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Anne-Frank-Ausstellung : Blick durch die Rassisten-Brille

Das einzige dreidimensionale Objekt in der digitalen Schau der Anne-Frank-Ausstellung ist eine Kopie ihres Tagebuchs. Bild: Wiesinger, Ricardo

Die neue Anne-Frank-Ausstellung hat mit herkömmlichen Museumsbesuchen nicht mehr viel zu tun. Hier nehmen sich Jugendliche einen Computer und machen mit.

          In dieser Ausstellung gibt es nur ein einziges klassisches Objekt: das Tagebuch der Anne Frank. Natürlich nicht das Original, sondern eine Kopie. Wer sich die aufgeschlagenen Seiten genauer anschaut, sieht, dass Anne aus Frankfurt ihre berühmten Eintragungen über das Leben im Versteck im Amsterdamer Hinterhaus nicht auf Deutsch, sondern in Niederländisch verfasst hat.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer mehr über Annes Leben und Werk, auch über ihre Eltern oder über die anderen Untergetauchten in der Hinterhauswohnung des Hauses Prinsengracht 263 erfahren möchte, muss sich modernen Medien anvertrauen. Denn die neue Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank, die an Anne Franks 89. Geburtstag am 12. Juni eröffnet wird, ist weitgehend digital gestaltet. „Kein Museum, sondern ein Lernlabor“, wie Direktor Meron Mendel sagt.

          Konzipiert für Schulklassen

          Man könnte es auch ein Mitmachlabor nennen. Partizipation lautet der Schlüsselbegriff. Schon zu Beginn des Rundgangs wird in einem kleinen Film den Jugendlichen versichert: „Deine Meinung zählt“. Denn für Jugendliche von 13 Jahren an ist dieser Parcours konzipiert, wenngleich auch Erwachsene interessante Einsichten gewinnen können. Doch eigentlich sollen Schulklassen oder Jugendgruppen die neue Ausstellung besuchen. Sie brauchen niemanden mehr, der sie durch die Räume führt, ihnen die Objekte zeigt oder die Geschichten zu den Ausstellungsstücken erzählt. Diese Rolle übernehmen die digitalen Maschinen, an denen sich unendlich viel herumspielen lässt.

          Direktor Mendel hatte die Idee zu dem Konzept, als er mit seinem Sohn das Technikmuseum in Berlin besuchte, wo sich der Sohn überall an Mitmachstationen und Computern austobte. Zusammen mit seiner Stellvertreterin Deborah Krieg konzipierte er diese pädagogische Schau, die digitales Lernen modellhaft vorführt.

          Oder vorführen möchte, muss man vielleicht besser sagen, denn bisher sind noch keine Schülergruppen durch die neugeordneten Räume im Haus Hansaallee 150 gezogen, obwohl junge Leute als beratende Experten bei der Planung herangezogen wurden. Das größte Problem der Bildungsstätte dürfte darin bestehen, die Technik dauernd in Schuss zu halten. Denn wenn 30 oder 40 Jugendliche durch die Räume fegen, wird das Material erfahrungsgemäß sehr beansprucht.

          Welche Vorteile die digitale Technik bietet, merkt man gleich zu Beginn im historischen Teil der Schau. An der Wand hängt ein Grundriss der Amsterdamer Wohnung, in der sich die Familie Frank vom 6. Juli 1942 bis zu ihrer Entdeckung und Verhaftung am 6. August 1944 zusammen mit weiteren jüdischen Bewohnern versteckte. Man hält seinen kleinen Computer an einen Punkt, zum Beispiel auf Annes Zimmer, und schon kann man virtuell diesen Raum durchschreiten.

          Wann ist Hilfe nötig? Eine interaktive Lerntafel in der Anne-Frank-Ausstellung.

          Man sieht ihr Bett mit der geblümten Decke und einen dort sitzenden Stoffbären, zu sehen sind auch die Fotos von Filmstars wie Greta Garbo oder Ginger Rogers, die Anne an die Wand gepinnt hatte, aber auch das Bett des Zahnarztes Fritz Pfeffer, mit dem sie sich den Raum teilen musste. So kann man sich durch alle Räume des Verstecks bewegen, die für diese Filmaufnahmen so ausgestattet worden sind, wie sie in Annes Tagebuch oder von Zeitzeugen beschrieben wurden.

          Glaube an die Zukunft

          Von der historischen Anne Frank, die auch heutige Jugendliche und unter diesen auch Migrantenkinder fasziniert, kommt der Besucher in die mit „Morgen mehr“ überschriebene Gegenwart. Mit den beiden Worten endet der erste Tagebucheintrag Annes im Versteck, den man so interpretieren darf, dass das frühreife Mädchen mit dem literarischen Talent an ein Morgen, eine Zukunft glaubte.

          In fünf Kapiteln geht es um dieses „Morgen mehr“: mehr Mut, um zum Beispiel Hassreden entgegenzutreten, oder mehr Respekt, der einen davor bewahrt, andere zu diskriminieren und auszugrenzen. Dafür kann sich der Besucher „Racist Glasses“, also eine Rassistenbrille aufsetzen, und durch ihre Gläser sehen, wie sich ein nettes, biederes Mädchen mit anderer Kleidung und in entsprechender Umgebung in eine rassige Zigeunerin verwandelt. Es ist dein eigener Blick, der jemanden zu einer stereotypen Figur macht, lautet die Erkenntnis.

          Fertige Antworten will die Schau nicht liefern, dafür stellt sie viele Fragen, deren Beantwortung den jungen Besuchern eine Auseinandersetzung mit sich und seiner Umgebung abverlangt. Man hat den Eindruck, dass das in der Realität funktionieren könnte.

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