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Niels Högel sagt aus : Der Serienmörder als Hauptzeuge

Einer der Angeklagten mit seinen Anwälten. Bild: AFP

Ein Pfleger, der mindestens 85 Patienten tötete, steht als Zeuge vor Gericht: Der Prozess gegen sieben ehemalige Vorgesetzte soll klären, wie viel Ärzte, Pflegeleitung und Geschäftsführung von seinen Taten wussten.

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          Niels Högel war schon häufiger im großen Festsaal der Weser-Ems-Halle, in den er am Dienstagvormittag um kurz vor zehn Uhr hineingeführt wird. In dem Saal hatte der große Prozess gegen ihn stattgefunden, an dessen Ende er im Jahr 2019 wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Nun tritt Högel in einer neuen Rolle vor Richter Sebastian Bührmann. Der schlimmste Serienmörder der Bundesrepublik, dessen wahre Opferzahl vermutlich im deutlich dreistelligen Bereich liegt, ist Zeuge in einem Gerichtsverfahren, das ebenfalls Justiz­geschichte schreiben könnte: Auf der Anklagebank sitzen sieben frühere Vorgesetzte von Niels Högel aus den beiden Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst – Ärzte, Pflegeleitung, Geschäftsführung. Ihnen wird vorgeworfen, von den Morden Högels Ahnungen, wenn nicht gar Wissen gehabt zu haben.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Indizien dafür gibt es etliche aus den Jahren 1999 bis 2005, in denen Högel in den beiden Krankenhäusern tätig war. Da ist jene Strichliste zu der Frage, bei welchem Pfleger die meisten Patienten starben: Niels Högel, der von seinen Kollegen Spitznamen wie „Rettungsrambo“ oder „Todes-Högel“ bekam, führte die Liste mit deutlichem Abstand an. Auffällig war auch, wie der Verbrauch von Ajmalin in die Höhe schnellte. Högel verwendete vor allem dieses spezielle Herzmedikament, damit seine Patienten reanimationspflichtig werden und er dann vor seinen Kollegen als Retter glänzen konnte. Am Ende der Mordserie wurden leere Ampullen mit den gefährlichen Medikamenten gefunden, Högel wurde sogar auf frischer Tat ertappt. Und konnte dennoch nochmals morden.

          Als Täter ist Niels Högel der wichtigste und auch der erste Zeuge, der in dem Prozess befragt wird. Das Verfahren gilt juristisch als bedeutend diffiziler als die ins­gesamt drei Prozesse gegen den Serienmörder selbst, die seit 2006 stattgefunden haben. Högel ist mittlerweile 45 Jahre alt, er hat sich verändert. Das Haar beginnt sich zu lichten, der Körper ist vielleicht noch etwas stärker aufgedunsen. Aber Högel gibt inzwischen offensichtlich wieder stärker Acht auf gepflegte Kleidung. Statt Schlabber-Look trägt er nun ein weißes Hemd und ein Halstuch, darüber einen blauen Pullover.

          „Sie dürfen hier nicht mauern“

          „Sie müssen hier die Wahrheit sagen“, belehrt ihn Richter Bührmann, „und Sie dürfen hier nicht mauern.“ Diese Pflicht bezieht sich zumindest auf all die Taten, wegen derer der Krankenpfleger bereits verurteilt wurde. Niels Högel scheint die Ermahnung aber gar nicht zu benötigen. Er will aussagen. Obwohl er seine Taten vor Gericht lange abgestritten hatte und sie bloß scheibchenweise zugab, im Gefängnis indes mit seinen Morden offenbar prahlte, hatte man schon in dem großen Mord­prozess 2019 den Eindruck, dass Högel sich einer Aufarbeitung nicht verweigert.

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