04.02.2012 · Stephan Koziol hat den Kunststoff geadelt. So marktschreierisch das Unternehmen ist, das seinen Namen trägt, so leise ist der Chef. Ein Suchender, auch mit 59 Jahren noch.
Von Manfred Köhler, Erbach/OdenwaldAlles schreit. Das Werk am Ortsrand von Erbach im Odenwald heißt nicht einfach Werk, sondern Glücksfabrik, und das steht auch in riesigen blauen Lettern an der weißen Fassade. Das Café neben dem Firmenmuseum nennt sich nicht einfach Café, sondern Glücks-Kantine. Und die Werbung des Unternehmens ist so vollmundig, wie es nur eben geht. „Für einen blaueren Planeten.“ „Wer über sich hinauswachsen will, braucht große Ideen.“ „Das Gute siegt.“ Klappern gehört zum Handwerk. Lautes Klappern gehört zu Koziol.
Doch es wirkt. Das Unternehmen Koziol, das natürlich nicht einfach Koziol heißt, sondern Koziol Ideas for Friends GmbH, dieses Unternehmen also schafft es, dass die Leute für eine Spülbürste aus durchsichtigem Plastik 9,95 Euro zahlen und für einen Kochlöffel 10,45 Euro. Aber die Spülbürste ist eben nicht irgendeine, sondern das Modell Tim, sie wurde von Darmstädter Designern entworfen und kann aufrecht stehen. Und der Kochlöffel hört auf den Namen Oliver, hat ein freundliches Gesicht und kommt wahlweise orange oder himbeerfarben daher. Jetzt sitzt Stephan Koziol im Café neben dem Firmenmuseum und erklärt, warum Leute so viel für Produkte ausgeben, mit denen sich auch nicht besser schrubben oder umrühren lässt als mit den weitaus billigeren Teilen vom Grabbeltisch. Man spürt, dass er das nicht zum ersten Mal erklärt. „Die Leute kaufen nicht aus der Not heraus“, sagt er zum Beispiel. „Sondern zum Vergnügen.“ Und: „Es muss ein Stückchen Poesie drin sein.“ Und auch: „Was wir machen, erzeugt einen Haben-wollen-Effekt.“
So ist das wohl. Es ist das Lebenswerk von Stephan Koziol, 59 Jahre alt, gelernter Elfenbeinschnitzer und Werkzeugmacher, aus dem etwas in die Jahre gekommenen Unternehmen seines Vaters, in dem Schneekugeln, Schmuck und Souvenirs gefertigt wurden, einen Vorzeigebetrieb der hessischen Wirtschaft gemacht zu haben, der mit Haushaltswaren und Geschenkartikeln aus Kunststoff stets die neuesten Trends spiegelt, der eine eigene Formensprache entwickelt und sich weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht hat. 600 verschiedene Artikel laufen in Erbach vom Band, von der Zitruspresse bis zum Lampenschirm, vom Wandhaken bis zum Hocker, so schrill und schräg und bunt, dass die Waren ins Auge springen, aber auch gerade nur so auffällig, dass das breite Publikum nicht verschreckt wird. Es soll die Artikel schließlich haben wollen.
Der Mann, der das alles auf den Weg gebracht hat, ist gar nicht schrill und schräg und laut, sondern leise und fast ein bisschen versponnen. Natürlich sitzt hier in der Caféteria nicht ein Allerweltsmittelständler im Anzug und mit Krawatte, sondern einer in Jeans, mit Stoppelbart und Halstuch, die Brille hoch über die Stirn geschoben; alles andere hätte einen ja auch gewundert bei diesem Unternehmen, das von sich in einem quietschbunten Prospekt so vergnügt wie großspurig behauptet, man erzeuge mit seinen Produkten eigentlich zugleich Freundschaft, Liebe, Glück und Humor, und über sein Personal, jeder sei auf seine Art ein Künstler.
