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„Zweites Neujahr“ in Südafrika : Kapstadt, Klopse, Karneval

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Bunt und laut wie immer: Kostüme und Karneval gibt es auch in Kapstadt, allerdings dort schon Anfang Januar, um das neue Jahr einzuläuten. Bild: Getty

Bald ziehen wieder Jecken und Narren in Kostümen durch die Straßen. Auch andernorts steckt mehr dahinter als Lust am Verkleiden – zum Beispiel in Südafrika.

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          Wenn sich Bewohner hiesiger Karnevals-Hochburgen gerade mal vom Silvester-Rausch erholen und die fünfte Jahreszeit Deutschland noch auf sich warten lässt, geht knapp 12.000 Kilometer weiter südlich das große Feiern bereits richtig los. Der „Kaapse Klopse“-Karneval in Kapstadt nimmt es locker auf mit den Umzügen, die drei Monate später die Straßen von Köln, Düsseldorf, Mainz und Aachen in Ausnahmezustand versetzen. Tausende bunt geschminkte Menschen, vor allem Männer und Jungen aus den als „Coloured“ bezeichneten Bevölkerungsgruppen, ziehen traditionell am 2. Januar durch Kapstadt.

          Ihre Uniform: maßgeschneiderte Anzüge in den kühnsten Farbkombinationen und Mustern, vom Dreiteiler in Pink mit grüner Pailletten-Fliege bis zu weißen Sakkos mit blauen Sternen zu roten Hosen, und dazu jeweils perfekt abgestimmte Panama-Hüte und Sonnenschirme. Sein Ende findet der von lauter Musik begleitete, farbenprächtige Umzug passenderweise in Bo-Kaap, dem für seine knallbunt gestrichenen Fassaden berühmten Viertel, in dem bis heute vor allem Kap-Malaien leben.

          „So soll es für die Mitglieder interessant bleiben“

          Mit der Fastenzeit hat dieser Karneval nichts zu tun. Hier wird das neue Jahr begrüßt – nur eben kurz nach Silvester. „Tweede Nuwe Jaar“ heißt dieses Fest, das ist Afrikaans für „Zweites Neujahr“. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die oft aus Südostasien stammenden Sklaven und ihre Nachfahren am Kap nur an diesem Tag frei. Also nutzten sie ihn für ihr eigenes Neujahrsfest und tanzten damals noch im Frack durch die Straßen, als Persiflage auf ihre niederländischen Herren. Auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei 1834, bis zu deren faktischer Umsetzung es noch lange dauern sollte, wurde am 2. Januar gefeiert.

          Jeder Zug hat sein eigenes Farbschema.

          Aus den Fräcken wurden Jacketts, doch die Tradition lebt weiter. 1998 eröffnete Nelson Mandela die Feierlichkeiten, stilecht in grün-glitzernder Pailletten-Jacke zur orangefarbenen Hose und passendem Einstecktuch. Dieses Jahr tanzten und musizierten die „Klopse“, wie die Clubs oder auch Spielmannszüge auf Afrikaans heißen, wegen eines islamischen Festes zwar erst zwei Tage später durch die Stadt. Der Farbenpracht tat dies aber keinen Abbruch. Bunt und laut wie immer traten die Züge auf, jeder in einem eigenen Farbschema.

          „So lassen sich die Truppen gut voneinander unterscheiden, und jede kann auf sich aufmerksam machen“, sagt Muneeb Gambeno, seit 2007 Mitglied der Kaapse Klopse Karnival Association. Der 42-Jährige wuchs quasi im Karneval auf; sein Vater gründete 1980 eine eigene Truppe, die heute beide gemeinsam leiten. Das bedeutet nicht nur viel organisatorische Arbeit für Vater und Sohn, auch ihre Kreativität ist gefragt. Denn die Truppen treten jedes Jahr in anderen Kostümen auf. In welchen Farben und Mustern sie durch die Straßen tanzen werden, erfahren die Karnevalisten selbst erst immer wenige Tage zuvor. Die Entscheidung liegt bei den Chefs der Truppen, oft spielen dabei auch aktuelle Modetrends eine Rolle. „So soll es für die Mitglieder interessant bleiben“, sagt Gambeno. Auch für das Publikum ist es auf diese Weise besonders spannend. Bei bis zu 1500 Mitgliedern, die ein einziger Zug haben kann, müssen jedes Jahr eine Menge neuer Kostüme in exzentrischen Farb- und Mustermixen genäht und bestickt werden.

          Erinnerung an die westlichen Militärs

          Statt riesige Fabriken in Asien zu beauftragen, die zu Tiefpreisen arbeiten, lassen viele Truppen ihre Anzüge und Hüte von Schneidereien und Hutmachern vor Ort herstellen. Auch die von Gambeno: „Das verschafft vielen Frauen und Männern einen Job, denen sonst die Arbeitslosigkeit drohen würde.“

          Ganz frei von Ambivalenz ist das farbenfrohe Fest jedoch nicht. Seine Inspiration soll nämlich unter anderem in den heute als rassistisch kritisierten „Minstrel“-Shows aus den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts liegen. Dort karikierten weiße Musiker schwarze Sklaven und traten auch in Südafrika auf. Das heute als „blackfacing“ verpönte Make-up der Amerikaner wandelten die Kaapse Klopse ab: Sie bemalten ihre Gesichter strahlend weiß. Die Augen umrandeten sie schwarz, was dem Fest den Beinamen „Coon Carnival“ verschaffte, abgeleitet vom englischen Wort für Waschbär und ebenfalls oft als rassistisch wahrgenommen. Heute sind beim Neujahrs-Karneval nicht nur weiß, sondern auch knallbunt geschminkte, fast wie Kunstwerke anmutende Gesichter zu sehen – und alle Ethnien willkommen.

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