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Mangel an Hort-Plätzen : „Die Not der Eltern ist sehr groß“

Zwergenaufstand: Kinder und ihre Eltern demonstrieren in Bockenheim für mehr Hortplätze. Bild: Wonge Bergmann

In vielen Stadtteilen in Frankfurt fehlen Hortplätze. Mütter und Väter fordern schnelle Lösungen von der Stadt. Ohne Kinderbetreuung sehen sie ihre Arbeitsplätze bedroht.

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          Jorinde Gessner hat eine Schultüte gebastelt. Nicht für ihren Sohn, obwohl der nach den Sommerferien in die erste Klasse der Textorschule in Sachsenhausen kommt. Mit der Schultüte wendet sich die Mutter an die Öffentlichkeit und an die Stadtpolitik. In großen Buchstaben hat sie auf der Pappe eine Art To-do-Liste angebracht. Schule: Häkchen. Job: Häkchen. Hortplatz: Fehlanzeige.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Die Sorge, demnächst ein Schulkind, aber keine Nachmittagsbetreuung zu haben und deshalb womöglich den Beruf aufgeben zu müssen, treibt derzeit etliche Frankfurter Eltern um. Mehr als hundert, nach Angaben der Veranstalter etwa 400 Mütter und Väter, versammelten sich am Samstag an der Bockenheimer Warte, um gegen den Hortplatzmangel zu demonstrieren. Aufgerufen dazu hatte eine Elterninitiative aus dem Stadtteil, die Demonstranten kamen aus vielen Teilen der Stadt.

          Kein neues Phänomen

          „Wir müssen zeigen, dass das ein Riesenproblem ist“, ruft Sibylle Förster den anderen Protestierern zu. Förster ist eine Sprecherin der Bockenheimer Initiative, die wegen des Betreuungsproblems an der dortigen Franckeschule entstanden ist. „Wir müssen zeigen, dass die Not der Eltern sehr groß ist.“ Die Menge antwortet mit Rasseln, Trommeln, Trillerpfeifen und Kuhglocken. Auf einem der Plakate steht: „Kinder brauchen Horte, Mami und Papi auch“, auf einem anderen „SOS! Ohne Hortplatz Job in Not“.

          Dass es zu wenige oder nicht die richtigen Betreuungsangebote für Grundschüler gibt, ist kein neues Phänomen. Jedes Frühjahr bangen Eltern von schulreifen Kindern darum, ob sie einen Platz in einem Hort bekommen. Allerdings hat sich das Problem verschärft. Das liegt einerseits an der in Frankfurt wachsenden Kinderzahl, andererseits an politischen Vorgaben. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren auf den Ausbau der Krippenplätze konzentriert, weil Kinder bis drei Jahre seit 2013 einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben.

          Ganztagsschulen kommen erst in einigen Jahren

          Schon länger besteht das Recht auf einen Kindergartenplatz, weshalb das Angebot bis zum Schulalter verhältnismäßig gut ist. Schwierig wird es, wenn das Kind in die Schule kommt: Auf einen Hortplatz gibt es keinen Anspruch. Und weil die Stadt darauf setzt, dass der Hortbedarf durch die Entwicklung zu Ganztagsschulen ohnehin abnimmt, will sie die Nachmittagseinrichtungen auch nicht mehr ausbauen.

          Den Kindern, die heute einen Platz brauchten, sei mit Ganztagsschulen, die es erst in einigen Jahren gebe, aber nicht geholfen, sagt Oli Rubow von der Bockenheimer Elterninitiative. Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) habe es „verbockt“, den Übergang von der klassischen Hortstruktur zu den Ganztagsschulen zu gestalten. Doch noch sei es möglich, das Beste für die künftigen Erstklässler herauszuholen. „Es sind noch knapp drei Monate, in denen die Stadt zeigen kann, dass sie bereit zu unkonventionellen Lösungen ist.“ So sollten freie Räume kurzfristig als Horte genutzt werden, auch wenn nicht jede bauliche Vorschrift erfüllt sei: „Man muss nicht auf den Fettabscheider und jede Kloschüssel bestehen.“

          Unter den Demonstranten, die von der Bockenheimer Warte zur Franckeschule ziehen, ist auch Alix Puhl, die Vorsitzende des Stadtelternbeirats. Die starke Beteiligung am Protest zeuge von den Existenzsorgen der Eltern, sagt sie. Ein Beispiel dafür gibt Hyun Min Schoonaert, die in Sachsenhausen einen Hortplatz sucht. Ihre einjährige Tochter ist in einer Krabbelstube, ihr sechsjähriger Sohn besucht derzeit noch den Kindergarten. Beide Kinder sind also bis 17 Uhr betreut. „Aber was soll ich machen, wenn mein Sohn in die Schule kommt, die um 11.30 Uhr aus ist?“, fragt sie. Sie sei selbständig und könne ihre Arbeit nicht einfach auf einen halben Tag begrenzen.

          Ein paar Meter weiter schiebt Alexander Roesler, Vater aus Bornheim, seine dreijährige Tochter im Kinderwagen. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten müssten in Frankfurt beide Eltern arbeiten, um als Familie über die Runden zu kommen, sagt er. Seine andere Tochter sei fünf Jahre alt und komme nächstes Jahr in die erste Klasse. Wahrscheinlich auf die Kirchnerschule, in deren Einzugsbereich ebenfalls Dutzende Hortplätze fehlten. Selbst wenn in der Schule eine sogenannte Erweiterte Schulische Betreuung eingeführt werde, wie die Stadt das von ihr favorisierte Übergangsmodell zur Ganztagsschule nennt, sei das aus pädagogischer Sicht kein Ersatz für einen Hort. „Die Kinder sitzen nachmittags im Klassenraum und können sich beschäftigen, jemand passt auf – das kann es nicht sein“, findet Roesler.

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