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Extreme embalming auf Trinidad : Respektvoll oder nur makaber?

Die Einbalsamierung des russischen Staatsgründers sorgte seinerzeit ebenfalls für Diskussionen: Lenin wollte einen Personenkult um sich vermeiden. Bild: dpa

Auf Trinidad und Tobago sorgt eine Beisetzung für Diskussionen: Durch eine extreme Form der Einbalsamierung wurde ein Toter so hergerichtet, dass er auf einem Stuhl sitzend auf der Ladefläche eines Pick-Ups zur Kirche gefahren wurde.

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          Der Kern des tragischen Ereignisses ist rasch erzählt: Am Abend des 15. November gegen 23.30 Uhr wurden Adlay Lewis, 54 Jahre alt, und sein 29 Jahre alter Sohn Che Lewis im Haus der Familie in Diego Martin nahe Port of Spain auf Trinidad im Schlaf erschossen. Zehn Tage später wurden Vater und Sohn gemeinsam auf dem Friedhof von Diego Martin zu Grabe getragen. Die Ermittlungen über den Hintergrund der Bluttat dauern nach Angaben der Polizei an.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die besonderen Umstände der Beerdigung von Adlay und Che Lewis haben nicht nur auf Trinidad und Tobago, sondern in der gesamten Karibik zu hitzigen Diskussionen geführt. Es geht um das „extreme embalming“, die extrem aufwendige Einbalsamierung der sterblichen Überreste eines Menschen. Das Bestattungsunternehmen Dennie’s Funeral Home richtete auf Wunsch der Hinterbliebenen den Leichnam von Che Lewis so her, dass man ihn in seiner bevorzugten Feiertagskleidung und mit Sonnenbrille auf einen Stuhl setzen konnte. Statt im geschlossenen Sarg wie sein Vater Adlay wurde Che Lewis auf der Ladefläche eines Pick-ups zur Kirche gefahren. Neben dem Leichnam saßen zwei Angestellte des Bestattungsunternehmens im schwarzen Anzug. Naturgemäß wurde die Fahrt des besonderen Leichenwagens durch die Straßen der Hauptstadt Port of Spain gefilmt, die Handyaufnahmen verbreiteten sich rasch über soziale Medien.

          Che Lewis musste draußen bleiben

          Der Priester, der die Bestattungsfeier zelebrierte, lehnte es aber ab, dass mit dem Sarg von Vater Lewis auch der Stuhl mit dessen Sohn in die Kirche St. John the Evangelist getragen wird. Che Lewis musste bei seiner eigenen Bestattungsfeier draußen bleiben, auf seinem Stuhl neben der Kirchentür. Die Sarglegung auch von Che Lewis erfolgte dann unmittelbar vor der eigentlichen Beerdigung. Derweil prüft die Polizei, ob gegen das Bestattungsunternehmen wegen verbotenen Personentransports auf einer offenen Ladefläche ein Bußgeld verhängt werden kann.

          Inzwischen hat das Erzbistum Port of Spain wissen lassen, man werde bei Beerdigungen keinen derart „unwürdigen“ Umgang mit einem Leichnam mehr hinnehmen. Der Leib sei der „Tempel des Heiligen Geistes“ und auch nach dem Tod „mit höchstem Respekt zu behandeln“.

          Leichnam solle am Spieltisch sitzend „aufgebahrt“ werden

          Von Respektlosigkeit wollten die Angehörigen von Che Lewis und das Beerdigungsinstitut aber nichts wissen. Im Gegenteil. „Jedes Leben ist einzigartig, deshalb sollte auch jede Beerdigung einzigartig sein“, lautet der Wahlspruch von Dennie’s Funeral Home. Die Eigentümer des vor drei Jahren gegründeten Bestattungsinstituts zeigten sich zufrieden mit dem großen Echo auf die Beerdigung von Che Lewis. Ein betagter leidenschaftlicher Kartenspieler habe jüngst seine Bestellung abgegeben, sagte der Geschäftsführer Cochese Tyler Dennie Anfang der Woche einer Lokalzeitung. Der Kunde habe verfügt, dass sein einbalsamierter Leichnam in seiner Lieblingsbar, am Spieltisch sitzend „aufgebahrt“ werden solle.

          Tatsächlich hat sich das „extreme embalming“ in den vergangenen Jahren in der Karibik verbreitet, vor allem in Puerto Rico, aber auch in Städten wie New Orleans. Angesichts tropischer Temperaturen empfiehlt eine Handreichung der kalifornischen Diözese San José die Einbalsamierung des Leichnams ausdrücklich, zumal wenn für die Aufbahrung mehrere Tage vorgesehen sind. Doch von welchem Punkt an ist eine Einbalsamierung „extreme“? Wird die Mehrzahl der Gläubigen auch künftig akzeptieren, dass allein die Kirche bestimmt, was respektvoll ist und was makaber?

          Anfang Oktober wurde in einer Kirche in Assisi in Mittelitalien der Leichnam von Carlo Acutis in einem gläsernen Sarkophag gezeigt. Acutis war im Oktober 2006 im Alter von 15 Jahren einer Leukämieerkrankung erlegen und wurde in Assisi beerdigt. 14 Jahre später wurde sein Leichnam exhumiert, mittels Silikon umfassend wiederhergestellt und sodann „extrem einbalsamiert“: Im gläsernen Sarg schien ein schlafender Junge zu liegen. Die Zurschaustellung des rekonstruierten Leichnams von Carlo Acutis ereignete sich vor der vor allem von Papst Franziskus vorangetriebenen Seligsprechung des Jugendlichen. Der hatte im Alter von elf Jahren ein Online-Verzeichnis aller eucharistischen Wunder auf der ganzen Welt erstellt. Nach 19 Tagen wurde die gläserne Front des Hochsargs mit dem einbalsamierten Leichnam verschlossen. Im Mai soll sie wieder geöffnet werden.

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