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Zwangsverrentung : Schluss damit!

Warum aufhören, wenn es doch so schön ist? Viele ältere Menschen fühlen sich noch fit und wollen weiter arbeiten. Bild: dpa

In Deutschland werden Arbeitnehmer mit 65 Jahren in Rente geschickt. Dabei fühlen sich viele fit und würden gerne länger arbeiten. Warum auch nicht? Lasst sie doch!

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          Die Deutschen arbeiten gerne länger. Sie wollen nicht schon mit 65 Jahren in Rente gehen, wie es das Gesetz derzeit vorsieht. Sondern erst dann, wenn sie keine Lust mehr haben. Schon jetzt gibt es dafür rechtlich einigen Spielraum. Und der wird auch genutzt. „In kaum einem anderen Land hat die Erwerbsbeteiligung der Älteren so sehr zugenommen“, sagt Karl Brenke, Forscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei seien zwei Drittel derer, die derzeit jenseits der gültigen Altersgrenze noch arbeiten, finanziell darauf überhaupt nicht angewiesen. Je höher das Alter, desto stärker steige die Erwerbsbeteiligung - natürlich von derzeit noch niedrigen absoluten Zahlen. „Diese Menschen sind intrinsisch motiviert“, sagt Brenke. Sie arbeiteten, weil sie es wollten. Der Forscher ist sich sicher: Die Entwicklung wird sich fortsetzen.

          Vor diesem Hintergrund bekommt die derzeit so heftig geführte Debatte um weitere Rentenreformen nahezu absurde Züge. Gerade erst wurde unter lautem Protest die Rente mit 63 Jahren eingeführt. Doch für die Bundesregierung ist damit noch lange nicht Schluss: Seit dem Sommer soll eine Arbeitsgruppe der Koalition eine weitere Flexibilisierung des Rückzugs aus dem Arbeitsleben erarbeiten. Im Dezember wird sie nach den Worten von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles Ergebnisse präsentieren.

          Mit 65 Jahren ist man nicht alt

          Auf den letzten Metern versuchen nun beide Parteien, ihre Vorstellungen darin unterzubringen. Dabei könnten die Ansinnen unterschiedlicher nicht sein: Der Wirtschaftsflügel der CDU hat ein zu Lasten der Beitragszahler üppig dotiertes Anreizkonzept dafür ersonnen, wie man die Arbeitnehmer möglichst lange und damit über das derzeit gesetzliche Rentenalter hinaus in Beschäftigung halten könnte. Gleichzeitig arbeitet Nahles konsequent weiter daran, dass sich möglichst viele Menschen möglichst früh ohne finanzielle Einbußen aus ihren regulären Arbeitsverhältnissen zurückziehen können. Dazu gehört auch, die bereits bestehende Teilrente attraktiver zu machen.

          Arbeitnehmer, die schon mit 63 Jahren ihre Arbeitszeit reduzieren und einen Teil der gesetzlichen Rente kassieren wollen, sollen mehr hinzuverdienen können. Bisher geht das nur sehr begrenzt. Die Begründung der Ministerin: Viele Ältere wollten länger arbeiten, könnten aber mit den Jüngeren nicht mehr mithalten - deswegen das kombinierte Modell. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist darüber hinaus mit einer Flexirente in die Diskussion gezogen, die ein allmähliches Ausscheiden aus dem Arbeitsleben schon ab 60 erleichtert.

          Angesichts des kontinuierlichen Anstiegs der Lebenserwartung schüttelt so manch einer da den Kopf. Mit 60 oder 63 Jahren ist man nicht alt. Mit 65 auch noch nicht. Das meint Axel Börsch-Supan, Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des MEA (Munich Center for the Economics of Aging). Für das Gros der Bevölkerung gebe es überhaupt keinen Grund, mit Erreichen des runden Geburtstags an die Rente zu denken. Aus vielen Studien weiß er: Die Produktivität nimmt mit 50, 60 oder gar 65 nicht ab. Und es ist alles andere als erwiesen, dass die älteren mit den jüngeren Mitarbeitern nicht mithalten könnten. „Wenn die Menschen später sterben, verschiebt sich auch der Beginn des Alterns“, sagt er. Alt sei man erst 15 Jahre vor seinem Tod.

          Arbeit ist viel mehr als Mühsal

          Vor allem die besser Qualifizierten haben längst begriffen, dass ihnen die Arbeit viel mehr als Mühsal bringt. Sie hält sie fit. „Viele, die sich mit ihrem Job identifizieren, wollen bleiben“, weiß auch DIW-Forscher Brenke. Da stellt sich die Frage: Warum nur will die Politik sie partout dazu ermuntern, sich möglichst früh sukzessive zurückzuziehen?

          Immerhin: Der Wirtschaftsflügel der CDU will das Gegenteil. Wer über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeitet, soll belohnt werden. Die Arbeitgeberbeträge für die Renten- und Arbeitslosenversicherung sollen ihm zusätzlich zu seinem Gehalt überwiesen werden. Die Frage ist auch hier: Warum mehr Geld, wenn so oder so immer mehr Menschen länger arbeiten wollen und wenn das nach dem Gesetz auch heute schon belohnt wird? „Das alles sind Vorschläge, die der aktuellen Gesetzeslage wenig Beachtung schenken“, sagt der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen, der sich seit zwei Jahrzehnten intensiv mit dem Thema befasst.

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