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Veröffentlicht: 29.11.2016, 11:15 Uhr

Das Geheimnis der Genies Einsteins pädagogische Formel

Der berühmte Physiker hat Maßstäbe für die Nachwuchsförderung gesetzt, ohne es zu ahnen. Die Nase als Sinnbild für wissenschaftliche Kreativität, die Stirn als Symbol für außergewöhnliches Beharrungsvermögen - genial!

von Marco Wehr
© picture-alliance / dpa/dpaweb Was war das Geheimnis seines Erfolgs?

Albert Einstein ist eine intellektuelle Ikone. Wer sich auf seinen Intellekt etwas einbildet, trägt sein Konterfei auf dem T-Shirt oder kultiviert eine ähnliche Frisur. Zu allem Überfluss schwebt das Konterfei des berühmten Physikers wie ein kosmischer Sehnsuchtspunkt über den Köpfen der Bildungstheoretiker, die sich bemühen; wissenschaftliche Exzellenz am Schreibtisch zu planen. Aus einem solchen Holz müssten unsere künftigen Geistesheroen geschnitzt sein! Albert Einstein hätte sicher gelacht. Im Unterschied zu den Menschen, die ihn bewundern, bildete sich der Physiker auf seine analytische Intelligenz, die wir heute wie ein goldenes Kalb umtanzen, wenig ein. Auch gängigen Exzelleninitiativen und Hochbegabtenprogrammen wäre er mit Skepsis begegnet.

„Nur meine Stirn und meine Nase“ entgegnete er einem erstaunten Journalisten, der wissen wollte, was das Geheimnis seines Erfolgs sei. Der verunsicherte Fragesteller bohrte nach, hatte er doch erwartet, dass Einstein Intelligenz und Begabung in den Mittelpunkt rücken würde. Aber Einstein, der sich selbst nicht für einen sonderlich begabten Mathematiker hielt, führte aus, was er meinte: Seine große Nase bräuchte er, um die richtigen Fragen zu erschnüffeln und die harte Stirn sei Ausdruck seiner maultierhaften Starrnäckigkeit.

Ohne Fleiß kein Erfolg

Die Nase als Sinnbild für Kreativität und wissenschaftliche Intuition, die Stirn als Symbol für außergewöhnliches Beharrungsvermögen, aber auch für den Mut entschlossen die eigene Meinung zu vertreten. Stirn und Nase, das könnte man deshalb als Einsteins pädagogische Formel bezeichnen. Bemerkenswerter Weise steht diese Formel in einem eklatanten Widerspruch zu den Charaktereigenschaften, die uns heute bei begabten Schülern und Studenten förderungswürdig erscheinen. Von einem hohen IQ und einem Studium in Rekordzeit sprach Einstein nicht!

Irrte er also oder klingt in seinen Worten eine Wahrheit an, die irgendwie auf der Strecke verloren gegangen ist? Tatsächlich wird auch heute noch gerne die Legende vom Musenkuss kultiviert. Ein über die Maßen begabter Mensch durchzuckt plötzlich das Licht der Erkenntnis: Dem sinnierenden Newton fiel erst der Apfel auf den Kopf, dann fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen. In einem einzigen Moment offenbarten sich ihm die ewigen Gesetze des Universums. Wunsch oder Wirklichkeit? Verschwiegen wird gerne, dass Isaac Newton ein „Arbeitstier“ war. Ging er in den Keller, um Wein für die Gäste zu holen, konnte es passieren, dass er diese völlig vergaß. Von den Suchenden wurde Newton im Keller entdeckt, während er über einer Rechnung brütete. Auch ist bezeugt, dass er sich wochenlang mit einer einzigen Seite aus den mathematischen Schriften von Descartes beschäftigte, wenn er diese nicht verstand.

