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Börse in Italien : Die alten Helden sind müde geworden

Baustellen überall: Viele italienische Banken leiden unter faulen Krediten; andere Kreditinstitute werden in Sippenhaft genommen. Darunter leidet die gesamte italienische Börse. Bild: Bloomberg

Die Krise der Banken und der Energiekonzerne ziehen die Aktienindizes nach unten. Modekonzerne sind hoch bewertet, birgen aber Risiken. Wann wird der Börsenzettel wieder länger?

          Dass Italien schwächelt, lässt sich am besten beim Blick auf die größten Unternehmen an der Börse ablesen. Noch vor einigen Jahren war ganz klar, wer in diese Führungsgruppe gehörte: Telecom Italia, der Ölkonzern Eni, der Energieversorger Enel, natürlich der Fiat-Konzern und eventuell noch der Versicherer Generali. Doch für einige ist wenig übriggeblieben von der alten Glorie.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Der ehemals an Milliardengewinne gewöhnte Ölkonzern Eni hat erstmals seit langer Zeit einen Quartalsverlust ausgewiesen und ist beim Blick auf die Marktkapitalisierung nur noch rund 50 Milliarden Euro wert. Enel behauptet sich wacker mit einer Kapitalisierung von 40 Milliarden Euro, dank seiner frühen Investitionen in die Stromerzeugung mit alternativen Energien, kämpft aber immer noch mit dem hohen Schuldenstand nach der Übernahme des spanischen Stromerzeugers Endesa.

          „Konfus und ohne klare Tendenzen“

          Bei Telecom Italia haben gerade die Franzosen das Kommando übernommen, ohne dass es dieses Mal viel Übernahmespekulation gegeben hätte. Das hochverschuldete und blutleere Unternehmen ist nur noch 15 Milliarden Euro wert. Nach dem früheren italienischen Protagonisten Fiat muss man ohnehin noch weiter unten in der Rangliste der größten Börsenunternehmen suchen. Der frühere Mischkonzern hat viele Aktivitäten verkauft, die Lastwagen und Traktoren abgetrennt. Auch die Fusion mit dem amerikanischen Autobauer Chrysler bringt den Börsenwert von „Fiat Chrysler Automobiles“ nun nicht über 9 Milliarden Euro, mit Lastwagen und Traktoren unter dem Namen „CNH Industrial“ auf gleichem Niveau und dem gerade abgetrennten Sportwagenhersteller Ferrari mit etwas mehr als 7 Milliarden Euro.

          Bei der Frage nach den Börsenchampions der kommenden Jahre ist es schwer, die Fachleute auf klare Aussagen festzulegen. „Der Börsenzettel ist so wie die italienische Wirtschaft, etwas konfus und noch ohne klare Tendenzen“, sagt einer der vielgelesenen Chefanalysten. Die Heldenrollen an der Spitze bleiben unbesetzt, doch zugleich gibt es auch in jeder Branche einen Pferdefuß.

          Kein Wunder, dass damit auch die Börsenindizes leiden: Der Standardwerte-Index FTSE Mib hatte im Jahr 2015 noch mit einem Plus von mehr als 15 Prozent geglänzt. Inzwischen sind die Gewinne zerstoben, und der Standardwerte-Index liegt auf dem Niveau vom September 2013. Ähnlich sieht die Entwicklung beim Mittelstandsindex Mid Cap aus.

          Ein Fünftel fällt unter „notleidende Kredite“

          Den Sog nach unten erklärt vor allem der Blick auf den Branchenindex für die Banken. Der hat im Laufe des Jahres 2015 gut 15 Prozent gewonnen, seit Jahresbeginn 2016 dann 34 Prozent verloren. Die Krise der italienischen Banken, bei denen gut ein Fünftel der Ausleihungen unter die Kategorie „notleidende Kredite“ fällt, hat alle Institute in ihren Bann gezogen. Denn die größeren, besser geführten Banken sollen nun zumindest indirekt für die Rettung und die Kapitalerhöhungen der Krisenbanken mitbezahlen.

          Die beiden Branchengrößten, Intesa Sanpaolo und Unicredit, können deshalb nicht die Rolle von Spitzenreitern an der italienischen Börse spielen, auch wenn Intesa Sanpaolo nach dem Verlust von mehr als einem Drittel an Börsenwert gegenüber den Spitzenkursen von 2015 immer noch 37 Milliarden Euro wert ist, die eigentlich internationaler aufgestellte Unicredit nach Einbuße der Hälfte ihres Wertes noch rund 19 Milliarden Euro. Dass dahinter viele Werte nur noch spekulativ sind, erklärt der Blick auf den Branchendritten, die von Verlust geschüttelte Monte dei Paschi aus Siena, mit nur 1,9 Milliarden Euro an Börsenwert.

          Und auch Banco Popolare, aus der nach den neuesten Plänen nach einer Fusion mit der Volksbank von Mailand die drittgrößte Bank Italiens werden soll, wird im Moment nur mit 1,9 Milliarden Euro bewertet. Dagegen scheint Banca Mediolanum mit einem Wert von 5,3 Milliarden Euro noch als Juwel, doch wird dieses Haus in Italien eher als Außenseiter angesehen, ohne eigenes Filialnetz und ohne Kredite, nur mit Privatkunden und Geldanlage und noch dazu mit maßgeblicher Beteiligung von Silvio Berlusconi.

          China ist kein Wachstumsmotor mehr

          Mehr Freude als die Bankenbranche machten den Anlegern bisher Mode und Möbel, die als Inbegriff von italienischem Stil angesehen werden. Hier liegt der Branchenindex wenigstens noch höher als zum Jahresbeginn 2015, auch wenn vom durchschnittlichen Kursgewinn des Jahres 2015, fast 30 Prozent, inzwischen schon wieder die Hälfte verlorengegangen ist. Auf den Kursen lasten die hohen Multiplikatoren bei der Bewertung der Unternehmen, die manche Kurse zu optimistisch erscheinen ließen. Inzwischen ist China kein Wachstumsmotor mehr, und die Börsianer befürchten, dass die in der Modebranche geparkten Gelder beim Anstieg des Ölpreises in die Energiebranche abfließen könnten.

          Luxottica, der Hersteller und Verkäufer modischer Brillen, hätte mit einem Börsenwert von 24 Milliarden Euro dennoch die Chance auf eine Führungsrolle, doch ist der Name des Konzerns international immer noch zu wenig bekannt. Die bekannten Namen der italienischen Modeszene, von Armani bis Dolce & Gabbana, sind ohnehin nicht an der Börse notiert, Prada ging in Hongkong an die Börse, und der frühere Renner Bulgari wurde nach Frankreich verkauft. Da bleiben nicht viele Möglichkeiten an der Börse, mit Ferragamo (3,3 Milliarden Euro Kapitalisierung), Moncler als Anbieter luxuriöser Anoraks (3,7 Milliarden Euro) oder Tod’s (2 Milliarden Euro).

          Viele Protagonisten der italienischen Wirtschaft werden immer noch nicht an der Börse gehandelt. Daher bleibt in Mailand wieder einmal nur die Hoffnung, dass der Börsenzettel in den kommenden Jahren wieder etwas länger wird.

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