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Zu Besuch in der Unterwelt : Spaziergang unter dem Main

Die U-Bahn-Tunnel in Frankfurt wurden von dem Chef der Verkehrsgesellschaft VGF für einen Besuch geöffnet. Bild: Pepaj, Marina

Die U-Bahn-Tunnel unter der Stadt sind verbotenes Terrain. Kein Unbefugter darf sie betreten. Doch jetzt hat der Chef der Verkehrsgesellschaft VGF sein unterirdisches Reich für einen Besuch geöffnet.

          Etwa 15 Meter unter dem Main verläuft auf Höhe der Untermainbrücke der U-Bahn-Tunnel. Wenn man mitten unter den Wassermassen des Flusses steht, können einem böse Gedanken kommen. Hat nicht einmal ein Feuerwehrmann gesagt, bei einem Wassereinbruch in die U-Bahn-Röhre schlössen sich am nördlichen und südlichen Ufer zwei Wehrtore, die ein Ausbreiten der Wassermassen in Richtung Hauptwache und Südbahnhof verhinderten? Doch Gnade jenen Fahrgästen, die sich beim Fallen der beiden Stahltore auf dem Abschnitt dazwischen befänden. Sie würden elendiglich ertrinken.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ist das wirklich wahr? Die Profis von der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) mit ihrem Anführer Michael Rüffer, die den Tunnel wie ihre Hosentasche kennen, geben Entwarnung. Fließe Wasser durch ein Leck in den Tunnel oder breche gar die Röhre unter der Last des Flusses zusammen, wurden von der VGF-Leitzentrale die beiden Wehrtore heruntergefahren. Aber erst, wenn sich auf der Strecke dazwischen kein Zug mehr befinde – und auch kein Passagier.

          „Person auf den Gleisen“

          Ohnehin sei ein solcher Wassereinbruch äußerst unwahrscheinlich. Er habe noch nie von einem solchen Fall in einem U-Bahn-Tunnel gehört, beruhigt einen einer der VGF-Mitarbeiter, die bei einem unterirdischen Spaziergang von der Station Südbahnhof zur Hauptwache dem Verkehrsdezernenten Klaus Oesterling (SPD) und dem Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) die Tunnelanlage zeigen.

          Aber ist das Betreten des Tunnels nicht streng verboten? Schrillen nicht alle Alarmglocken, wenn Menschen sich im Gleisbett der U-Bahn aufhalten? Zurzeit nicht. Denn die Röhre zwischen Südbahnhof und Hauptwache, überhaupt die gesamte A-Strecke der U-Bahn bis Heddernheim, ist momentan gesperrt. Wo normalerweise alle zweieinhalb Minuten auf dem rechten wie auf dem linken Gleis ein Zug vorbeirauscht, wirkt alles wie ausgestorben. Sechs Wochen lang haben Mitarbeiter der VGF und Handwerker von Fremdunternehmen in dem nunmehr 51 Jahre alten Tunnel gewerkelt. Am Montag wird die Sperrung aufgehoben, dann fahren wieder ununterbrochen U-Bahnen in der Röhre. Und niemand darf sich mehr dort herumtreiben.

          Nicht alle halten sich an das Verbot. Das lässt sich den Graffiti entnehmen, die Sprayer an einigen Stellen des Tunnels auf den Wänden hinterlassen haben. Vermutlich sind sie nach Betriebsende nachts eingestiegen und haben gesprüht. Glücklich ist man bei der VGF nicht über die ungebetenen Gäste, aber wie soll man das riesige U-Bahn-Netz in Frankfurt lückenlos rund um die Uhr bewachen?

          Weit über das Soll hinaus

          Der Verkehrsdezernent weiß als alter Eisenbahn-Liebhaber übrigens, wie man sich im Gleisbett bewegt: „Den Fuß von einer Schwelle auf die nächste setzen.“ Er und Magistratskollege Becker lassen sich vom VGF-Geschäftsführer Rüffer zeigen, was die Arbeiter und Techniker in den vergangenen sechs Wochen alles gemacht haben. Unter anderem installierten sie 55 Kilometer Glasfaserkabel für den BOS-Funk, der bei Zwischenfällen im Tunnel von der Feuerwehr, der Polizei und den Rettungsdiensten benutzt wird. Eigentlich sollten während der Sperrung nur 18 Kilometer dieser Kabel verlegt werden. Aber offenbar schnurrte die Arbeit so gut, dass die Leitungsbauer das Soll weit übererfüllten.

          Vier Meter hoch ist der Tunnel der A-Strecke und zwölf Meter breit. Ein Fahrstreifen tief unter der Erde, den Fahrgäste immer nur flüchtig wahrnehmen. Erst, wenn man einmal Schwelle für Schwelle die Röhre entlangläuft, merkt man, welch gewaltiges Bauwerk vor fünf Jahrzehnten ins Erdreich unter Frankfurt gebohrt wurde. Die Strecke will einfach kein Ende nehmen. Es fällt einem die Erzählung „Der Tunnel“ des Schweizer Dichters Friedrich Dürrenmatt ein, in der der Protagonist mit dem Zug in einen eigentlich recht kurzen Tunnel einfährt, der Tunnel dann aber einfach immer weitergeht.

          Eigentlich darf sich niemand in den U-Bahn-Tunneln herumtreiben. Bilderstrecke

          Solch pessimistische Todesgedanken verfliegen allerdings, wenn man Rüffer und seine Profis von dem hohen Sicherheitsstandard reden hört, der in dem Tunnel herrsche. Es gibt etwa eine Notbeleuchtung, die von der Leitzentrale sofort eingeschaltet wird, wenn die Meldung kommt: „Person auf den Gleisen“. Dass die Lampen ausfallen werden, muss man jetzt, da das gesamte elektrische Leitungssystem im Tunnel erneuert worden ist, überhaupt nicht mehr fürchten.

          Welche Heidenarbeit allein die diversen Kabelverlegungen waren, kann man daran ersehen, dass die Tunnelbauer allein 15.000 Bohrungen vornehmen mussten, um die Halterungen für die Kabelstränge einsetzen zu können. Etwa 1.000 dieser Steinbohrer sind dabei kaputtgegangen.

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