Doch Stephan Koziol ist alles Marktschreierische fern, er ist auch im fortgeschrittenen Alter noch ein Suchender, dessen Augen im Gespräch unruhig umherwandern, der unvermittelt aufspringt und schnell mal aus dem Fabrikverkauf nebenan eine neu entworfene Schüssel holt, um sie vorzuzeigen („es gibt keine Rührschüssel, die Sie so gut halten können“), und der einem geduldig erklärt, warum ein Pizzaschneider unbedingt so aussehen muss wie ein langgestreckter Hund, denn nur dann können dessen abstehende Ohren die Finger stoppen, falls sie vom Griff auf das runde Messer zu rutschen drohen.
„Glücksfabrikant“ steht auf der einen seiner beiden Visitenkarten, die er verteilt, „Dilettant“ auf der anderen, das ist ein bisschen ein Scherz und ein bisschen auch Koketterie, aber ein wenig scheint Stephan Koziol tatsächlich noch immer zu staunen, was ihm in den drei Jahrzehnten an Aufbauarbeit gelungen ist, ihm, der doch niemals Betriebswirtschaft studiert hat, wie er im Gespräch zweimal sagt. Inzwischen versteht er vom Geldverdienen längst eine Menge, denn die Herstellung von Haushaltswaren und Geschenkartikeln ist kein Idyll. Wer Erfolg hat, wird kopiert; über all die Plagiate seiner Produkte und ihr Aufspüren könnte Stephan Koziol ein Buch schreiben. Und wer Erfolg behalten will, muss auch Absatzkanäle finden, was nicht einfach ist angesichts des Sterbens des Fachhandels, seit die Leute Töpfe, Tassen und Teller in Möbelhäusern, im Supermarkt und bei Tchibo kaufen.
Die neueste Idee sind daher eigene Koziol-Geschäfte, ein Kraftakt für ein mittelständisches Unternehmen. Aber die Präsentation der Kollektion erfordere eben viel Platz, sagt der Chef, Platz, der sich im Einzelhandel immer schwerer findet. Der Erfolg des eigenen, ausgedehnten Fabrikverkaufs in Erbach scheint ihm recht zu geben. 35.000 Gäste zählte man 2011 im Museum, noch 20.000 mehr im Outlet, und dabei ist Erbach nicht leicht zu erreichen. 75 Minuten dauert die Fahrt von Frankfurt aus, Stephan Koziol ist es gewohnt, dass Besucher zu spät sind, weil sie die Reise in den Odenwald unterschätzt haben.
Vor allem aber dürfen jemandem, der auf dauerhaften Erfolg aus ist, die Ideen nie ausgehen. Ungefähr zwei Dutzend Neuheiten bringt das Unternehmen jedes Jahr heraus. Zuletzt erwiesen sich Lampenschirme als sehr erfolgreich. Im Katalog 2012 sind unter anderem eine Salatschüssel, ein Schöpflöffel und ein Erdbeerstrunkentferner als Neuheit aufgeführt. An Einfällen scheint es dem Chef nicht zu mangeln. Seine Frau, mit der er eine kleine Tochter hat - zwei Söhne aus der ersten Ehe sind schon erwachsen -, sieht sich dabei in der Rolle, ihn auf den Boden zu holen, wenn die Erfindungen zu abgehoben werden. Marion Koziol hat nicht das etwas Verspielte ihres Mannes, sie geht resolut durchs Leben. „Es gibt ganz viele Sachen, die er nicht hören will, die aber für den Kunden wichtig sind“, sagt die frühere Unternehmensberaterin, und dass sie auch sonst in der GmbH für die Erdung zuständig sei. Wenn der Ehemann davon schwärmt, wie „energiegeladen“ die Produkte des Hauses seien, entgegnet sie kühl, manches sei im Grunde doch eher Mainstream; wenn Stephan Koziol einen neuen Artikel ausgetüftelt hat, wirft sie die Frage auf, ob er denn überhaupt in die Kollektion passe. „Ich habe hier den Meckersessel“, sagt sie und guckt nicht so, als ob ihr die Rolle missfällt. Auf ihrer Visitenkarte klingt das freundlicher, wo bei ihm „Glückfabrikant“ steht, hat sie „Glücksfee“ hinschreiben lassen.
