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Jahrelanger Kurs-Anstieg : Wie stark sind die deutschen Technologieaktien?

Der Zahlungsabwickler Wirecard ist Tec-Dax-Primus des vergangenen Monats: Seit dem 25. Juli legte das Unternehmen 174 Punkte zu. Bild: Reuters

Der Tec-Dax steigt erstmals über 3000 Punkte und viele Einzelwerte sind schon sehr teuer. Experten vermuten zwar einen weiteren Kursanstieg, der könnte ab dem 24. September jedoch deutlich abflauen.

          Über die Nemetschek Group wird selten berichtet, und doch ist sie an der Börse ein absoluter Star. Innerhalb eines Jahres hat sich ihr Börsenwert mehr als verdoppelt, seit Beginn der aktuell laufenden Hausse im Jahr 2009 ging es für den Kurs um ganze 5250 Prozent in die Höhe. Damit lässt der Softwareentwickler aus München die Superstars aus dem Silicon Valley wie Apple oder Alphabet weit hinter sich. Und das ganz ohne iPhone, sondern nur mit Marken wie Allplan, Graphisoft und Cremsolution, die außerhalb des Baugewerbes kaum jemand kennen dürfte.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nemetschek ist einer der Spitzenwerte im deutschen Technologiewerte-Index Tec-Dax. Für den geht es seit Jahren fast nur bergauf, am Montag hat er erstmals seit seiner Erfindung im Jahr 2003 die Marke von 3000 Punkten durchbrochen. Bis zum Nachmittag stieg er um knapp 1 Prozent auf 3012 Punkte. Allein innerhalb eines Jahres hat er damit ein weiteres Drittel an Wert gewonnen, auf Sicht von fünf Jahren ging es um 186 Prozent nach oben. Seinen großen Bruder Dax hat er damit weit hinter sich gelassen. Trotz vieler Schwankungen geht es in der ersten Börsenliga seit einem Jahr kaum nennenswert nach oben.

          Der Tec-Dax profitiert auch von der allgemeinen Technologie-Begeisterung, welche Apple, Amazon und Konsorten an den Börsen ausgelöst hat. Nicht selten erhält der Tec-Dax zusätzlichen Aufschwung, wenn die amerikanische Technologiebörse Nasdaq gut läuft. Doch können deutsche Mittelständler wie Nemetschek, Sartorius oder auch der viel gefeierte Zahlungsdienstleister Wirecard mit den Börsenlieblingen aus dem Silicon Valley mithalten?

          Christian Kahler, der bei der DZ Bank für die Aktienstrategie zuständig ist, gibt sich skeptisch. „Die aktuelle Bewertung des Tec-Dax ist enorm sportlich“, gibt er zu bedenken. Nach Angaben des Finanzportals Bloomberg liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Indizes aktuell bei rund 31. Das heißt, die Börsenbewertungen aller im Index vertretenen Werte sind 31-mal so hoch wie die aktuell zu erwartenden Gewinne.

          Für den Dax, der die größten deutschen Börsenwerte vereint, liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei rund 15. Einige der Technologiewerte sind noch deutlich teurer bepreist. So kommt der Laborzulieferer Sartorius auf ein KGV von stolzen 75, Nemetschek auf fast 69. Selbst wenn man bedenkt, dass viele Investoren bei jungen, aufstrebenden Unternehmen höhere Preisaufschläge hinnehmen, weil eben in der Zukunft mit höheren Gewinnen zu rechnen ist, sind solche Werte ziemlich hoch.

