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Kritik an Ökosiegel FSC : Düstere Aussichten für Waldbesitzer

Harvester: Während der Wintermonate wird im Wald Holz geerntet. Bild: dapd

Eigentlich lohnt es sich, in Holz zu investieren. Trotzdem klagen Hessens Forst-Eigentümer: über den Klimawandel und die Politik.

          Hessens Waldbesitzer blicken sorgenvoll in die Zukunft. Dabei läuft es aus wirtschaftlicher Sicht eigentlich gut für sie: Angesichts niedriger Zinsen und schwankender Aktienkurse fällt der Blick der Anleger auf wertbeständige Investments wie den Wald - auch wenn das Angebot an Forstgrundstücken klein und die Rendite niedrig ist. Zudem waren die Holzpreise in den vergangenen Jahren erfreulich stabil. Trotzdem ist die Stimmung der Forst-Eigentümer gedrückt. Es ist eine aus ihrer Sicht ungute Mischung aus den Folgen des Klimawandels und politischen Restriktionen, die ihnen die Freude an der Natur verdirbt.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.

          Die immer häufiger werdenden trockenen Sommer und lange nasse Phasen im Winter erschweren die Holzernte und begünstigen die Ausbreitung von Schädlingen. Die privaten Waldeigentümer beklagen einen regelrechten Artenschwund, „und niemand regt sich auf“, sagte ihr Präsident Michael von der Tann gestern auf einer Pressekonferenz. Die Ulme verabschiedet sich aus dem hessischen Wald, weil sie einem tückischen Schädling nichts entgegenzusetzen hat, und der Esche ergeht es wegen einer Pilzerkrankung der Triebe kaum anders. Auch um die Zukunft der Rosskastanie sorgen sich die Waldeigentümer: Sie wird von der aus dem Balkan zugewanderten Miniermotte bedroht.

          Viele Waldeigentümer fühlen sich vom Land im Stich gelassen

          Der Verfall der Energiepreise tut sein Übriges, die Laune der Waldbauern zu verdüstern. Von der Tann hat die Holzhackschnitzelanlage in seiner Wohnanlage in der Rhön schon abstellen lassen, weil Öl einfach zu billig ist und es sich unter einem Preis von 50 Cent je Liter nicht lohnt, den nachwachsenden Rohstoff Holz in Wärme zu verwandeln. Das alles sind Entwicklungen der Natur und des Weltmarkts, denen sich wenig entgegensetzen lässt. Obendrein fühlen sich viele der kommunalen und privaten Waldeigentümer, die zusammen mehr als 60 Prozent der 895.000 Hektar Wald betreuen, auch noch vom Land im Stich gelassen. Und das, obwohl fast 40 Prozent des Forstes Staatswald sind und von Hessen-Forst ebenfalls erwartet wird, ordentliche Zahlen abzuliefern.

          Die hessische Umweltpolitik sieht in der Ökonomie des Waldes nur einen - wenn auch wichtigen - Nebenaspekt. In der Koalitionsvereinbarung ist beim Thema Wald vor allem von Naturschutz und von Artenvielfalt die Rede. Diesen Zielen hat sich Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) verschrieben, und sie treibt die Zertifizierung des Staatswaldes mit dem strengen Ökosiegel FSC ebenso mit Elan voran wie das Erreichen des Ziels, acht Prozent des Staatswaldes nicht länger zu bewirtschaften, sondern ihn der natürlichen Entwicklung hin zu einem Urwald zu überlassen.

          Bild: F.A.Z.

          Ein Vorgehen, das vielen der 418 kommunalen und den meisten der 60.000 privaten Waldbesitzer missfällt. Nicht nur, weil sie sich selbst einen solchen Verzicht auf Einnahmen nicht leisten können und wollen, sondern weil sie diesen Schritt auch volkswirtschaftlich und umweltpolitisch für falsch halten. Die Waldbesitzer wünschen sich einen „klimastabilen“ und zugleich ertragreichen Wald. Das geht nicht ohne die von Naturschützern ungern gesehenen Nadelbäume, die als Bauholz aber nach wie vor sehr gefragt sind. Wenn Trockenheit und der Borkenkäfer dem „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft, der Fichte, weiter so zusetzen, soll die Douglasie an ihre Stelle treten.

          Höhere Gebühren befürchtet

          Besonders fürchten die Waldbesitzer die geplante Erhöhung der Gebühren, die Hessen-Forst für die Bewirtschaftung privater und kommunaler Wälder erhebt. Dieses Vorhaben rührt nach Ansicht des Forstwirts und früheren Odenwälder Landrats Dietrich Kübler an der Wirtschaftlichkeit der Forstunternehmen. Die Kommunen würde es ebenfalls hart treffen. Der Bürgermeister des 4.200 Einwohner zählenden nordhessischen Lichtenfels, Uwe Steuber, hat angekündigt, dass seine Kommune von 2018 an die Betreuung der 2.000 Hektar Kommunalwald selbst in die Hand nimmt. Um die erwarteten Mehrkosten für Hessen-Forst zu decken, müsste die Gemeinde die Grundsteuer um 20 Punkte erhöhen. Die Übernahme zusätzlicher Kosten für eine vom Land empfohlene FSC-Zertifizierung lehnt Lichtenfels rundweg ab: „Wir werden keine Waldflächen aus der Nutzung nehmen, sondern den ganzen Wald naturnah und nachhaltig bewirtschaften“, sagt Steuber.

          Der Waldbesitzerverband sieht die bisherige Subventionierung der Beförsterung durch das Land als Anerkennung dessen, was die Waldeigentümer für die Gesellschaft leisteten. Bleibe diese Anerkennung aus oder werde sie stark gekürzt, müsse über Entschädigungen oder Ausgleichszahlungen nach dem Vorbild der Flächenprämien für die Landwirtschaft gesprochen werden. Über diese und andere Themen würden die Waldeigentümer gerne intensiver mit Umweltministerin Hinz sprechen und einen „Pakt für den Wald“ aushandeln. Der Gesprächswunsch liege seit Mitte Januar dem Ministerium vor, heißt es. Die Antwort aus Wiesbaden steht noch aus.

          Quelle: F.A.Z.

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