Genies sprechen selten über ihr Talent

Je länger man sich mit den Biographien erfolgreicher Menschen auseinandersetzt, desto einsichtiger wird die Gültigkeit Einsteins persönlicher Einschätzung. Viele Genies verorten ihre Begabungen an ganz anderen Stellen, als die von ihrem Glanz geblendete Außenstehende. Michal Jordan, der beste Basketballspieler aller Zeiten, nannte als Grund seines Erfolgs, nicht sein Talent. Er könne nur mehr Schmerzen aushalten als andere, beschied er seinem Interviewpartner. Ein spät berufener Maler wie van Gogh, Stil bildend für eine ganze Epoche, war sich seiner beschränkten zeichnerischen Fertigkeiten bewusst. Doch er hatte die Stirn, sich nicht beirren zu lassen und war felsenfest überzeugt, dass es ihm mit harter Arbeit gelingen würde, in seinem Werk tiefer liegende Wahrheiten freizulegen, als die handwerklich versierteren Kollegen.

spektrum1-Physik-Nobelpreisträger Kombo © picture-alliance/ dpa Vergrößern

Sprechen Genies über sich selbst, dann ist eigentlich selten von Talent und Begabung die Rede, sondern eher von unbändiger Neugier, aber auch von elend langen Durststrecken, die es zu durchleiden gilt, letztlich auch von Kränkungen und Verletzungen, die jeder erfährt, der gewohnte Bahnen verlässt. Die mittlerweile verstorbene Forscherin Rita Levi-Montalcini, die für die Entdeckung des Nervenwachstumsfaktors den Nobelpreis bekam, erzählt in ihrer Biographie, wie sie bis zum Alter von fast 100 Jahren vom Unbekannten fasziniert war. Bis kurz vor ihrem Tod ging sie täglich ins Labor. Sie spricht in ihrer Schrift aber auch von der Verbissenheit, an einer Sache dran zu bleiben und dem Gleichmut, den man braucht, um Niederlagen zu ertragen.

Vor diesem Hintergrund muss die Frage erlaubt sein, ob wir in unseren angestrengten Bildungsbemühungen auf das falsche Pferd setzen. Werden forcierte Wissensvermittlung und eine am Intelligenzquotienten aufgehängte Begabtenförderung dazu führen, dass junge Eliten zu brillanten Innovatoren werden? Wäre es nicht sinnvoller bei Schülern und Studenten Kreativität, Beharrlichkeit, Mut zum selbstständigen Denken, aber auch Eloquenz und Streitbarkeit zu fördern? Es sind doch oft gerade die Unangepassten und Furchtlosen, die wirkliche Entdeckungen auf die Spur bringen!

Am Anfang steht die Vision

Werfen wir einen kurzen Blick auf den Intelligenquotienten, den Dreh und Angelpunkt der Begabtenförderung. Tatsächlich sind Intelligenz, Kreativität und Erfolg korreliert, aber nur bis zu einem IQ von 120. Das ist nicht sehr beeindruckend. Diesen Wert hat etwa jeder sechste von uns. Deshalb erstaunt der Wirbel, der um den IQ gemacht wird. Selbst in der intellektuellen Paradedisziplin Schach sagt ein IQ oberhalb dieses Schwellenwerts wenig über die Spielstärke aus und andere Studien an Hoch- und Höchstbegabten ergaben, dass diese selten Außergewöhnliches zu Stande bringen. Zwar wird im Kreis der „Intelligenzbestien“ häufiger promoviert, aber Nobel- oder Pulitzerpreise gewannen die vermeintlichen Überflieger nicht. Im Gegenteil: Gewinner solcher Ehrungen waren wegen angeblich mangelnder Begabung von solchen Untersuchungen ausgeschlossen worden. Erstaunt das?

Das erstaunt nicht, wenn man einen ungetrübten Blick auf die Mechanismen des Erfolgs wirft: Am Anfang von Allem steht natürlich die Idee. Aber eine Idee ist erstmal nur eine Sternschnuppe und weit davon entfernt schon Tat zu sein. Dazu muss sie erst zu einer Vision werden, die stark genug ist, den Adepten über die steilen Klippen zu tragen, die sich ihm fast immer in den Weg stellen. Sich von einer Vision leiten zu lassen, erfordert aber Mut, geht es doch um eine unbestimmte Wette auf die Zukunft. Zeitliche und materielle Ressourcen werden gebunden und es kann Jahre, manchmal Jahrzehnte dauern, bis sich eine Idee konkretisiert, wobei man oft bis zum letzten Moment nicht weiß, ob sie vom Erfolg gekrönt sein wird oder nicht. Zudem erfordert dieser lange Weg von der Idee zur Tat weitere Charaktereigenschaften. In den Wissenschaften, der Technik und in den Künsten muss man sich ein Handwerkszeug erarbeiten, um der Idee eine Gestalt zu geben. Und genau an dieser Stelle wird deutlich wie eng bei den so genannten Genies kindlicher Spieltriebe und eine eiserne Härte miteinander verbunden sind. Betrachten wir wieder Albert Einstein. Natürlich war dieser der Meister des intellektuellen Spiels: Was passiert, wenn ich auf einem Lichtstrahl reite und eine Taschenlampe anknipse? Macht es für die Geschwindigkeit der Lichtteilchen, die aus der Lampe kommen einen Unterschied, ob ich in oder gegen die Flugrichtung leuchte? Das war nur eine der vielen kindlich anmutenden Fragen, mit denen sich Einstein leidenschaftlich beschäftigte und die zum Kern seiner Visionen wurden.

