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Zweitgrößte Volkswirtschaft : An den Börsen wird China zum Sorgenkind

Protest und Sorgen: Menschenansammlungen vor der Zentrale von Evergrande in Shenzhen Bild: AFP

In China warnen staatliche Behörden vor Zahlungsausfällen des Immobilienentwicklers Evergrande. Der Anleihehandel ist schon ausgesetzt. Anleger fürchten Schockwellen.

          3 Min.

          An den Finanzmärkten richten sich die Blicke sorgenvoll auf das Reich der Mitte. Die Volksrepublik China ist in den vergangenen Jahren und vor allem in der Corona-Pandemie die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft gewesen. Doch nun schwächelt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wegen regionaler Corona-Ausbrüche und gestörter Lieferketten: Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze wuchsen im August jeweils so schwach wie seit rund einem Jahr nicht mehr.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Inken Schönauer
          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Die Industriebetriebe steigerten ihre Erzeugung nur noch um 5,3 Prozent zum Vorjahresmonat, wie aus den am Mittwoch veröffentlichten Daten des Statistikamtes hervorging. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 5,8 Prozent gerechnet, nach einem Plus von 6,4 Prozent im Juli. Die Einzelhändler steigerten ihren Umsatz nur um 2,5 Prozent. Hier waren Ökonomen von einem Anstieg um 7,0 Prozent ausgegangen. „Die chinesischen Konjunkturdaten für August waren eine große Enttäuschung“, sagte Commerzbank-Ökonom Hao Zhou. „Angesichts der regionalen Schließungen wegen neuerlicher Corona-Infektionen fiel insbesondere die Inlandsnachfrage schwach aus.“ Da Peking die Corona-Beschränkungen seit Ende August allmählich gelockert habe, dürfte die Konjunktur aber im September wieder etwas besser aussehen.

          Doch an den asiatischen Börsen sorgten die Konjunkturzahlen für Enttäuschung. In Tokio fiel der Leitindex Nikkei um 0,5 Prozent auf 30.511 Punkte. Der breiter gefasste Topix-Index sank um 1,1 Prozent. Die Börse in Shanghai sackte um 0,4 Prozent ab. Der Index der wichtigsten Unternehmen in Shanghai und Shenzen verlor 1,2 Prozent. Auch in Deutschland gingen die Anleger in Deckung. Der Deutsche Aktienindex Dax trat am Mittwoch mit 15 727 Punkten auf der Stelle.

          Drohende Schuldenkrise in China?

          In der deutschen Wirtschaft läuten die Alarmglocken. „Die Gefahr einer Überhitzung des chinesischen Immobilienmarktes ist nicht von der Hand zu weisen“, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), der Nachrichtenagentur Reuters. Sollte die Blase am Immobilienmarkt platzen, könne der Konsum in China leiden oder der Bau als wichtiger Konjunkturmotor ausfallen. China ist der zweitwichtigste Absatzmarkt für Produkte „made in Germany“ nach den USA: 2020 wurden Waren im Wert von rund 96 Milliarden Euro dorthin verkauft.

          Sorgenvolle Blicke gelten einer möglichen Schuldenkrise in China. Auslöser sind Zahlungsschwierigkeiten des zweitgrößten Immobilienentwicklers des Landes, Evergrande. Am Mittwoch warnte nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg die chinesische Wohnbaubehörde vor Zahlungsausfällen. Evergrande werde nicht in der Lage sein, die am 20. September fälligen Zinsen für Kredite zu bedienen, hieß es in dem Bloomberg-Bericht unter Berufung auf Insider. Das Unternehmen sei in dieser Woche in Gesprächen mit Finanzinstituten über ein Zinsmoratorium und eine mögliche Verlängerung von Darlehen.

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          Die Meldung über den bevorstehenden Zahlungsausfall setzte die Evergrande-Anleihen unter Druck. Nach einem Kursrutsch von mehr als 20 Prozent wurde der Handel mit der bis Mai 2023 laufenden Anleihe an der Börse Shenzen ausgesetzt. Auch der bis Januar 2023 laufende Bond rutschte um rund 20 Prozent ab, der Kurs der in Shanghai gehandelten bis Mai 2024 laufenden Anleihe fiel mehr als 20 Prozent. Für diese Titel kündigte der Börsenbetreiber aber keine Handelsaussetzungen an.

          Sorgen um die Zukunft von Evergrande

          Schulden von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar lasten auf Evergrande. Seit Jahresbeginn ist der Aktienwert des Konzerns um drei Viertel gefallen. Die Unternehmensanleihen werden teilweise nur noch mit einem Drittel des Nennwerts gehandelt. Die Ratingagentur Standard & Poor’s stufte die Bontitätsnote des Unternehmens und seiner Tochtergesellschaften auf die drittniedrigste Stufe „CC“ nach unten. Die Liquiditäts- und Refinanzierungssituation von Evergrande sei erheblich schlechter geworden, Umsätze und Barbestände signifikant zurückgegangen, erklärten die Analysten von Standard & Poor’s. Der Ausblick für die Bonitätsnote des Unternehmens steht auf „negativ“. Damit kann eine weitere Abstufung folgen.

          Investoren sorgen sich um die Zukunft des Konzerns, Fachleute fürchten schon mögliche Auswirkungen auf das Bankensystem und den Immobilienmarkt Chinas. Hier konnte die Ratingagentur Fitch am Mittwoch etwas beruhigen. Zahlungsausfälle bei Evergrande seien für das chinesische Bankensystem in Gänze verkraftbar. Jedoch dürften kleinere Institute einen deutlichen Zuwachs an faulen Krediten in ihren Bilanzen spüren. Die Fitch-Analysten verwiesen auf einen Stresstest der chinesischen Zentralbank, wonach die durchschnittliche Eigenkapitalquote der rund 4000 Banken Chinas nur geringfügig sinken würde, wenn die Zahl der ausfallgefährdeten Darlehen bei Immobilienkonzernen zunehme. Evergrande wird immer als Immobilienriese bezeichnet, ist aber ein Konglomerat. Mehr als 3,8 Millionen Arbeitsplätze hängen daran, rund 200.000 direkt. Der Gründer Xu Jiayin gilt als der fünftreichste Chinese.

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