln und ändert immer wieder seine Temperatur: von ausgelassen heiter bis zu Tode betrübt. Allen Gefühlen begegnet der Abend mit großer Zärtlichkeit. Und Adrian Weinek gibt sich seiner Rolle ganz hin, verausgabt sich für sie. Begeisterter Beifall ist ihm sicher.





