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Carsten Knop

„Querdenker“-Demonstrationen : Die Kraft der Covid-Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Sind gegen die Corona-Regeln: „Querdenker“ bei einer Demonstration in Frankfurt Bild: Hannah Aders

Die Corona-Krise verunsichert viele Menschen zutiefst. Dadurch entstehen, wie in Frankfurt, emotional aufgeladene Auseinandersetzungen. Debatten müssen geführt werden – dürfen aber keine unüberwindlich scheinenden Gräben hinterlassen.

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          Die Briefe, die uns in diesen Wochen von unseren Leserinnen und Lesern erreichen, aber auch die Nachrichten rund um die jüngste Demonstration selbsternannter „Querdenker“ oder die Kommentare zur Situation in den Schulen zeigen es deutlich: Die Ohnmacht, zu der die Bekämpfung der Covid-19-Pandemie führt, verunsichert die Menschen zutiefst. Ein jeder reagiert darauf gemäß seiner persönlichen Disposition. Die einen billigen es der Politik nicht zu, dass hier Suchende mit nicht gesichertem Wissen Entscheidungen treffen müssen, die gut gemeint sind und das Schlimmste verhindern sollen. Sie fallen auf Rattenfänger herein.

          Den anderen gehen die Regeln längst nicht weit genug; sie pochen auf ihre Einhaltung, halten dieselbe für zu lasch. Die einen Eltern sind froh, dass die Schulen nicht geschlossen sind, und freuen sich über das, was Schulleitungen und Lehrer auf die Beine stellen, damit noch alles irgendwie klappt. Andere reiben sich die Augen ob der Dinge, die in den Schulen erlaubt oder Praxis sind, während die Restaurants geschlossen bleiben müssen. Sie fragen sich, warum Luftfilter noch nicht einmal gespendet werden dürfen, warum noch immer kein Unterricht im Schichtsystem eingeführt ist.

          Die Wut, nichts machen zu können

          Dankbarkeit dafür, dass Deutschland bisher vergleichsweise glimpflich durch die Krise kommt, artikuliert kaum jemand. Und wenn doch, dann wird gleich regierungsunkritischer Jubel unterstellt. Vielleicht gilt das alte deutsche Sprichwort, wer nicht kritisiert werde, sei ja genug gelobt worden. Aber in dieser emotional aufgeladenen Situation fehlen solche Stimmen.

          Die Sache mit der Ohnmacht ist unerfreulich, man kennt es sein Leben lang: die Wut, nichts machen zu können, gegen den König vom Schulhof. Die Nichtigkeit, zu der man verdammt ist, weil man glaubt, sein Anliegen nicht so vorbringen zu können, dass es gehört wird. So haben wir früh gelernt: Es ist gut, sich durchsetzen zu können, nicht auf Gnade angewiesen sein zu müssen. Andererseits gehört es zur Macht, Gegner zu produzieren, die sich derzeit zum Beispiel „Querdenker“ nennen. Der Träger der Macht aber entdeckt in der aktuellen Situation der Covid-19-Ungewissheiten seine tiefe Machtlosigkeit. In diesem Dilemma steckte am Wochenende die Frankfurter Polizei: Sie musste Demonstranten zu ihrem Recht verhelfen, auch wenn diese ihrerseits viele Regeln nicht einhielten, die zugleich zu verfolgen sind. Im Dannenröder Forst gilt Ähnliches: Dort kämpfen die Ausbaugegner der A 49 einen längst verlorenen Kampf, beschäftigen Polizisten, die gewiss den Klimawandel nicht leugnen, fühlen sich abwechselnd mächtig und ohnmächtig zugleich – und den Polizisten geht es nicht anders.

          Am Ende gilt hier wie dort der Hinweis, wie froh man sein könnte, in einem Staatswesen wie Deutschland zu leben, zu arbeiten und miteinander zu streiten. Wie gut die Institutionen funktionieren, wie menschlich es ist, Verantwortungsträger in Politik und Polizei, aber auch in der Justiz, als Suchende zu erleben, die sich – anders als gerne von Fehlgeleiteten unterstellt – an ihrer vermeintlichen Macht eben nicht berauschen. Alle sind einander verantwortlich, manchmal dauert es etwas länger, bis man zu einem Konsens findet. Aber der muss dann auch beachtet werden.

          Wie schrieb einer unserer Leser heute? „Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn jeder individuell festlegt, was richtig ist und was falsch.“ Wie wahr. Auch wenn alle eine Covid-Ohnmacht verspüren, so gilt es für die Zweifler an den Regeln, doch zu bedenken, dass Menschen, die im Krankenhaus liegen, seit Wochen nur in Ausnahmefällen Besuch erhalten dürfen. Und diejenigen, die die Schulbehörden angreifen, sollten auch wissen, dass nicht jede – jetzt in Frankfurt sogar grundsätzlich mögliche – Luftfilter-Spende unbesehen sofort eine gute Idee sein muss und alle nur daran interessiert sind, aus der Situation das Beste zu machen.

          Debatten müssen geführt werden. Sie dürfen aber nicht ins Chaos führen oder auch nur unüberwindlich scheinende Gräben aufreißen und hinterlassen. Wer nur auf Siegen und Unterwerfen gepolt ist, sucht tatsächlich keinen Dialog, sondern Streit. Die Kraft der Schwachheit ist die Kraft, nicht zu hassen. Das wäre doch schon einmal ein guter Neuanfang für manche öffentliche Debatte.

          Die Polizei feuert mit dem Wasserwerfer auf eine Blockade der Antifa. Bilderstrecke
          „Querdenker“ in Frankfurt : Blockade im Bahnhofsviertel

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