https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/tod-von-aerztin-kellermayr-schaerfere-gesetze-gefordert-18219075.html

Tod von Ärztin Kellermayr : „Im Internet fallen offensichtlich die Hemmungen“

Auf dem Wiener Stephansplatz erinnern Menschen mit Kerzen an die österreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Bild: AFP

Nach dem Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wird auch in Deutschland ermittelt. In Österreich fordert die Ärztekammer schärfere Gesetze, höhere Strafen und eine Bewusstseinsänderung bei den Behörden.

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          Im Zu­sammenhang mit Drohungen gegen die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wird offenbar gegen Tatverdächtige in Deutschland ermittelt. Die Staatsanwaltschaft München II hat am Mittwoch bestätigt, dass gegen einen Mann aus Oberbayern wegen des Verdachts der Beleidigung und Bedrohung ermittelt wird. Angaben zum Alter des Mannes oder dazu, ob ihm das Verfassen von Folter- und Morddrohungen vorgeworfen werde, machte die Behörde nicht. Nach Medienberichten soll auch bei der Staatsanwaltschaft in Berlin ein Tatverdächtiger angezeigt worden sein.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Leichnam der Ärztin, die am 29. Juli tot in ihrer Praxis aufgefunden worden war, ist auf Wunsch der Angehörigen obduziert worden, wie die Staatsanwaltschaft Wels am Mittwoch mitteilte. An der „Verdachtslage“ eines Suizids habe sich nichts geändert, sagte ein Sprecher. Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis wurde keine Fremdeinwirkung festgestellt. Die toxikologischen Ergebnisse stehen noch aus.

          Brutale Gewaltphantasien und Morddrohungen

          Die 36 Jahre alte Ärztin hatte ihre Praxis im oberösterreichischen Seewalchen einigen Wochen vor ihrem Tod geschlossen. Als Grund hatte sie die zahllosen Drohungen genannt, die wegen ihres öffentlichen Engagements für Corona-Impfungen und andere Maßnahmen gegen die Pandemie über soziale Medien ausgestoßen worden waren – darunter brutale Gewaltphantasien und Morddrohungen gegen sie selbst und die Menschen in ihrer Praxis. Die Polizei hatte ihr nach ihren Angaben erklärt, sie könne gegen anonyme Täter im Internet nichts Erfolgversprechendes ausrichten und einen dauerhaften Personenschutz nicht leisten. Medien berichteten hingegen über leicht zu ermittelnde Spuren, etwa zu einem polizeibekannten Neonazi im Berliner Raum und zu einer Person in Oberbayern. Kellermayr engagierte ein privates Unternehmen zum Schutz der Praxis, ihrer Mitarbeiter und Patienten, das sie nach eigenen Angaben mehr als 100.000 Euro kostete und damit wirtschaftlich ruinierte. Zu alldem äußerte sie sich regelmäßig über Twitter und in Interviews.

          Am Montagabend versammelten sich in Wien, Wels, der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz und anderen Städten tausende Menschen, um ihrer zu gedenken. Bundespräsident Alexander Van der Bellen legte in Seewalchen Blumen nieder, die Ärztekammer rief zur Teilnahme an dem „Zeichen für Solidarität und gegen Gewalt und Hass“ auf. Ärztekammer und Polizei sind in den vergangenen Tagen kritisiert worden, weil sie Kellermayr nicht hinreichend unterstützt hätten. Ein Sprecher der oberösterreichischen Polizei hatte beispielsweise Ende Juni im ORF-Radio unterstellt, die Ärztin habe sich in die Öffentlichkeit gedrängt und wolle mit einer sehr dramatischen Darstellung ihres Falls „über die Medien das eigene Fortkommen“ fördern. Auch die Ärztekammer riet ihr, sich öffentlich lieber zurückzuhalten.

          Über das Internet übermittelten Hassbotschaften und Morddrohungen durch anonyme Impfgegner sind viele Personen ausgesetzt, die öffentlich für Impfungen und Corona-Maßnahmen auftreten. Die aus Deutschland stammende Innsbrucker Virologin Dorothee von Laer, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren oft interviewt wurde, berichtete beispielsweise darüber am Mittwoch im ORF-Radio. Sie habe infolgedessen ein Burn-out erlitten. „Es hat mich auch sehr belastet, vor allem weil diese Hass-E-Mails zum Teil wirklich sehr verletzend waren. Ich habe dann gelernt, mich ein bisschen vorsichtiger auszudrücken, es immer nur als meine subjektive Meinung darzustellen. Da­durch war ich vielleicht nicht mehr so ein Angriffspunkt.“ Zeitweise sei sie nur mit Perücke auf die Straße gegangen. Die meisten Drohungen seien via E-Mail ge­kommen. „Im Internet fallen offensichtlich die Hemmungen und da ist es dann auch unter die Gürtellinie gegangen und zwar wirklich mit Ausdrücken, die man nicht wiederholen kann.“

          Die Ärztekammer gab an, sie habe einen Kurs zu Deeskalationsmaßnahmen mit einer Selbstverteidigungseinheit eingerichtet. Die Kurse seien „ständig ausgebucht“. Ein Kammervertreter forderte jetzt schärfere Gesetze, höhere Strafen und eine Bewusstseinsänderung bei den Behörden, dass „die Bedrohungen und Hass im Internet nicht mehr leichtfertig als Kavaliersdelikt hinzunehmen sind“.

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