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Durchgerechnet : Stadt oder Land?

Viele träumen vom Häuschen im Grünen Bild: Rüchel, Dieter

Städter zahlen für teuren Wohnraum, Landbewohner für teure Pendelei. Beim Umzug aufs Land unterschätzen viele Menschen, welche zusätzlichen Kosten noch auf sie zukommen. Wo lebt es sich günstiger?

          Auch Jens-Martin Gutsche kennt die Schwärmereien über die Landschaft. Über die frische Luft. Das Zwitschern der Vögel am Morgen. Und erst die Grundstückspreise, viel niedriger als in der Großstadt. Das Leben auf dem Lande ist in jeder Hinsicht ein Traum.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ist es nicht. Und kaum einer kennt sich in der Frage besser aus als Gutsche. Denn der Partner des Hamburger Büros für Stadtplanung Gertz, Gutsche, Rümenapp ist von Berufs wegen zu nüchternem Rechnen verpflichtet und weiß deshalb genau: Von Landschaft, Luft und Vogelzwitschern einmal abgesehen, ist das Landleben vor allem eines - viel teurer als gedacht.

          Dies ist ein zentrales Ergebnis der Studien, die der Stadtplaner für das Umweltbundesamt und zuletzt für das bayerische Innenministerium mitentwickelt hat. „Die Menschen schauen bei der Entscheidung zwischen Land oder Großstadt vor allem auf die Grundstücks- und Immobilienpreise“, sagt Gutsche. Das allein reiche aber nicht. Stattdessen sei eine umfassende Betrachtung aller Kosten notwendig. „Dann kann man feststellen: Viele der finanziellen Vorteile, die das Landleben bietet, werden an anderer Stelle wieder aufgezehrt.“

          Aber was ist falsch daran, die Grundstückspreise und Mieten zwischen Großstadt und Land zu vergleichen? Zunächst einmal gar nichts. Und in der Tat: Geht es allein ums Wohnen, schlägt das Land die Stadt um Längen. Die Experten des Forschungsinstituts Empirica können das für alle Bundesländer detailliert nachweisen.

          Beispiel Nordrhein-Westfalen: Liegen die Immobilienpreise in Nähe der Metropolen Köln und Düsseldorf bis zu 50 Prozent über dem Landesdurchschnitt, notieren sie in den ländlichen Regionen Ostwestfalens um bis zu 40 Prozent darunter.

          Die Fehlkalkulation vieler Landfreunde

          „Mit Blick auf den Grundstückspreis kann man sich das Zentrum einer Großstadt als höchsten Punkt eines spitzen Gebirges vorstellen“, beschreibt Empirica-Vorstand Reiner Braun die Entwicklung. Je größer die Entfernung vom Umland zum Zentrum, umso niedriger sei in der Regel der Preis. Das gilt im Übrigen auch für die Mieten: Laut Empirica liegen sie in den großen westdeutschen Städten im Mittel 27 Prozent über dem Durchschnitt der westdeutschen Landkreise - das ist ein Zuwachs von fünf Prozentpunkten innerhalb der vergangenen drei Jahre.

          Haben sie also doch recht, die Fans des Landlebens? Nur auf den ersten Blick. Denn jetzt kommen die weiteren Kosten ins Spiel - und über die schauen viele Landbewohner oft großzügig hinweg. Oder schlimmer noch: Sie sind ihrer häufig gar nicht bewusst. Experte Gutsche beschreibt das so: „Viele Bürger tappen in eine raumstrukturelle Falle.“

          Dahinter steckt eine Fehlkalkulation, der viele Landfreunde aufsitzen: Zwar sind Grundstückspreise und Mieten in ländlichen Regionen niedriger - aber dafür fallen die Ausgaben für Auto und Benzin weit stärker ins Gewicht als bei Großstädtern. Denn wer auf dem Lande lebt, findet dort noch lange keine Arbeit. Er muss in der Regel täglich in die Stadt pendeln. Das kostet Geld - Mobilitätskosten sagen die Fachleute dazu. „Mit der Entscheidung für eine Immobilie auf dem Land begibt sich der Käufer in eine lebenslange Abhängigkeit von der Entwicklung der Benzinpreise“, sagt Stadtplaner Gutsche. Vereinfacht gesagt: Das vermeintlich günstige Häuschen im Grünen wird auch jeden Tag an der Tankstelle abgezahlt.

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