https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/ausstellung-homosphaere-in-mainz-luftverschmutzung-als-thema-der-kunst-18118623.html

Mainzer Schau „Homosphäre“ : Wie Kunst das Unsichtbare zeigt

Sinnbilder radioaktiver Verseuchung: Der Schweizer Künstler Julian Charrière hat Kokosnüsse vom Bikini-Atoll in Blei gehüllt und wie Kanonenkugeln gestapelt. Bild: Kunsthalle Mainz

Wie empfindlich und schützenswert der Luftraum ist, in dem wir uns bewegen, zeigt die vielfältige Schau eindrucksvoll. Was gar nicht so einfach ist da das Thema der Ausstellung unsichtbar ist.

          3 Min.

          Empfindlich und schützenswert ist jener Luftraum, in dem sich der Mensch bewegt: die „Homosphäre“. Auf die Besonderheiten dieses alle umgebenden, fluiden Raums möchte Stefanie Böttcher, die Direktorin der Kunsthalle Mainz, mit ihrer neuen Ausstellung hinweisen: Seine Unsichtbarkeit und die Konturlosigkeit seiner Grenzen machen ihn zu etwas, was man erst wahrnehme, wenn es von Drohnen oder Flugzeugen durchquert oder von riech- oder sichtbaren Stoffen verunreinigt werde. Über ihn treten wir in Verbindung. Und was sich in unserer direkten Umgebung befindet, atmen wir ein. Seit durch die Corona-Pandemie Aerosole unsere Begegnungen bestimmten, seit durch den Krieg in der Ukraine die Angst vor dem Einsatz von Giftgas und Atomwaffen erneut um sich greife, sei unsere Wahrnehmung des Luftraums und seiner Relevanz extrem geschärft, sagt Böttcher.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Kunst ist man sich der Verletzlichkeit dieser unsichtbaren Sphäre schon länger bewusst. Almut Linde macht mit ihrer Videoarbeit „Dirty Minimal“ von 2012 auf Verschmutzungen der Luft aufmerksam, die man sich abgewöhnt hat wahrzunehmen. Ihr Film zeigt Wolken, die am Himmel ziehen. Ein schöner Anblick, bis sich durch einen Schwenk herausstellt, dass sie aus einem Schlot strömen. Im Beiheft wird man aufgeklärt: Der Schlot gehört zum Braunkohlekraftwerk Frimmersdorf, das, mittlerweile stillgelegt, zu den am meisten Schadstoffe emittierenden Kraftwerken Europas gehörte: 29,3 Tonnen Kohlendioxid stieß es in den drei Minuten und acht Sekunden aus, die der kurze Film dauerte.

          Schlechte Luft

          Von der Feinstaubbelastung an verschiedenen Stellen in Paris berichtet Tomás Saracenos auf den ersten Blick so hübsche Arbeit „We do not breathe the same air“. Die minimalistisch anmutenden „pollution dots“, unterschiedlich hell oder dunkel gefärbte Punkte auf Papier, visualisieren die unterschiedliche Luftqualität als aus der Luft gefilterten, giftigen Feinstaub. Auch davon, wer ihn einatmet, berichtet die Arbeit: In Stadtteilen mit erwerbsschwächerer oder ausländischer Bevölkerung ist die Luft schlechter als in wohlhabenden Gegenden.

          Rabih Mroués Arbeit „Again we are defeated“ erschließt sich ebenfalls erst auf den zweiten Blick: Über seine Zeichnungen wimmeln mithilfe einer Videoprojektion unzählige kleine Wesen. Sind es Insekten? Mikroben? Wer näher herantritt, erkennt Drohnen, die über umherliegende Tote schwirren. Während der aus dem Libanon stammende Mroué auf Drohnen als Kriegs- und Überwachungsgeräte verweist, die sich unbemerkt nähern, hat der Londoner Künstler James Bridle mit seinem „Drone Shadow Handbook“ die Umrisse ganz unterschiedlicher Drohnen festgehalten. Sie könnten zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden, ihre Mission sei nie eindeutig entschlüsselbar, sagt der Künstler. Vor der Mainzer Kunsthalle ist das Modell einer seiner Drohnen auf den Boden geklebt. Die Flügel haben eine Spannbreite von 15 Metern, was auf dem Boden ziemlich groß wirkt – auch wenn man das kleinste Modell des Handbuchs ausgesucht habe, wie Böttcher sagt.

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