https://www.faz.net/-gv6-7rn3r

IT : Software AG - Holperfahrt in die Zukunft

  • Aktualisiert am

Politisch gut vernetzt: Software-AG-Chef Streibich (l) mit Bundeskanzlerin Merkel und dem britischen Premierminister David Cameron auf der CeBIT Bild: dpa

Deutschlands zweitgrößtes Softwarehaus, die Software AG, entwickelt sich bedenklich. Der Umsatzrückgang scheint kein Ende zu finden. Nicht zuletzt macht die Cloud Probleme.

          3 Min.

          Deutschland gilt als Land der Maschinenbauer. Tolle Autos, sagt man im Ausland. Beim Thema Software dagegen denken wenige an Deutschland, außer vielleicht an SAP. Wen das schmerzte, der tröstete sich immer damit, dass es hinter SAP mit der Software AG noch ein zweites großes Softwarehaus gebe.

          Doch um die Darmstädter ist es schon lange nicht mehr richtig gut bestellt. Nach neuerlichen Hiobsbotschaften am Dienstag mögen Pessimisten schon den Niedergang wittern. Der Konzern gab überraschend einen Umsatz- und Gewinneinbruch bekannt und kippte seine Jahresprognose. Im zweiten Quartal schrumpfte der Erlös mit traditionellen Datenbank-Produkten (ETS) um 26 Prozent auf 56 Millionen Euro. Das wäre noch zu verkraften gewesen, denn von diesem absterbenden Geschäft will das Unternehmen schon lange wegkommen und sich auf Software und IT-Dienste verlegen, mit denen die immer komplexeren IT-Systeme von Unternehmen integriert werden (BPE).

          Weiter auf Schrumpfkurs

          Doch just in diesem Zukunftssegment lief das Geschäft schlecht. Der Umsatz sank im zweiten Quartal um 7 Prozent auf knapp 85 Millionen Euro. Das operative Ergebnis fiel um rund ein Fünftel auf 45 Millionen Euro. Nun soll der BPE-Umsatz stagnieren anstatt wie noch im Mai avisiert um bis zu 18 Prozent zu wachsen. Bei den ETS-Erlöse bleibt es dabei, dass diese um maximal 16 Prozent schrumpfen sollen, obwohl sie im ersten Halbjahr schon um insgesamt 24 Prozent gefallen sind.

          Ein absolutes Gewinnziel nannte die Software AG nicht mehr, nachdem ursprünglich das Betriebsergebnis um bis zu 7 Prozent höher ausfallen sollte als die 260 Millionen Euro des Vorjahres. Nun heißt es, der Betriebsgewinn solle wie im Vorjahr mindestens 26 Prozent vom Umsatz betragen. Das würde ein Schrumpfen um bis zu ein Drittel implizieren.

          Nur eine neue Krise?

          In jüngster Zeit enttäuschte nahezu jede Zahlenvorlage. Im ersten Quartal war der Umsatz um 7 Prozent und der Betriebsgewinn um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Im Vorjahr war der Umsatz erstmals seit 2010 wieder unter die Milliardengrenze gefallen. Dieses Jahr wird er weiter sinken. Schwere Jahre hatte die Software AG in den Jahren 2002 bis 2004 schon einmal. Damals sanken die Umsätze um 30 Prozent. Zu dieser Zeit aber befand sich hauptsächlich der Gesamtmarkt in einer Krise. Jetzt macht dem Unternehmen hingegen die Umstellung des Geschäftsmodells Probleme.

          Der Aktienmarkt wurde von der Prognosesenkung überrascht. Die Gewinnwarnung sei ein Paukenschlag, sagte ein Börsenhändler. „Die haben richtig Vertrauen verspielt.“ Ein anderer Anleger nannte die Entwicklung der als zukunftsträchtig geltenden BPE-Sparte desaströs. Der Aktienkurs fällt um rund 17 Prozent auf ein 56-Monats-Tief.