Doch mit Antworten in poetischer Sprache hätte er die ohnehin misstrauischen Kollegen schwerlich begeistern können. Für ihn wie alle anderen galt das Diktum Thomas Alva Edison: „Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“ Auch ein Einstein musste sich in Jahrzehnte(!) langer Arbeit die notwendigen mathematischen Techniken aneignen. Erst dann konnte er die spezielle und später die allgemeine Relativitätstheorie formulieren. Anderen Weltendenkern ging es nicht anders. Der mystisch angehauchte Kepler rechnete ebenfalls Jahrzehnte an seinen Planetenbahnen und der brillante Physiker James Clerk Maxwell mühte sich gleichfalls sehr lange, um die phantastisch anmutenden Vorstellungen, die er von elektromagnetischen Feldern hatte - er sah rotierende Wasserwirbel vor seinem inneren Auge -in seine scheinbar gottgegebenen Formeln zu kleiden, die uns heute in ihrer kristallinen Klarheit berühren. Was für die Wissenschaft gilt, gilt auch für die Kunst. Selbst der von seinem Vater gedrillte Mozart benötigte fast 20 Jahre, bis er eine völlig eigenständige künstlerische Handschrift entwickelte.

Ausdauer, Wagemut und Frustrationstoleranz

Dass ausdauernde Arbeit unverzichtbarer Bestandteil des Erfolgs ist, wird wenigstens in Fachkreisen nicht mehr bestritten. Mindestens 10.000 Stunden Übung sind notwendig, um es zu echter Könnerschaft bringen möchte. Ganz im Gegensatz zum IQ-Dogma, ist diese Einsicht hervorragend belegt. Es ist eben nicht der Intelligenzquotient, der Auskunft über die Spielstärke eines Schachgroßmeisters gibt, sondern die Anzahl absolvierter und gelernter Partien. Und auf den Musikhochschulen werden einzig diejenigen zu Virtuosen, die ausdauernd geübt haben. Trotzdem wird in diesem Zusammenhang ein Aspekt nicht genügend gewürdigt: Es ist nicht einfach die Zeit, die man übt.

Entscheidend ist auch wie man übt! In einer Studie über das Eiskunstlaufen hat man herausgefunden, dass sich nur diejenigen Sportler zu exzellenten Läufern entwickeln, die permanent an ihren Schwächen arbeiten. Diejenigen, die viel Zeit damit verbringen, bereits Gekonntes zu wiederholen, stagnieren auf längere Sicht. Deshalb braucht es zur Weiterentwicklung nicht nur Übedisziplin. Genauso wichtig ist eine ausgeprägte Misslingenskompetenz, da sich der erfolgreich Lernende laufend mit den eigenen Unzulänglichkeiten beschäftigt! Ein Meister wird dadurch zum Meister, dass er von seinem Gefühl immer ein Anfänger bleibt. Wie ist das auszuhalten? Damit sind wir wieder bei der Vision.

“Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer!“ So lautet das treffliche Zitat von Antoine de Saint-Exupéry, das nicht dadurch falsch wird, dass man es schon oft gehört hat. Nur eine hohe intrinsische Motivation, hilft das permanente Scheitern zu ertragen. Frustrationstoleranz und Wagemut, Tugenden die in Vergessenheit zu geraten drohen, braucht es schließlich auch beim letzten, alles entscheidenden Schritt. Treten Künstler oder Wissenschaftler endlich mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit, werden sie in den seltensten Fällen mit offenen Armen empfangen. Als Einstein seine spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte, wurde sie anfangs totgeschwiegen. Andere Visionäre wurden verspottet, beleidigt und gedemütigt. Die Fälle füllen eine Bibliothek. Sensible Menschen wie der Physiker Ludwig Boltzmann nahmen sich das Leben, andere wie der Mathematiker Georg Cantor oder der Mediziner Ignaz Philipp Semmelweis wurden psychatrisch auffällig.

