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Folge der Corona-Pandemie : „Es werden mehr Tiere abgegeben als sonst“

Sucht ein neues Zuhause: Mischling Frida im Nürnberger Tierheim Bild: dpa

Das Nürnberger Tierheim nimmt derzeit keine Tiere mehr auf – das Haus ist zu voll. Leiterin Tanja Schnabel spricht im Interview über die Folgen des Haustier-Booms während Corona, zwielichtige Verkäufer im Internet und den Hundeführerschein.

          3 Min.

          Frau Schnabel, Sie leiten das Tierheim in Nürnberg. Aktuell haben Sie einen Aufnahmestopp. Wie viele Tiere betreuen Sie derzeit?

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Unser Haus ist in diesem Jahr durchgehend voller als sonst. Momentan haben wir mehr als 120 Katzen im Haus. Normalbestand wären 80 bis 100. In anderen Abteilungen sieht es genauso aus. Hunde haben wir derzeit 55, zudem rund 200 Klein- und Wildtiere. Das sind nicht nur Abgabetiere, wir nehmen ja aktuell keine Tiere auf. Der ein oder andere setzt sein Tier einfach aus, als Fundtier landet es dann trotzdem bei uns. Dazu kommt, dass auch wir wegen Urlaubszeit und Krankheitsausfällen an Personalmangel leiden. Es hakt an allen Ecken und Enden. Aus anderen Häusern höre ich, dass die Situation ähnlich ist.

          In den Sommerferien werden üblicherweise mehr Tiere abgegeben. Was ist in diesem Jahr anders?

          Wir vermuten, dass viele, die jetzt überfordert sind, sich das Tier während der Corona-Zeit zugelegt haben. Gerade bei Hunden kann man sich das aufgrund ihres Alters ausrechnen. Der offizielle Grund, den die Halter bei der Abgabe nennen, ist natürlich nicht die Corona-Pandemie. Das sind angebliche Allergien oder fehlende Zeit, in Einzelfällen auch finanzielle Pro­bleme oder Umzüge. Meines Erachtens hat der Halter dann kein Interesse gehabt, dafür zu sorgen, dass das Tier nach dem Umzug seinen Platz hat.

          Zurzeit sehr gefragt: Tanja Schnabel leitet das Tierheim Nürnberg.
          Zurzeit sehr gefragt: Tanja Schnabel leitet das Tierheim Nürnberg. : Bild: Foto privat

          Die Leute haben sich in der Homeoffice-Zeit zu leichtfertig für ein Tier entschieden?

          Definitiv. Gerade bei Hunden wird die Erziehung unterschätzt. Die Leute holen sich einen Welpen und denken: Der funktioniert schon irgendwie. Aber Hunde müssen erzogen und sozialisiert werden. Dass es da immer mehr Probleme gibt, merken wir auch beim Gassigehen in der näheren Tierheimumgebung. Es sind verstärkt Besitzer mit Hunden unterwegs, die zwar ohne Leine laufen, aber absolut nicht abrufbar sind. Das ist schwierig, wenn man selbst mit einem Tierheimhund samt Leine und Maulkorb unterwegs ist und plötzlich einen unerzogenen jungen Hund vor sich rumhüpfen hat, der nicht auf seinen Besitzer hört. Es fehlt auch an Rücksichtnahme auf andere. Neulich habe ich einen Halter gebeten, sein Tier anzuleinen, wenn es nicht hört. Da hat er mir eine Standpauke gehalten: Hier sei kein Leinenzwang, wenn mir das nicht passt, solle ich hier nicht unterwegs sein. Das hat mich schockiert.

          Kommen auch Tiere zu Ihnen zurück, die das Tierheim in dieser Zeit vermittelt hat?

          Während Corona gab es auch bei uns eine verstärkte Nachfrage. Wir haben aber gründlich sortiert und gefragt, welche Absichten dahinterstecken und ob es nach der Homeoffice-Zeit einen Plan für das Tier gibt. Unsere Vermittlungen haben deshalb gut funktioniert. Auch Züchtern ist es in der Regel wichtig, Tiere gut unterzubringen. Wird ein Tier über Kleinanzeigen im Internet angeboten, geht es dem Verkäufer oft nur ums Geld. Da werden die Leute nicht gefragt, ob ihnen bewusst ist, wie viel Zeit ein Tier in Anspruch nimmt. Die Verkäufer interessiert nicht, was aus dem Tier wird.

          Lassen diejenigen, die ein Tier loswerden möchten, noch mal mit sich reden?

          In den meisten Fällen ist es schon zu spät, wenn die Leute sich bei uns melden. Aber wenn wir voll sind, sind wir voll. Gerade verhaltensauffällige Hunde können wir nicht irgendwo hinstopfen, die müssen trainiert werden. Da versuchen wir, mit den Haltern Alternativen zu finden. In vielen Fällen empfehlen wir einen Hundetrainer. Meist ist das Interesse an einer Lösung aber nicht groß, oft heißt es: „Das haben wir schon probiert, das hat nicht funktioniert“ oder „Da habe ich kein Geld für“.

          Sind mehr gesetzliche Vorgaben für den Kauf von Tieren nötig?

          Wir freuen uns über alles, was zu einer besseren Situation beiträgt. Zum Beispiel die Einführung eines Hundeführerscheins, dann müssten zumindest Grundkenntnisse vorhanden sein, wenn man sich einen Hund zulegen will. Für die Hunde, die Halter und die Sicherheit der Bevölkerung wäre das hilfreich. Dann könnte man auch die Rasselisten abschaffen. Nach unserer Erfahrung ist nicht der Hund das Problem, sondern das andere Ende der Leine. Ich kann aus jedem Hund einen bissigen Hund machen. Durch die Rasselisten entsteht auch Chaos, weil sie von Bundesland zu Bundesland variieren – da kann es passieren, dass man sein Tier bei einem Umzug tatsächlich nicht mitnehmen kann.

          Welche Rolle spielt illegaler Welpen­handel in den Tierheimen?

          Die Zahlen waren in der Corona-Zeit horrend. 2021 sind bei uns mehr als 180 illegal eingeführte Tiere gelandet. Das war massiv mehr als in den Vorjahren.

          Was raten Sie Menschen, die sich ein Haustier zulegen möchten?

          Informieren Sie sich genau, welche Bedürfnisse das Tier hat. Wie viel Zeit, wie viel Geld muss ich aufwenden? Gibt es eine Allergie gegen Tierhaare oder Streu? Was passiert mit dem Tier, wenn ich krank oder im Urlaub bin? Das Tierheim berät Sie gerne, auch wenn Sie das Tier später woanders holen möchten. In solchen Fällen sollten Sie aber die Quelle prüfen. Erreiche ich den Verkäufer später, wenn ich Fragen habe? Ist das Tier mal durchgecheckt worden? Im Zweifel sollten Sie den Anbieter mehrmals besuchen. Übergaben auf dem Parkplatz sind meist ein Warnsignal.

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