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Korea-Analyse : Und was verdient so ein Fisch?

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K-Pop: schillerndes Phänomen aus Südkorea Bild: dpa

Gefangen im Aquarium des Kapitalismus: Eine Pariser Zeitschrift hält dem vielfältig geteilten Korea den Spiegel vor. Welche Rolle spielt die Hoffnung auf fallende Grenzen?

          Korea ist geteilt. Wie viele Schnitte, Mutationen, multiple Identitäten gibt es? Das fragt die Pariser Zeitschrift „Critique“ (Nr. 848-849, 2018: „La Corée. Combien de divisions?“ / Les Éditions de Minuit). Kulturpsychologisch beleuchten die Beiträge ein Land, dessen Nationalgeschichten auseinanderstreben: Dem Heroismus und Führerkult im Norden steht die Opferrolle im Süden gegenüber.

          Die Geographin Valérie Gelézeau betrachtet die Grenze zwischen Nord und Süd als Relikt und Zeugnis. Die 1945 hastig gezogene Trennungslinie wurde mit der Ausrufung rivalisierender Staaten 1948 zur De-fakto-Grenze und 1950 zur Front. Im Status quo des Waffenstillstands ist die am 38. Breitengrad gelegene demilitarisierte Zone zugleich ideologische Meta-Grenze und „Nicht-Grenze“ des unvollendeten Kriegs. Die Psychogeographie des geteilten Lands gestaltet sich in Zyklen der Annäherung und Abstoßung als Topologie provisorischer Sphären, Denkhorizonte, Sperrgebiete und Spielräume: Träumen der Entgrenzung und Traumfabriken der Wiedervereinigung wie der Sonderwirtschaftszone Gaesong oder gemeinsamen Eishockey-Olympiateams stehen Mentalitätsunterschiede und Verwirrungen der Begriffe gegenüber. Es gibt kein gemeinsames Wort, um „Korea“ (der Süden gebraucht „Hanguk“, der Norden „Joseon“) zu sagen. Hinzu kommt das „dritte Korea“ der mehr als sechs Millionen starken Diaspora.

          „Was geht unter, wenn ein Boot untergeht?“ Benjamin Joinau erläutert die politische Dimension des tragischen Untergangs des Fährschiffes „Sewol“ 2014. Etwa 250 Schüler aus Ansan, einer Vorstadt von Seoul, starben auf Klassenreise – Opfer des Irrglaubens an Autoritäten, die sie angewiesen hatten, in ihren Kabinen zu bleiben. Die Fähre war überaltert und überladen: Das Unglück offenbarte die Krise des deregulierten, neoliberalen Systems. So erfuhr ein Land ohne Zeit für Innenschau die Lebenslügen der Wettbewerbsgesellschaft zwischen overparenting und „fatalem Paternalismus“. Im Kielwasser der Katastrophe wurden Fragen laut über eine Kultur des Gehorsams und Behördenversagens. Die Trauerarbeit Hinterbliebener mündete in einen politischen Kampf, der indirekt zu den „candlelight demonstrations“ und zum Rücktritt der Präsidentin Park Geun-hye führte.

          Ein Land in der Globalisierungsfalle

          Kim Kyung-mi erörtert „Südkorea auf dem Prüfstand des Multikulturalismus“. Öffnungstendenzen infolge der Demokratisierung der neunziger Jahre und Heldenfiguren wie dem koreanisch-amerikanischen Super-Bowl-XL-Gewinner von 2006 Hines Ward steht der Mythos der Einheit von Nation und Ethnie gegenüber. Kim erkennt ein „patrilineares System“ des Multikulturalismus, das die Einwanderung asiatischer Ehefrauen privilegiert. Im Alltag zeichnet sich in der Verwendung von Ausdrücken wie „Kind multikultureller Familie“ statt „Person gemischten Bluts“ eine Verwässerung der patriarchalischen Genealogie ab. In dieselbe Richtung wirken die Erfolgsgeschichten hybrider K-Pop-Bands und Reality-Shows über das Ausländerdasein in Korea wie „Mein Nachbar, Charles“.

          Ein zweiter Essay von Benjamin Joinau behandelt „Identität und Alterität im südkoreanischen populären Kino“. Nordkoreaner erhielten erstmals 1999 in „Shiri“ von Kang Je-gyu differenzierte, wenn auch hydrahafte Züge, und die im Süden ein Doppelleben führende Agentin des Nordens changiert zwischen mütterlich und mörderisch. Das Aquarium-Geschäft, das die Agentin mit falscher Identität führt, wurde auch als Allegorie auf paranoides Gefangensein in der kapitalistischen Gesellschaft interpretiert. Parallel projizierte „gefährliche Liebschaften“ über die Grenze hinweg sind ein beliebtes Filmsujet. Die allmähliche Popularisierung des Nordens als eines Spiegels des Ichs geht mit der Verlagerung von Feindbildern nach Westen und mit Beschwörungen des Indigenen einher, wenn auch aus den Ambiguitäten der Amerikanisierung oft Hassliebe und Selbstironie sprechen.

          Der Monsterfilm „The Host“ (2006) von Bong Joon-ho über ein infolge von Experimenten der amerikanischen Armee erzeugtes Flussungeheuer ist eine Persiflage der Meistererzählung des „Wunders am Han-Fluss“, von dem die Koreaner in Anlehnung an das deutsche „Wunder am Rhein“ sprechen, und übt ökologische Kritik an einer „komprimierten Moderne“. Auch „Ode to my Father“ von Yoon Je-kyoon (2014) zeigt ein Land in der Globalisierungsfalle. Der Film ist ein nostalgischer Abgesang auf patriarchalische Figuren und Denkfiguren wie Vater, Diktator, Staat oder Chaebol („reiche Sippe“), den reformbedürftigen familiengeführten Großkonzern.

          Choi Mi-kyung und Jean-Noël Juttet rekapitulieren die „düsteren Feuer der Vergangenheit in der Gegenwartsliteratur Südkoreas“. Die seit den Neunzigern debütierende, nicht mehr aus direkter Betroffenheit von Krieg und Diktatur schreibende Generation zeigt eine neue Innerlichkeit, wobei die Vergangenheit als Subtext präsent bleibt. Wenn die Heldin in Han Kangs „Die Vegetarierin“ den Wunsch äußert, zur von Wasser und Luft lebenden Pflanze zu werden, ist das eine Verweigerungsgeste gegenüber dem Patriarchat und ein Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Gewaltgeschichte der Menschheit.

          Bruderzwist und Landesteilung werden Thema der Fiktion, wie in Kim Young-has Thriller „Im Reich der Lichter“ um einen nordkoreanischen „Schläfer“ in Seoul, der es sich zwischen den Welten gemütlich eingerichtet hat. Prosa kann aber auch den Spekulationsraum nachbilden, den die Aussicht auf morgen fallende Grenzen heute eröffnet. „Wenn Pjöngjang eines Tages seinen Platz im Monopoly hätte“: Yun Ko-eun, die in der 2016 erschienenen Anthologie „Histoires insolites de Corée“ vertreten ist, hat schon die Werbesprüche für die Zeit der Fusion verfasst: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Seien Sie die ersten Besitzer eines Apartments in Gaesong Hills! Einzug ab Oktober 2021.“

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