Ja, das Glück. Marketingprofis hatten davor gewarnt, mit diesem großen Wort auf Kundenfang zu gehen, aber im Marketing von Koziol ist eben alles riesengroß. „Das Glück kommt jetzt aus der Fabrik“ heißt einer der vielen Sprüche, „mache Deine Welt besser und Dich selbst glücklicher“ ein weiterer, und weil sechs von zehn Produkten in den Export gehen, lässt man es auch in Englisch nicht an bedeutsamen Worten fehlen: „better design - bigger smile“.
Dabei weiß der Firmenchef, dass nicht jeder von seinen Produkten glücklicher werden will, sie polarisieren, aber er sei auch zufrieden, wenn es nur drei Prozent kauften, erläutert Stephan Koziol und lässt offen, drei Prozent wovon. Falls er drei Prozent der Weltbevölkerung meint, und das wäre ja angesichts der beachtlichen Exportquote seines Unternehmens erlaubt, dann ist wohl noch gewaltig Luft nach oben.
Oder auch nicht? So transparent sich das Unternehmen gibt, was die Produktion angeht, so wenig Überzeugungsarbeit notwendig ist, um Stephan Koziol für ein Gespräch über seine Waren zu gewinnen, so verschlossen ist man in Erbach bei harten Unternehmenskennziffern. Die Zahl der Mitarbeiter wird mit 200 angegeben, weitere 200 seien bei einem Zulieferer mit dem Montieren und Verpacken befasst, heißt es weiter, doch über den Umsatz ist nichts zu erfahren und über den Gewinn schon gleich gar nichts. Mit dieser Zurückhaltung ist Stephan Koziol dann doch ein Mittelständler wie andere auch, die sich samt und sonders schwertun, mit Zahlen hausieren zu gehen, und er ist Mittelständler wie andere auch, wenn er davon spricht, wie seine Arbeit wahrgenommen wird. Der Prophet gelte nichts im eigenen Land, murmelt er mit Blick auf den Odenwald, bei anderer Gelegenheit hat er auch schon geschimpft, dass seinesgleichen generell zu wenig Unterstützung in der Politik genießt.
Dabei rechnet sich Stephan Koziol zu, dass er tatsächlich in Deutschland produziert, also nicht einfach auf Importware noch einen Knopf draufklebt und das dann als „Made in Germany“ ausgibt. Das Granulat, aus dem alles entsteht, kommt unter anderem von BASF, vom Firmenmuseum aus kann man in die Fertigung blicken, eine große Halle mit allerhand hochkomplizierten Apparaten, bei deren Anblick man ahnt, warum der deutsche Maschinenbau Weltruf genießt. Der Chef leidet ein bisschen darunter, dass Kunststoff nicht geachtet wird, das stets etwas abwertende Wort vom Plastik käme ihm niemals über die Lippen, er wünschte sich, die Hersteller selbst würden mehr für diesen Stoff werben, der durchaus ökologisch sei, zudem eben das ideale Material für seine designorientierten Produkte.
Was man bei Koziol aus dem farblosen Granulat produziert hat, wird dem Fachpublikum von Freitag an auf der Frühjahrsmesse in Frankfurt präsentiert. Es ist die größte Konsumgüterschau der Welt, und Koziol ist das einzige Unternehmen, das seit dem Krieg keine einzige Frühjahrs- und Herbstmesse ausgelassen habe, wie der Chef stolz sagt, die großen Ausstellungen in Frankfurt seien für das Unternehmen aus Erbach das Tor zur Welt. Es wird wie stets ein knallbunter Messestand sein, voller bunter Produkte und großer Slogans, und Stephan Koziol wird wie stets keinen Messetag auslassen, der leise Mann in einem lauten Business. „Wir irren voran“ ist sein Motto, und das klingt schon wieder wie einer der ausgetüftelten Werbesprüche, mit denen man in Erbach auf Kundenfang geht, aber dieser trifft es wirklich. Stephan Koziol, Grübler, Tüftler und Unternehmer aus dem Odenwald, ist noch nicht am Ziel.
Na, na ...
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 05.02.2012, 18:02 Uhr