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Nordirland nach dem Brexit : Ende der Unsichtbarkeit

Ein Marsch von Republikanern im März Bild: Reuters

Die EU hat geholfen, das fragile Gebilde Großbritannien friedlich zusammenzuhalten. Nun droht der Brexit alte Konflikte in Nordirland aufflammen zu lassen.

          Hinter der riesigen Mauer in West-Belfast ist nichts vergeben und vergessen. Flaggen paramilitärischer Organisationen wehen vor den Wänden der Reihenhäuser, und mehrstöckige Fassadengemälde erinnern an gefallene Kämpfer. Die Mauer trennt die Katholiken von den Protestanten.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Sie ist doppelt so hoch wie die Berliner Mauer, und obendrauf prangt noch ein Fangzaun. „Ich habe beim EU-Referendum für ‚Leave‘ gestimmt, damit die Grenze zu Irland wieder hochgezogen wird“, sagt Ray Lidster, dessen Haus hundert Meter hinter der Mauer steht. „Damit jeder endlich wieder sieht, dass wir immer noch ein von den Briten besetztes Land sind.“

          Lidster hat den größten Teil seines Lebens für die IRA gekämpft, und hätte es den Friedensvertrag mit Großbritannien 1998 nicht gegeben, dann hätte er sich wahrscheinlich auch nicht zur Ruhe gesetzt. Das Karfreitagsabkommen, das Sinn Fein, der politische Arm der „Irish Republican Army“, damals unterzeichnet hat, sei eine Kapitulationserklärung gewesen, sagt Lidster.

          „Man habe sich von Millionen aus Brüssel blenden lassen“

          Parteichef Gerry Adams habe sich von den Millionen blenden lassen, die seither aus Brüssel und Amerika für den Frieden gezahlt werden, und dafür die Opfer und das Leiden seiner Kameraden vergessen. „Gerry Adams ist der größte Bastard von allen“, sagt Lidster. „Selbst Sinn Fein hat vergessen, dass wir eine Grenze haben.“

          Der Mann auf der proirischen Seite der Mauer hat vier Brandbombenanschläge auf sein Haus und 16 Schusswaffenangriffe überlebt. Einige Zeit lang saß er im Gefängnis. Der Kampf war sein Leben. Er hat nie einen anderen Beruf ausgeübt. In den nordirischen „Troubles“ – dem dreißig Jahre währenden nordirischen Guerrillakrieg – wuchs er auf.

          Sie machten ihn zu dem Mann, der er heute ist. Er habe Familienangehörige und Kameraden sterben sehen, sagt Lidster. Denen sei man es schuldig, weiter für „die Sache“ einzustehen: Für ein wiedervereinigtes Irland. „Und wenn wir dafür noch tausend Jahre kämpfen müssen.“

          Nordirland wird von der Vergangenheit eingeholt

          Im Schatten der Brexit-Entscheidung droht in Nordirland ein vergessener Konflikt wiederaufzuflammen. Katholiken gegen Protestanten oder für die Vereinigung mit Irland kämpfende „Republikaner“ gegen probritische „Unionisten“. Das Karfreitagsabkommen von 1998 zwischen Terrorgruppen beider Seiten sowie Irland und Großbritannien beruht nämlich auf einem Kompromiss: dass Nordirland zwar Teil des Vereinigten Königreichs bleibt, die Grenze zu Irland jedoch unsichtbar ist und die politischen Vertreter der Kriegsparteien gemeinsam regieren.

          Das Abkommen beruft sich direkt auf die Europäische Menschenrechtskonvention und auf die gemeinsame Mitgliedschaft Irlands und Großbritanniens in der Europäischen Union. Die EU hat geholfen, das fragile Gebilde Großbritannien unter Einschluss Nordirlands friedlich zusammenzuhalten.

          Doch wenn Großbritannien nun die EU und damit den Binnenmarkt verlässt, dann gibt es zwischen Irland und Nordirland wieder eine Zollgrenze – und die müsste mit Sicherheitskräften und Grenzanlagen ausgestattet werden, um zu funktionieren. Zudem warb die Brexit-Kampagne für eine Reduzierung der Einwanderung.

          Brachte auch der Frieden keinerlei Verbesserung?

          Wenn sich die Briten also andere Einwanderungsgesetze als Brüssel geben, dann wären diese ebenfalls nur mit einer harten Außengrenze zur EU durchzusetzen. Sie verliefe mitten durch Irland, 499 Kilometer lang. Und sie wäre ein Bruch des mühselig ausgehandelten Friedensabkommens, das Ray Lidster und einige andere Nordiren beider Konfessionen bis heute ablehnen.

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