Gesundheit : Nicht warten, bis es an die Nieren geht

Nieren sind unermüdlich darin, das Blut zu filtern. Aber eine Schwäche der Organe bleibt häufig verborgen, bis es zu spät ist. Gezielte Tests können frühzeitig auf Gefahren hinweisen.
Sie sind so etwas wie der fleischgewordene Traum eines jeden Arbeitgebers: Enorm emsig und in aller Stille vollbringen sie rekordverdächtige Höchstleistungen. Immerhin strömen täglich 3000 bis 4000 Liter Blut durch unsere Nieren. Ja, eigentlich gehören die Nieren in die Front Row der öffentlichen Aufmerksamkeit. Theoretisch. Praktisch weiß kaum jemand von der Schlüsselposition dieser beiden Organe. Gerade weil sie so wenig Gewese um ihre Arbeit machen und eben auch bei Problemen viel zu lange unauffällig bleiben, beschreibt es Thimoteus Speer. Der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftler und Nierenspezialist leitet an der Universitätsklinik Frankfurt die Nephrologie und zudem das Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Nephrologische Forschung. „Zehn Prozent der Bevölkerung haben eine chronische Nierenerkrankung. Aber nur bei drei Prozent – bezogen auf die Gesamtbevölkerung – ist sie diagnostiziert.“ Denn die Krankheit verläuft lange symptomfrei.
Man spürt nichts davon, wenn die Nieren schon lange nicht mehr das Blut ausreichend filtern. Wenn sich giftige Stoffwechselprodukte, überschüssiges Wasser und Salze im Körper anreichern. Mit weitreichenden Konsequenzen wie Blutarmut, Knochenabbau, Herz- und Gefäßschäden. Bis hin zu einer schleichenden Vergiftung des Körpers (Urämie) und lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Problemen. Ja, das ist tückisch. Und es wird immer mehr Menschen betreffen. Da wir „mit jedem Lebensjahr an gewisser Nierenfunktion verlieren“, so Speer, nimmt in einer alternden Gesellschaft natürlich auch die Zahl der Nieren-Erkrankten zu. Zumal die Hauptrisikofaktoren für eine Nierenfunktionsstörung ebenfalls alters-, aber auch lebensstilbedingt sind: „Diabetes und Bluthochdruck“. Beides ebenfalls sogenannte „Silent Killer“, Erkrankungen, die ihrerseits auch erst mal kein großes Gewese um sich machen. Thimoteus Speer: „Es gibt Hochrechnungen über die durch verschiedene Erkrankungen verlorenen Lebensjahre. Aktuell liegen die chronischen Nierenerkrankungen da auf Platz 16. Bis zum Jahr 2040 – so die Prognose – werden sie es bis auf Platz fünf geschafft haben.“
Zwischen Niere und Herz besteht eine enge Beziehung
Auch wegen der so engen Beziehungen zwischen Herz und Niere. Speer widmet sich in seinen Forschungen insbesondere den „kardiovaskulären Komplikationen bei Nierenkranken“ und sagt: „Die chronischen Nierenerkrankungen sind der stärkste Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Schlaganfall, Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkte. Stärker noch als Rauchen, Diabetes oder hohe Blutfette.“ Bevor es zur Dialyse kommt, sind die meisten Patienten bereits an solchen „Ereignissen“ gestorben. Ja, das ist ein ziemlich großes „Buh“, das in der Vorsorge aber nach wie vor nicht angemessen abgebildet wird. Bei einem Blutbild wird zwar auch das Kreatinin mitgetestet, sodass eine Nierenleistung abgeschätzt werden kann.
„Aber ein weiterer und entscheidender Parameter ist die Eiweißausscheidung im Urin, und die muss man gezielt bestimmen“, erläutert der Nephrologe. Der sogenannte Albumin-Test ist sehr viel genauer als jene, die die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen. Die zeigen erst an, wenn die Nieren bereits irreversibel geschädigt sind und man vielleicht schon Symptome wie Müdigkeit, Juckreiz, Konzentrationsstörungen und Übelkeit bemerkt hat. Die Kassen übernehmen die Kosten für die neueren Labortests aber dann, wenn ein begründeter Krankheitsverdacht vorliegt – so wie etwa bei Bluthochdruck und/oder Diabetes. Es lohnt sich, so der Nephrologe. „Wir können heute sehr gut einen Nierenfunktionsverlust medikamentös unterbinden.“
Was die Nieren alles können
Was die beiden Zwillingsorgane leisten, ist beeindruckend: Sie trennen fein säuberlich die Stoffe, die unser Körper braucht, von jenen, die gemeinsam mit der überschüssigen Flüssigkeit als Harn ausgeschieden werden können. Das ist der Job der sogenannten Nephrone, von denen jede Niere etwa eine Million enthält. Sie reinigen das Blut in zwei Schritten: Der Glomerulus – ein winziges Gefäßknäuel – filtert Abfallstoffe und Wasser heraus, und der Tubulus – ein Röhrchen – entzieht dem Filtrat wichtige Nährstoffe und gibt sie zurück in den Blutkreislauf. Die Nieren regulieren die Blutbildung, steuern den Flüssigkeits- und Elektrolyt-, sowie Säure- und Basenhaushalt in unserem Körper. In den Nieren findet der Vitamin-D-Stoffwechsel statt, was gemeinsam mit der Steuerung des Calcium- und Phosphathaushalts für starke Knochen sorgt. Und dann wird hier Erythropoietin gebildet, ein Hormon, das die Blutbildung anregt und das als Dopingmittel zur Steigerung der Leistungsfähigkeit etwa bei der Tour de France schon mal Schlagzeilen gemacht hat.
