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Håkan Nesser : Das ganze Leben ist Mord

Håkan Nesser am Gendarmenmarkt, wo er demnächst hinziehen möchte - für einen Monat Bild: Gyarmaty, Jens

Håkan Nessers Krimis haben in Deutschland Millionen Leser. Dabei fand der frühere Lehrer nur durch Zufall zu den Storys um Kommissare und Mörder. Sein neuer Plan: ein Berlin-Buch.

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          Nehmen wir an, wir müssten für eine Geschichte einen erfolgreichen schwedischen Krimiautor erfinden. Weil diese Geschichte leider nicht in Schweden spielt, wo wir den Mann vor ein rotes Holzhäuschen mit weißen Kanten an einen See setzen könnten, plazieren wir ihn auf einer Bühne in Berlin-Mitte. Der große Saal ist - natürlich - voll, der Applaus am Ende wird laut und herzlich sein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unser Schriftsteller sitzt zwischen einer Moderatorin und einem deutschen „Tatort“-Kommissar, die er beide um fast einen Kopf überragt. Er trägt ein zerknittertes Sakko, das helle Hemd hängt über dem Hosenbund. Sein Haar ist ergraut, die Stirn hoch. Wenn er redet, sagt er niveauvolle Dinge, die trotzdem unterhaltsam sind. Ein bisschen Petterson, ein bisschen Michel aus Lönneberga - was wir von Schweden halt so erwarten. Dann liest der Fernsehkommissar - nennen wir ihn Dietmar Bär - aus dem neuesten Roman des Schriftstellers.

          Er sieht zufrieden aus

          Und während es um aberwitzige Kinderlügen und eine Schulhofklopperei geht, während das Publikum jeden originellen Dreh mit immer freierem Lachen quittiert, stützt der Schriftsteller sein Kinn in die Hand, lauscht seinem Text auf Deutsch und lächelt. Er sieht zufrieden aus.

          Selbstverständlich gibt es diesen Schriftsteller. Er heißt Håkan Nesser, und schon allein weil diese Geschichte kein Roman, sondern ein Autorenporträt in einer Zeitung ist, darf man berechtigterweise davon ausgehen, dass dieser freundliche, knapp 64 Jahre alte Mann vergangene Woche tatsächlich auf Lesereise in Deutschland war mit seinem jüngst erschienenen Buch „Himmel über London“. Selbstverständlich hat er sich auch mit der Autorin dieses Artikels getroffen, vor der Lesung, in einem Hotel mit Blick auf den Gendarmenmarkt.

          Aber da ist diese Sache mit dem „nicht ganz wahrhaftigen Erzähler“, wie Nesser es ausdrückt, der in seinem neuen Roman unsere Vorstellungen von Fiktion und Wirklichkeit so durcheinanderwirbelt, dass man sich plötzlich fragt, was eigentlich überhaupt real ist und wer darüber im Zweifelsfall die Kontrolle hat.

          „Eine Art Hommage an das Schreiben“

          Nesser sagt: „Eigentlich hätte das mein letztes Buch werden müssen, weil es eine Art Hommage an das Schreiben, an das Geschichtenerzählen ist. Es ist so wichtig, jemanden zu haben, der erzählt. Ohne Erzähler keine Geschichte.“

          Der Schriftsteller greift nach dem Buch, das auf dem Sofa herumliegt, und schält den Schutzumschlag mit seinem Namen und dem Gewitterhimmel darauf herunter. Da steht, völlig überraschend, weiß auf schwarz aufs Cover geprägt: „Steven G. Russell. Bekenntnisse eines Schlafwandlers“. Schwedische Leser wandten sich an den Verlag, überzeugt, da sei wohl ein Fehler passiert.

          Seine Popularität verdankt Nesser Kriminalromanen. Dank den Kommissaren Van Veeteren (zehn Bände) und Barbarotti (fünf Bände) beläuft sich die Håkan-Nesser-Gesamtauflage allein in Deutschland auf 7,5 Millionen Bücher. Sein aktuelles Werk jedoch, sagt der Autor, hätte man vielleicht mit der Warnung versehen sollen, dass es sich nicht um einen Krimi handele: „Ich weiß, dass viele Leute dieses Buch nicht mögen.“

          Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten

          Es gibt zwar einen ersten Satz, der auf Agatha Christie anspielt: „Wir kamen um 16.50 Uhr mit dem Heathrow Express in Paddington an.“ Wenige Zeilen später erfahren wir auch, dass in London ein mysteriöser Serienkiller umgeht. Der Protagonist ist ein reicher Mann, der nicht mehr lange leben wird und seinen 70. Geburtstag plant.

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