Verschulte Universitäten der Anfang des Scheiterns

Wieder andere verbrachten von der akademischen Nomenklatura gedemütigt ein Leben in der Provinz. In einem solchen Kampf ist deshalb Einsteins Stirn erneut gefragt, die große Nase allein führt hier nicht weiter. Als Robert Koch und Louis Pasteur im 19. Jahrhundert fast gleichzeitig proklamierten, dass viele Krankheiten von Bakterien verursacht werden, wurde beide mit beißendem Spott überzogen und viele der damaligen Granden hielten sie für geisteskrank. Während der schüchterne Koch von der akademischen Welt erst posthum gewürdigt wurde, durfte Pasteur seinen Ruhm schon zu Lebzeiten genießen. Er ließ sich seinen Schneid nicht abkaufen und wusste sich als blendender Rhetoriker zu wehren.

Wie steht es heute um die Förderung von Stirn und Nase? Werden Schüler und Studenten zu eigenständigen Denkern erzogen, die dicke Bretter bohren können und einen mit harten Bandagen geführten Diskurs nicht scheuen? Da sind Zweifel erlaubt. Während im Vorschulalter, vielleicht noch in der Grundschule das Bemühen zu erkennen ist, die Kreativität der Kinder ernst zu nehmen, so schwindet dieses auf der Oberschule. An seine Stelle tritt der Nürnberger Trichter, eine weit über das Ziel hinausschießende Wissensvermittlung, die den Schülern natürlich auch Disziplin abverlangt. Aber diese Disziplin, bei der nachgekaut wird, was andere schon vorgekaut haben, ist gänzlich verschieden von der, die man braucht, um eigenen Visionen eine Form zu geben. Diese entwickelt sich im Wechselspiel mit persönlichen Passionen. Für diese aber wird die Zeit knapp. Heutige Schüler absolvieren ein Arbeitspensum, das bei VW-Arbeitern schon lange zu massiven Protesten und Streiks geführt hätte. Wo bleibt da Zeit für eine individuelle von der Schule unabhängige Entwicklung?

An den immer stärker verschulten Universitäten verschlimmert sich das Problem. Gibt es dort Zeit und Muße für die Studenten über den Tellerrand zu gucken? Fehlanzeige. In meiner Heimatstadt Tübingen sitzen in Lesungen bekannter Autoren oder den Fächer übergreifenden Vorträgen des Studium Generale fast nur noch alte Leute. Schütten wir auf diese Weise nicht das Kind mit dem Bade aus? Innovationsfähigkeit von wird von allen Bildungspolitikern wie ein Mantra beschworen, einzig die dazu notwendigen Fähigkeiten werden weder gelehrt noch gefördert! Das ist dringlicher denn je. Auch die jungen Menschen, die ihr Studium in kürzestmöglicher Zeit und allerbesten Noten durchlaufen haben, ziehen eine gesicherte Versorgungslage den Fährnissen des freien Unternehmertums vor. Noch nie gab es so wenige Existenzgründer wie heute. Und auch den Universitäten würde frischer Wind gut tun.

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Durch das gängige Berufungssystem - Gleichgesinnte berufen Gleichgesinnte, weil sie in Journalen, die von Gleichgesinnten begutachtet werden, Gleichgesinntes veröffentlicht haben, entstehen geistige Monokulturen, die nicht zwangsläufig zu großen wissenschaftlichen Umbrüchen führen. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass laufend das Wort „Exzellenz“ im Mund geführt wird. Wirkliche „Exzellenz“ nährt sich aus anderen Quellen. Das hat Einstein sehr klar erkannt. Deshalb sollten wir uns nicht scheuen, seine pädagogische Formel auf die Fahnen schreiben. Wir brauchen eigenständige Denker mit einer individuellen Biographie, die sich trauen dicke Bretter zu bohren, um dann in einem fruchtbaren Diskurs für die besten Ideen und Standpunkte zu streiten. Für diese Menschen müssen wir die Weichen stellen. Dazu brauchen wir keinen Intelligentest.

Über den Autor

Marco Wehr ist Physiker und Philosoph in Tübingen. Er beschäftigt sich mit der Beziehung von Körper und Denken sowie Fragen der Berechenbarkeit, so etwa in seinem Buch „Welche Farbe hat die Zeit? Wie uns Kinder zum Denken bringen“.

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