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Historisches Museum : Ein Eritreer sieht sofort die Sklaven

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Verschwunden: Der Geschichtsstudent Maximilian Pfeifer sucht im Frankfurter Altstadtmodell der Treuner-Brüder vergebens nach dem Eisenwarengeschäft seinen Ururgroßvaters August Eschelbach. Bild: Helmut Fricke

Das Historische Museum setzt auf Partizipation und lässt Flüchtlinge Ausstellungsobjekte neu bewerten. Damit ist das Museum ein Vorreiter in Deutschland.

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          Man sieht nur, was man weiß. Deshalb vermitteln Museen – ganz im Sinne von Goethes Erkenntnis – den Besuchern Wissen, auf dass sie die ausgestellten Objekte mit einem tieferen Verständnis sehen können. Die Deutungshoheit dabei besitzen, ob es um Kunst geht, um Architektur oder geschichtliche Objekte, die akademisch gebildeten Museumskuratoren. Das Historische Museum will jetzt partiell einen anderen Weg einschlagen, nämlich den der Partizipation der Bürger, etwa beim „Stadtlabor“, in dessen Rahmen die Frankfurter mit dem Museum die Stadt erkunden.

          Nun hat das von Direktor Jan Gerchow geleitete Haus auch Flüchtlingen die Teilnahme am partizipativen Museum geboten. „Sammlungen divers“ heißt ein Projekt, bei dem akademisch gebildete Flüchtlinge zusammen mit Studenten Exponate aus der bestehenden Sammler- und Stifter-Sammlung und der künftigen Dauerausstellung neu sichteten. Daraus wird demnächst ein Multimedia-Guide entstehen, der Besucher auf einen besonderen Weg durch das Historische Museum führt, nämlich auf einen von Flüchtlingen und jungen Studenten geschlagenen Pfad.

          Ein anderer Blick auf die Ausstellung

          Einem Eritreer, wie dem aus seiner afrikanischen Heimat nach Deutschland geflüchteten Biotechnologen Okbai Tesfamichael, fallen auf dem Gemälde „Das Franziskanerkloster in Igaraçú“ von Franz Post andere Dinge auf als einem Kunsthistoriker oder einem gemeinen Besucher. Und der Nachfahre einer Frankfurter Eisenhändler-Familie mit einem Geschäft in der Altstadt, wie der Geschichtsstudent Maximilian Pfeifer es ist, hat einen anderen Blick auf das populäre Altstadtmodell der Brüder Treuner als die Touristen. Das brasilianische Kloster, welches der niederländische Maler Post im 17. Jahrhundert in den Mittelpunkt gestellt hat, ist umgeben von einer farbenfrohen Landschaft mit Agaven und Kokospalmen. In diesem „Paradies“ tummeln sich Papageien, ein Waran liegt unter einem Baum, und eine Riesenschlange verschlingt ihre Beute.

          Die Schwarzen, die mit Lasten auf den Köpfen zum Kloster pilgern, scheinen einem glücklichen Völkchen anzugehören. Der Eritreer Tesfamichael weist darauf hin, dass es sich um Sklaven handelt. „Kannst du dir ein Paradies vorstellen, das zur Sklaverei verpflichtet?“, fragt er und entlarvt das Gemälde als Teil der damaligen kolonialen Propaganda.

          Erste Projekt dieser Art in Deutschland

          Der Student Pfeifer wiederum ist der Geschichte der Eisenwaren-Firma August Eschelbach an der Fahrgasse nachgegangen. Als die Treuner-Brüder 1927 ihr Altstadtmodell fertigstellten, war das Geschäft seines Ururgroßvaters schon in die Stiftstraße umgesiedelt. Die nächsten Umzüge führten es an die Taubengasse und zuletzt an den Oeder Weg, wo der letzte Besitzer schließlich 1956 seine Schlussabrechnung machte und den Laden aufgab. Die vielen Ortswechsel des Geschäfts, dies hat Pfeifer herausgefunden, hingen mit strukturellen Umbrüchen in Frankfurt zusammen, zum Beispiel damit, dass die Altstadt immer mehr ihre Funktion als wirtschaftliches Zentrum der Stadt verlor.

          17 Objekte haben die Flüchtlinge und die Studenten im Rahmen des Projekts „Sammlungen divers. Neu-Sichtungen historischer Objekte“ in Augenschein genommen und in Texten bewertet. Das Museum und das Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften haben in Kooperation mit dem Verein academic experience Worldwide das Projekt unterstützt. Es dürfte das erste in Deutschland gewesen sein, das Flüchtlinge in die Museumsarbeit miteinbezogen hat.

          Der transkulturelle Multimedia-Guide mit gesprochenen und geschriebenen Texten der Teilnehmer sowie Bildern wird Eingang finden in das neue Internetportal des Historischen Museums, das mit der Öffnung des nackten Neubaus für Besucher ein Wochenende lang um den Jahreswechsel herum in Betrieb genommen werden soll. Bis die Besucher dem gesamten Rundgang der Flüchtlinge und Studenten folgen können, wird es aber noch bis zum Herbst 2017 dauern. Dann ist das neue Historische Museum vollständig eingerichtet und kann auch im Neubau den Betrieb aufnehmen.

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