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Nach Sorgerechtsentzug : „Zwölf Stämme“ erhalten ein Kind zurück

In Klosterzimmern bei Deiningen (Bayern) lebt die Glaubensgemeinschaft der «Zwölf Stämme» Bild: dpa

Nachdem eine Gefährdung des Kindeswohls nicht nachgewiesen werden konnte, kommt ein Kind wieder zurück zu den „Zwölf Stämmen“. Anfang September wurden insgesamt 38 Kinder aus der Glaubensgemeinschaft in staatliche Obhut genommen.

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          Ein Elternpaar der „Zwölf Stämme“, dem sein Kind vorläufig entzogen worden war, hat sein Dreijähriges inzwischen zurückerhalten. Eine Gefährdung des Kindeswohls habe nicht nachgewiesen werden können, heißt es in einer Mitteilung des Amtsgerichts Ansbach vom Montag. Die Familie aus Lateinamerika sei auch nur zu Besuch bei der Glaubensgemeinschaft gewesen. Schon nach der Anhörung der Eltern am Freitag hatte der Familienrichter die einstweilige Anordnung in diesem Fall aufgehoben. Das Kind ist wieder bei seinen Eltern.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          An diesem Dienstag wird der Familienrichter damit beginnen, die weiteren Kinder, die drei Jahre oder älter sind, in ihren Pflegefamilien anzuhören. Das werde ungefähr zwei Wochen in Anspruch nehmen, hieß es. Danach werde er entscheiden, ob die einstweiligen Anordnungen aufrechterhalten oder aufgehoben würden.

          Am Freitag hatte der Richter des Amtsgerichts alle fünf im Landkreis Ansbach betroffenen Elternpaare im Rahmen des nichtöffentlichen Anordnungsverfahrens angehört. Für Mittwoch ist auch die Anhörung der Eltern aus dem Landkreis Donau-Ries vor dem Amtsgericht Nördlingen vorgesehen.

          Erziehungsmethoden der „Zwölf Stämme“ sind fraglich

          Die Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ hat neben ihrem Hauptsitz Gut Klosterzimmern in Deiningen im Landkreis Donau-Ries auch einen Sitz in Wörnitz im Landkreis Ansbach. An beiden Orten hatte die Polizei am 5. September insgesamt 38 Kinder in staatliche Obhut genommen. Die Kinder wurden nach richterlicher Anordnung in Pflegefamilien und Heimen untergebracht. Den Mitgliedern wird vorgeworfen, die Kinder bei Verstößen gegen die Regeln der Gemeinschaft mit Weidenruten geschlagen zu haben. Laut „Spiegel online“ unterhält die Gemeinschaft weitere Standorte. Seit Juli leben demnach auch einige Mitglieder in Dolchau in Sachsen-Anhalt. Angeblich sind dort etwa zehn schulpflichtige Kinder seit Tagen verschwunden. Die Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und 16 Jahren sollen auf einen Hof der Gemeinschaft in der Tschechischen Republik gebracht worden sein.

          Die Eltern aus dem Landreis Ansbach hatten zugestimmt, dass in dem Anordnungsverfahren auch Zeugen vernommen werden, zu denen sechs Aussteiger gehörten. Ihre Aussagen, an geheimem Ort aufgenommen, wurden per Videotechnik in den Sitzungssaal übertragen. Der Richter konnte die Zeugen dann über Telefon befragen. So sollte den Zeugen eine Konfrontation mit den Angehörigen der Gemeinschaft erspart werden. Drei der Aussteiger waren schon vernommen worden. Sie schilderten die Vorgaben für die Erziehung der Kinder. Während der Anhörung sollte auch das Erziehungshandbuch „Our child-training teachings“ der „Zwölf Stämme“ zur Sprache kommen. In dem 146-Seiten-Handbuch werde in einem Kapitel erwähnt, wie Kinder mit der Rute gezüchtigt werden. Bezug genommen wird dabei auf das Buch der Sprüche 13,24: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.“

          Kinder sollen geschützt werden

          Nach Zeugenaussagen hat der Richter auch die Eltern einzeln zu ihren Anträgen angehört. Alle Eltern forderten, die gerichtlichen Beschlüsse aufzuheben. Das Gericht hatte am 3. und 4. September den Eltern „Teilbereiche ihres Rechts der elterlichen Sorge“ vorläufig entzogen. Dazu gehört unter anderem das „Recht zur Aufenthaltsbestimmung“ und das „Recht zur Regelung der ärztlichen Versorgung“. Es bestand die Gefahr, so heißt es, dass es zu einer „erheblichen Schädigung der Kinder“ kommen würde, wenn diese bei ihren Eltern verbleiben würden. „Der Schutz der Kinder konnte nur so gewährleistet werden.“

          Die Gemeinschaft ist nach den zwölf Stämmen Israels benannt. Gegründet wurde sie in den siebziger Jahren in den Vereinigten Staaten. Die Mitglieder wollen sich an biblischen Grundsätzen orientieren.

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