Man kann die Nieren bei ihrem fleißigen Tun auch unterstützen. Nein, dazu muss man nicht „entschlacken“. Aus wissenschaftlicher Sicht braucht es keine „Entgiftung“ durch Detox-Maßnahmen. Ein gesunder menschlicher Körper ist selbstreinigend. Unerwünschte Stoffe werden über Leber, Nieren, Darm, Haut und Atmung ausgeschieden. Aber man sollte nicht zu viel Kochsalz verwenden, weil es „die Wirkung von nierenschützenden Medikamenten einfach komplett aufheben kann“. Auf Kalium muss auch geachtet werden, weil Niereninsuffizienz häufig zu hohen Kaliumwerten führt. Was dann wiederum Herzrhythmusstörungen bedingen kann, so Thimoteus Speer.
Neben Salz sind dann etwa auch Kartoffeln oder Hülsenfrüchte vorsichtig zu dosieren. Darüber hinaus sollten auch Arzneimittel auf ihre Nierentauglichkeit hin geprüft werden. „Schmerzmittel wie Ibuprofen oder auch Diclofenac können bei längerer Einnahme die Nieren schädigen, gerade, wenn sie schon angegriffen sind.“ Viele Medikamente, sagt der Experte, müssten in ihrer Dosis angepasst werden, weil deren Stoffwechselprodukte ja eben auch über die Nieren ausgeschieden werden, und wenn die nicht mehr richtig arbeiten, können sie sich akkumulieren.
Die Dialyse ist das vorletzte Mittel der Wahl
Sport ist zu empfehlen. Alles, was dem Blutdruck und dem Herzen guttut, gefällt auch den Nieren. Und natürlich ist ausreichend zu trinken eine gute Idee. Es droht ja nicht nur Dehydrierung und damit Stress für die Nieren. Es drohen auf Dauer auch Nierensteine, die sehr schmerzhafte Koliken zur Folge haben können. Sie entstehen, wenn im Urin gelöste Stoffe wie Kalzium, Oxalat oder Harnsäure stark konzentriert sind. Hauptursachen sind zu geringe Flüssigkeitszufuhr, eine unausgewogene Ernährung aus viel tierischem Eiweiß, Salz und Zucker.
Aber auch Übergewicht sowie erbliche Veranlagungen und Stoffwechselstörungen. Etwa zwei Liter Flüssigkeit pro Tag sollten es also schon sein. Allerdings bringt mehr da nicht mehr. Im Gegenteil. Übermäßiges Trinken belastet die Nieren, zumal, wenn sie ohnehin schon angegriffen sind. Sie können das überschüssige Wasser nicht ausscheiden. Deshalb kann eine Begrenzung – nach Absprache mit dem Arzt – sinnvoll sein, gerade, wenn auch zusätzlich eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) besteht. Bei Dialysepatienten fällt diese Rationierung sogar radikal aus. Denn alles, was reinkommt, muss ja – mechanisch – auch wieder gefiltert und ausgespült werden.
Die Dialyse ist das vorletzte Mittel der Wahl, wenn die Nieren gar nicht mehr arbeiten. Dann sitzt man dreimal in der Woche für vier Stunden zur „Blutwäsche“ etwa an einem der 21 Dialyseplätze an der Uniklinik. Gut, dass es sie gibt. Sehr viel besser, man braucht sie gar nicht. Denn es ist eine belastende Prozedur und lediglich ein Behelf, der die Zeit überbrückt, bis die Spenderniere eines Verstorbenen zur Verfügung steht. Das kann allerdings dauern. „Sie haben heute eine Wartezeit von zehn bis zwölf Jahren“, so Speer. Dabei verschlechtere sich der Zustand der Patienten oft so, dass sie noch während der Wartezeit versterben oder zu krank sind für den Eingriff.
Frankfurter Uni-Klinik ist Hessens größtes Transplantationszentrum
Eine Alternative ist die Lebendspende. Nach dem Transplantationsgesetz sind in Deutschland Nierenspenden von Verwandten ersten oder zweiten Grades erlaubt. Darüber hinaus sind Spenden von Personen möglich, „die eine persönliche, emotionale Verbindung zum Empfänger haben, wie Ehepartner oder langjährige enge Freunde“. Es werde dabei nicht nur die physiologische Kompatibilität streng geprüft, so der Experte. „Es werden auch sowohl Spender als auch Empfänger unabhängig voneinander psychologisch evaluiert.“ Auch um zu verhindern, dass Menschen so eine wichtige Entscheidung aus dem Gefühl heraus treffen, es werde von ihnen erwartet. Am Ende findet immer auch noch mal ein Gespräch vor der Ethikkommission der Ärztekammer statt.
Nierentransplantationen sind ein weiterer Arbeitsschwerpunkt von Thimoteus Speer. Immerhin ist das Universitätsklinikum in Frankfurt das größte Transplantationszentrum in Hessen und steht gerade vor der 3000. Nierentransplantation. Es handelt sich um einen etablierten Eingriff mit großen Erfolgsraten, nach dem ein nahezu normales, aktives Leben möglich ist. Allerdings mit lebenslanger Einnahme von Immunsuppressiva (Medikamente, die eine Abstoßung verhindern), die den Körper für Infektionen anfälliger machen – und mit viel Rücksicht – also auch Ernährungsdisziplin.
Auch um die Lebensdauer der Spenderniere – durchschnittlich etwa 20 Jahre – möglichst in die Länge zu ziehen. Am Ende aber gilt es, alles zu tun, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen und die Nieren schon vorher bei ihrer großartigen Arbeit zu unterstützen. Ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient haben. Sie ebenso regelmäßig zu überwachen wie den Blutdruck und den Blutzucker. Und vor allem gewahr zu sein, dass die Ruhe, mit der sie ihre Pflichten erledigen, durchaus auch einen großen Sturm ankündigen kann.





