https://www.faz.net/-gum-95mlu

Wettkampf in der Pfalz : Wenn der Weihnachtsbaum zum Speer wird

  • Aktualisiert am

Andreas Steinle wirft die Fichte 5,16 Meter weit. Bild: dpa

Bei der Weltmeisterschaft im Weihnachtsbaumwerfen sind in der Pfalz nicht nur sportliche Fähigkeiten gefragt. Außer Kraft und Technik schwören die erfahrenen Wettkämpfer vor allem auf ein Erfolgsrezept: ausreichend Glühwein.

          2 Min.

          Mit Wucht dreht sich Andreas Steinle dreimal um die eigene Achse, dann fliegt die Fichte, an einer dicken Paketschnur befestigt, wie beim Hammerwurf über seine rechte Schulter und kracht auf den Hartplatz. 5,16 Meter, verkündet der Wettkampfrichter. „Mann, ist mir jetzt schwindelig“, sagt der 51-Jährige. Tiefe Lachfalten graben sich in sein Gesicht. Er ist am Sonntag extra aus Waghäusel-Kirrlach aus dem Landkreis Karlsruhe ins pfälzische Weidenthal gefahren. Dort messen sich zum zwölften Mal zahlreiche Männer und Frauen mitten im Pfälzerwald bei der Weltmeisterschaft im Weihnachtsbaumwerfen. Hunderte Zuschauer, eingepackt in dicke Daunenjacken und Wollmützen, verfolgen den Dreikampf am Rande des Sportplatzes.

          Die Teilnehmer müssen eine etwa 1,50 Meter große Fichte wie einen Speer werfen, wie einen Hammer schleudern und über eine Hochsprunglatte jagen – die Höhe bestimmen sie selbst. Die Einzelwerte werden addiert; wer auf den größten Gesamtwert kommt, gewinnt.

          Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Wettstreit hatten die alten Herren des Fußballclubs F.C. „Wacker“, angelehnt an die Aktion einer schwedischen Möbelkette, verrät Organisator Herbert Laubscher. Passend dazu klebt ein Stoffelch auf seinem Schlapphut. „Natürlich sind die Fichten keine echten Weihnachtsbäume.“ Die Nadelgewächse seien am Samstag extra im gemeindeeigenen Wald gefällt worden, so der 65-Jährige. „Ich mache das jetzt schon länger und noch immer ist das eine Riesengaudi“, sagt Laubscher.

          Frank Schneider lässt die Fichte fliegen.

          Ähnlich sieht das auch der Weltrekordhalter Frank Schwender aus Frankeneck. „Klar will man nicht verlieren, aber ich nehme das alles locker“, sagt der 53-Jährige mit dem breiten Rücken. Vor dem ersten Wurf „dopt“ er sich mit einem Bier. „Für Glühwein ist es mir zu warm“, sagt er und lacht. Der Verkaufsleiter ist hart im Nehmen, er tritt sogar trotz seines Muskelfaserrisses an. „Das wird aber keine Ausrede sein“, schiebt er hinterher.

          Sein Konkurrent, der amtierende Titelverteidiger und Lokalmatador Christopher Milloth (27), schlürft lieber einen halben Liter Kakao – natürlich mit Alkohol. „Zugegeben, wir sind auch Weltmeister im Trinken.“ Einige Probewürfe haben die Weit- und Hochwerfer trotzdem zuvor gemacht, schließlich lässt es sich sonst unter dem Jahr nicht für die WM trainieren. „Ich kann ja schlecht den Weihnachtsbaum im Wohnzimmer rumschmeißen“, sagt Milloth und grinst.

          Hoch hinaus: Die Sportler müssen die Bäume auch über eine Hochsprunglatte jagen.

          Probleme mit dem fehlenden Training hat auch Brigitte Enzenauer (54), die nicht nur ihren Freund Andreas Steinle unterstützt, sondern selbst auch zum ersten Mal antritt. „Ich hatte schon ein bisschen Herzklopfen“, verrät sie. Im Weitwurf pfefferte sie die Fichte beim zweiten Versuch auf stolze 3,55 Meter. Die Idee bei der WM teilzunehmen hatten beiden beim Kegeln. Jetzt sind sie im Wettkampffieber. „Die Jacke habe ich schon ausgezogen, so warm ist mir“, sagt die medizinische Fachangestellte. Dabei weht unter dem grauen Wolkenteppich am Himmel ein eisig-kalter Wind, der vielen Wettkämpfern Probleme macht. Die Muskeln werden kalt, und der Baum scheint noch schwerer in der Luft zu liegen.

          Viele Zuschauer wärmen sich währenddessen an ihren Glühweinkrügen. „Ein halber Liter, sowas habe ich noch nie erlebt“, sagt Oliver Denk aus Mannheim. „Das ist wirklich großartig“. Mit seiner Frau ist er zum ersten Mal in die Pfalz gefahren. „Wir sind total überrascht und begeistert“, schwärmt der 50-Jährige.

          Weitere Themen

          Prinzessin Leonor tritt erstmals ins Rampenlicht

          Spanische Thronfolgerin : Prinzessin Leonor tritt erstmals ins Rampenlicht

          Wie ihr Vater hält die Infantin mit 13 Jahren ihre erste öffentliche Rede bei den „spanischen Nobelpreisen“ – und macht es besser als der König einst. Bei ihrem nächsten Auftritt könnte es allerdings ungemütlicher zugehen.

          Topmeldungen

          Eine Familie flieht am Samstag auf einem Motorrad aus der Region um die Stadt Ras al Ain.

          Nordsyrien : Kurden räumen Grenzstadt zur Türkei

          Die brüchige Waffenruhe nutzen kurdische Einheiten zum Rückzug aus einer umkämpften Stadt. Außenminister Maas nennt den türkischen Angriff völkerrechtswidrig, und in der Nato schließt unter anderem Deutschland den Bündnisfall aus.

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.