          Streibich bat in einer Telefonkonferenz um Geduld. Das Unternehmen habe sich stärker auf Großaufträge mit einem Volumen von mehr als einer Million Euro verlegt. Der Abschluss solcher Aufträge ziehe sich aber manchmal ein ganzes Jahr lang hin, da in den Firmen wie in der Software AG viele Mitarbeiter an der Entscheidung beteiligt seien. In der Pipeline seien derzeit 30 bis 35 Prozent mehr Aufträge als vor einem Jahr. Aber wann Verträge letztlich abgeschlossen würden, sei nicht genau vorherzusagen.

          Während dies zyklische Schwankungen impliziert, die für etwa die Hälfte des Umsatzrückgangs verantwortlich sind und die in späteren Jahren noch aufzuholen sein mögen, ist der Cloud-Trend ein strukturelles Problem für die Software AG. Rund ein Viertel der Umsatzverluste sei darauf zurückzuführen. Die Software AG hatte sich nur zögerlich an diesen Trend angepasst, weil sie darauf setzte, dass standardisierte Cloud-Produkte sich nicht für komplexe Anwendungen in Firmen durchsetzen würden. Streibich kündigte an, mehr Produkte als bisher in der Cloud-Version anzubieten und die Programme dafür zu vereinfachen. Auch das Bezahlmodell, das bisher auf einer vergleichsweise hohen einmaligen Lizenzgebühr beruhte, müsse überdacht werden.

          Zudem wollen sich die Darmstädter nun stärker um kleinere Aufträge bemühen, die schneller unter Dach und Fach kommen. Das wirkt wie ein opportunistisches Umsteuern und nicht unbedingt strategisch durchdacht.

          Pessimismus lässt sich auch aus der mittelfristigen Prognose heraushören. Streibich wollte vorerst nicht das langfristige Ziel bekräftigen, bis 2018 vier Fünftel oder eine Milliarde Euro Umsatz mit BPE-Anwendungen zu erwirtschaften. Der Vorstand habe gerade erst die Zahlen zum zweiten Quartal verdaut und müsse jetzt die längerfristigen Chancen neu ausloten.

          Bei einer Bewertung der Aktie mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von rund 10 erscheint diese derzeit zwar recht preiswert. Doch muss man erst sehen, ob sich das BPE-Segment nicht dauerhaft schlechter entwickelt als erwartet und ob die Konkurrenz aus der Cloud nicht noch zu weiteren Umsatzverlusten führt oder in welchem Ausmaß die Software AG hier aufholen kann. Nach dem deutlichen Sturz unter die Unterstützungszone bei 22 bis 23 Euro hat sich zudem die charttechnische Situation eingetrübt.

          Die meisten Analysten haben Empfehlungen am Dienstag auf „Halten“ gesenkt. Die Commerzbank sieht die hohen Ziele für 2018 nicht mehr als vernünftig an. Der BPE-Markt wachse langsamer als angenommen, das Chance-Risiko-Profil der Aktie habe sich zum Negativen geändert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Söder und Kretschmer : Mehr impfen, auch im Supermarkt

          Bayern und Sachsen verlangen, dass mehr Impfstoff in die von Corona stark betroffenen Grenzregionen geliefert wird. Vor der nächsten Konferenz mit der Kanzlerin warnen die Ministerpräsidenten vor einem „Öffnungsrausch“.
          Recep Tayyip Erdogan bei der Verkündung des türkischen Raumfahrtprogramms am 9. Februar in Ankara

          Brief aus Istanbul : Erdogans Mondfahrt

          Mit einem „Wahnsinnsprojekt“ und „historischen“ Schritten kämpfte der türkische Präsident um die Wählergunst. Doch selbst seine „frohen Botschaften“ werden zum Fiasko und kosten Menschenleben.

          Öffnung der Friseure : Endlich die Haare wieder schön!

          Viele haben sehnsüchtig darauf gewartet, nun ist es soweit: Seit heute dürfen wieder Haare geschnitten, gefärbt und geföhnt werden. Wird der Haarschnitt nun teurer? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.