          Gute Prognose für Entwicklung des Tex-Dax

          DZ-Bank-Stratege Kahler will sich zwar zu einzelnen Werten nicht äußern. Er verweist aber auf eine andere wichtige Messzahl, welche dabei hilft, zu bewerten, ob eine Aktie zu teuer ist oder nicht. Demnach sollte das Kurs-Gewinn-Verhältnis möglichst nicht größer als das Gewinnwachstum sein. Gemessen am Gewinnwachstum von 18 Prozent, das die DZ Bank dem Tec-Dax im nächsten Jahr zutraut, ist das aktuelle KGV von 31 also schon reichlich hoch. Eine Blase wie einst am Neuen Markt kann Kahler aber nicht erkennen. Auch wenn der Tec-Dax einst als Nachfolger des krachend gescheiterten Nemax 50 eingeführt wurde, steckt aus seiner Sicht heute doch wesentlich mehr Qualität in dem Index.

          „In der Auswahl stecken viele Hidden Champions, die sich mit Gewinnsteigerungen von 20 bis 40 Prozent sehr dynamisch entwickeln. Da können Anleger schon mal eine Risikoprämie hinzuzahlen. Außerdem glauben wir, dass der Börsenaufschwung und die gute Konjunktur noch eine Weile anhalten, also auch der Tec-Dax noch weiter steigen wird.“ Sollte es allerdings einmal zu einem schärferen Rücksetzer an den Börsen kommen, könnten sich die aktuell hohen Bewertungen rächen. „Wenn der Dax um 20 bis 30 Prozent korrigiert, könnte es für den Tec-Dax aus Erfahrung leicht um 50 Prozent nach unten gehen“, warnt Kahler.

          Dass sich der Tec-Dax in diesem Jahr weit besser geschlagen hat als der Dax, hat auch durchaus handfeste Gründe. Zum einen sind die kleinen Technologiewerte weniger abhängig vom Export als die im Dax vertretenen Konzerne. So lasten die Befürchtungen vor den Folgen der internationalen Handelskonflikte nicht so schwer auf ihren Kursen wie auf denen von Dax-Werten wie Daimler, Volkswagen und BMW. Auch die jüngsten Kurskapriolen von Bayer und Thyssen-Krupp haben dem Aufschwung im Dax zunächst ein Ende bereitet.

          Auch im Tec-Dax haben längst nicht alle Einzelwerte einen Lauf. Zu den schwächsten Titeln auf Jahressicht zählt der Halbleiterhersteller Dialog Semiconductor, dessen Hauptabnehmer Apple ist. Was lange ein dickes Plus für das Unternehmen war, führt inzwischen zu der Sorge, dass der iPhone-Hersteller über kurz oder lang seine Chips selbst produzieren könnte – was herbe Folgen für Dialog hätte. Die Hälfte seine Börsenwerts hat das Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten eingebüßt. Für den 3D-Drucker-Hersteller SLM Solutions ging es im gleichen Zeitraum um 27 Prozent bergab, für Drägerwerk ging es um 23 Prozent nach unten.

          Umstellung zum 24. September

          Wie lange hält der Aufwärtstrend des Tec-Dax also noch an? Zumindest aus Sicht der technischen Analyse, die ihre Schlüsse aus geometrischen Untersuchungen von Kursverläufen zieht, stehen die Zeichen weiter rosig. „Der Tec-Dax bewegt sich in allen Zeitebenen in einem intakten Aufwärtstrend und weist seit geraumer Zeit deutliche relative Stärke zum Leitindex Dax auf“, heißt es in einer Analyse der Commerzbank vom Montag. Nach zwischenzeitlichen Rücksetzern halten die Analysten nun einen Anstieg auf bis zu 3181 Punkte für möglich.

          Zum 24. September, wenn die Deutsche Börse die Regeln für die von ihr berechneten Indizes ändert, beginnt auch für den Tec-Dax eine neue Zeitrechnung. Dann werden auch die Technologiewerte aus dem Dax, also SAP, die Deutsche Telekom und Infineon in den Index einfließen. Auch wenn ihre Gewichtung auf 10 Prozent gedeckelt werden soll, kritisiert doch mancher Beobachter, dass die drei Dickschiffe dem Tec-Dax seine Wachstumsdynamik nehmen dürften.

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