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Arbeiten als Digitalnomade : Wir sind frei!

In Anbetracht dieses höchsten Glücks: Digitalnomadin Miriam Tymiec fliegt übers Meer. Bild: Alice Aloha

Windsurfen, Kitesurfen, Programmieren – Digitalnomaden leben und arbeiten dort, wo es günstig ist. Nah am Meer, immer mit Empfang. Und manchmal ganz allein.

          Ronald Kandelhard filmt sich selbst. Auf der Holzterrasse am Meer spricht er eine Botschaft in seine Handykamera. Für seine Frau und seinen zweieinhalb Jahre alten Sohn, die daheimgeblieben sind. Zuvor hat er schon das Ferienhaus gefilmt, die mitgereisten Freunde, den Blick aus dem Wintergarten über die Wolken Estlands und die Ostsee, wo ein kleines Boot am Ufer liegt. „Ich denke, wir kommen hier knapp zurecht“, sagt er in die Kamera, und es soll lustig-ironisch klingen angesichts der Bilderbuchkulisse. Ein bisschen einsam klingt es aber auch.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Es ist windig; nach der Morgengymnastik auf der Terrasse haben Kandelhard und seine Mitreisenden es vorgezogen, sich zum Arbeiten in den Wintergarten zu setzen. Es herrscht „Produktivität pur“, wie Kandelhard es nennt. „Hier ist echt nichts, was dich ablenken könnte. Sogar das Wetter ist so, dass man nicht gleich ins Wasser springen will.“ Die vielen Laptops, die im Ferienhaus herumstehen, zeigen: Kandelhard und seine neun „Kollegen“, wie er sie nennt, sind nicht allein zu Freizeitzwecken hier in Eisma, einem 50-Seelen-Dorf. Für ihre Arbeit brauchen sie kein Büro, nur Computer, Smartphone und Internetanschluss. Sie sind Freiberufler, bezeichnen sich als „digitale Nomaden“ oder als „Ortsunabhängige“. Sie sind ständig unterwegs, einige haben sogar ihre Wohnung in Deutschland aufgegeben.

          Aufenthalte wie den im estnischen Ferienhaus nennen sie „Workation“. Work plus vacation, Arbeit plus Urlaub. Mit einem Abenteuer kurz nach dem Studium hat das wenig zu tun. Ronald Kandelhard ist 52 Jahre alt, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, hat einen Doktortitel und mehrere Fachbücher geschrieben. Seine Partnerschaft in einer mittelständischen Bremer Kanzlei lässt er ruhen. Sein Penthouse über den Dächern der Hansestadt hat er verkauft, den BMW 530 gegen einen gebrauchten Suzuki Swift eingetauscht, die Jacketts gegen Kapuzenpullis. „Ich habe festgestellt, dass ich vieles von dem, was ich hatte, gar nicht brauchte: Auf unserer Dachterrasse saßen wir zum Beispiel nur wenige Tage im Jahr.“

          Abenteuerlustig: Rechtsanwalt Ronald Kandelhard

          In früheren Zeiten wäre Ronald Kandelhard vielleicht Aussteiger geworden. „Weil es noch so viel in der Welt gibt, was ich mit meiner Familie entdecken möchte.“ Vielleicht wäre er auf eine Insel ausgewandert, hätte eine Bar eröffnet oder einen Andenkenladen. Oder aber das ganze Leben, wie er es jetzt führt, wäre ein ewiger Traum geblieben. „Ich hätte das bis zur Rente einfach so weitermachen können, in der Kanzlei. Ich war nicht unglücklich.“

          Dass das Leben, wie er es jetzt führt, kein Traum geblieben ist, das verdankt Kandelhard dem Internet. „Ein Gedanke, an den ich mich selbst erst einmal gewöhnen musste“, sagt er. „Lange dachte ich, dass der Anwaltsberuf völlig ungeeignet sein muss, um ein Online-Business zu gründen.“ Über Jahre hat er in Blogs und Facebook-Gruppen über andere gelesen, die ihren „deutschen“ Job an den Nagel hängten und auf Bali oder Gran Canaria Softwarecodes oder Reiseblogs schrieben. „Anfangs klang das einfach nur total verrückt. Etwas für Nerds, für IT-Gurus.“

          Für Leute wie Mike Miler. Der Programmierer lebt davon, Websites zu bauen und zu verschönern, meistens mit Wordpress. Das ist eine Software, die unter Bloggern und Online-Kleinunternehmern beliebt ist. Seit zweieinhalb Jahren reist er um die Welt, eine Wohnung in Deutschland hat er nicht mehr. Er kann gut von seinen Geschäften leben. Zwischen 2000 und 5000 Euro im Monat verdient er, je nach Saison und Auftragslage. Diesen Herbst hat er zusammen mit sechs Freunden in Lissabon zwei Wohnmobile angemietet und fährt damit die Küste entlang. „Wir gucken immer auf Google Maps nach einsamen Punkten, nach schönen Spots zum Surfen oder einfach nur Abhängen“, sagt er. Dann kampieren sie irgendwo unter dem Sternenhimmel. Und arbeiten dort. Neben Miler besteht das Grüppchen aus einem weiteren Programmierer, einer Bürokauffrau, einem Social-Media-Manager, einer Texterin, einem Profi-Redner und einem Gründer, der sich mit einem Start-up für Surfbekleidung selbständig machen will.

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