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Mehr Flexibilität : Japan behält expansive Geldpolitik noch länger bei

Die Bank of Japan hält Kurs Bild: dpa

Einige kleinere Korrekturen, neue vorausschauende Zinsleitlinien und etwas mehr Flexibilität: Die Bank von Japan bereitet sich vor, die extrem expansive Geldpolitik länger als zuvor beizubehalten.

          Tagelang wurde an den Finanzmärkten über eine beginnende Straffung der Geldpolitik durch die Bank von Japan spekuliert. Japans Zentralbank versucht vor diesem Hintergrund einen Spagat. Am Dienstag sicherte der geldpolitische Rat um Gouverneur Haruhiko Kuroda zu, die extrem niedrigen Kurz- und langfristigen Zinssätze für eine ausgedehnte Zeit beizubehalten.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Zugleich aber will die Notenbank den langfristigen Zinssatz vielleicht stärker als bisher um den Nullpunkt schwanken lassen. Das sind die wichtigsten Änderungen der Geldpolitik, die die japanische Notenbank am Dienstag beschlossen hat.

          Langfristzinsen dürfen stärker schwanken

          Am Aktienmarkt in Tokio holten der Topix und der Nikkei-225-Index nach der Entscheidung vorherige Verluste auf. Der Yen gab gegenüber dem Dollar in der Tendenz leicht nach. Die Rendite japanischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sank geringfügig auf 0,06 Prozent.

          Die Zentralbank setzte den kurzfristigen Zinssatz unverändert bei minus 0,1 Prozent fest. Der langfristige Zehn-Jahres-Zins für japanische Staatsanleihen soll wie zuvor um null Prozent liegen. Ausdrücklich betont die Zentralbank indes, dass dieser zu einem gewissen Grad schwanken dürfe, abhängig von Wirtschafts- und Inflationsentwicklung.

          Schon bisher hatte die Notenbank faktisch eine Obergrenze von 0,1 Prozent gesetzt, ohne dies öffentlich zu kommunizieren. Der Verweis auf mögliche Schwankungen deutet die Bereitschaft der Bank an, mehr Flexibilität zuzulassen. Ob damit auch die faktische Obergrenze verschoben wird, bleibt vorerst offen. Zuletzt hatte die Zentralbank in einer schnellen Abfolge geldpolitischer Geschäfte dafür gesorgt, dass dieser nicht über 0,1 Prozent stieg.

          NIKKEI

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          Der Titel der Erklärung der Bank von Japan, „Den Rahmen für eine andauernde geldpolitische Lockerung stärken“, deutet die programmatische Richtung an. Der Zentralbank geht es vorerst nicht darum, die Geldpolitik zu straffen. Sie will durch etwas mehr Flexibilität eher die Voraussetzungen schaffen, die Geldpolitik noch länger als zuvor geplant expansiv zu halten.

          Mit der vorausschauenden Zinsleitlinie („forward guidance“) greift die Bank von Japan dabei auch in der Wortwahl eine Politik auf, die die amerikanische Notenbank Federal Reserve nach der Finanzkrise 2008 eingeführt hatte. Die verbale Zusage einer zeitlich ausgedehnten expansiven Geldpolitik soll Spekulationen entgegenwirken, dass die Zentralbank an eine Straffung denke.

          Inflationserwartungen gesenkt

          Eine restriktivere Geldpolitik scheint in weiter Ferne. Nach den am Dienstag vorgelegten Wachstums-und Inflationsprognosen haben die Mitglieder des geldpolitischen Rats ihre Preiserwartungen deutlich nach unten gesetzt. Für dieses Fiskaljahr erwarten sie im Schnitt eine Inflationsrate von nur noch 1 Prozent. Das ist nur halb so viel wie die Zielrate von 2 Prozent.

          Selbst in zwei Jahren, im Fiskaljahr 2020, sieht die Zentralbank die Inflationsrate bei gerade mal rund 1,5 Prozent. Mit der drastischen Lockerung der Geldpolitik hatte Gouverneur Kuroda im Frühjahr 2013 eigentlich versprochen, binnen zwei Jahren die Inflationsrate auf etwa 2 Prozent getrieben zu haben. Nun wird die Bank auch nach sieben Jahren das Ziel nicht erreicht haben.

          Eine große Flexibilität der Zehnjahreszinssätze könnte dazu beitragen, dem Kapitalmarkt wieder mehr Spielraum zu lassen und so negative Begleiterscheinungen der aggressiv-expansiven Geldpolitik für Banken und Versicherer zu verringern. In diese Richtung zielt auch der weitere Beschluss der Notenbank, den Interessen der Geschäftsbanken durch eine Neuberechnung der Mindestreservevorschriften entgegenzukommen. Durch die Korrektur müssen die Geschäftsbanken auf weniger ihrer Einlagen bei der Zentralbank den Strafzins von minus 0,1 Prozent zahlen.

          Die Bank von Japan teilte ferner mit, dass sie die Einkäufe von handelbaren Fondsanteilen (ETF) stärker auf den breiten Aktienindex Topix und damit weniger stark auf den enger gefassten Nikkei-Aktienindex ausrichten wolle. Damit will die Bank die Kritik dämpfen, dass die Ankäufe von ETF-Anteilen im Wert von rund sechs Billionen Yen im Jahr die Entwicklung des Aktienmarkts zu sehr verzerre. Auch dies ist ein Signal, dass die Notenbank stärker auf die Nebenwirkungen ihrer Geldpolitik achtet, ohne die expansive Politik aufzugeben.

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