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Neues von Ultima Thule : Im Weltall ist mehr los, als man denkt

Aufgehellt: In Wahrheit ist Ultima Thule ist mit einer dunkelroten organischen Substanz bedeckt. Der eisige Doppelmoppel kreist weit jenseits des Pluto. Bild: Nasa

Schutthaufen in Kreiselform oder Dinger, die zusammengeklebt sind: Gleich drei Sonden meldeten diese Woche Neues von Kleinkörpern im Sonnensystem. Ihre Erkenntnisse sind ziemlich spannend.

          Queen-Gitarrist Brian May hatte eigens eine Hymne geschrieben. Fünfzig Sekunden daraus unterlegen das Video, das Alan Stern vom Southwest Research Institute am Montag auf einer Pressekonferenz am Rande der diesjährigen Lunar and Planetary Science Conference bei Houston vorstellte. Der Clip zeigt Bilder der Raumsonde „New Horizons“ bei ihrem Anflug auf (486958) 2014 MU69 alias „Ultima Thule“ – dem sonnenfernsten Himmelskörper, den je eine Raumsonde erreicht hat.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Neujahrstag hatte New Horizons das Objekt passiert. Da es rund 44 Mal weiter entfernt ist als die Sonne und seine Funksignale entsprechend schwach und damit verrauscht sind, können Bilder und Messwerte nur mit extrem dürftigen Datenraten zur Erde übertragen werden. Daher wurde es jener Montag, bis Chefwissenschaftler Stern die beste Farbaufnahme von Ultima Thule präsentieren konnte. Sie zeigt das 35 Kilometer lange Gebilde aus 17300 Kilometer Entfernung. Jedes Pixel repräsentiert ein 300 Meter großes Stück Oberfläche. Aber weder die Farbe – ein tiefdunkles Rot – noch die Tatsache, dass der Rockstar Brian May als gelernter (und seit 2007 auch promovierter) Astrophysiker bei der Datenanalyse wissenschaftlich mitwirkt, waren der Grund, warum sich Ultima Thule der Aufmerksamkeit sicher sein konnte.

          Zwei zusammengeklebte Dinger. Genau.

          Es ist vielmehr die verrückte Form. „Das sieht aus wie zwei zusammengeklebte Dinger“, sagte Alan Stern. „Und genau das ist es auch.“ Inzwischen sind sich die Forscher nämlich sicher, dass Ultima Thule ein sogenannter Contact Binary ist: ein System zweier um den gemeinsamen Schwerpunkt kreisender Massen, die sich berühren. Es sind aber nicht einfach zwei Kugeln wie bei einem Schneemann. Der größere Klumpen ist ein eher flacher Fladen, der kleinere zwar dicker, aber ebenfalls unregelmäßig. Und beide sitzen auch nicht irgendwie aufeinander. „Ihre Achsen sind parallel“, sagt William McKinnon von der Washington University in St. Louis. „Auf mindestens zehn Grad genau, wahrscheinlich sogar besser.“ Wenn das kein Zufall ist, was extrem unwahrscheinlich wäre, dann bedeute dies, dass die beiden Knollen einander einst frei umkreisten und sich in Folge ihrer Gezeitenwirkung aufeinander ausrichteten, während sie sich immer näher kamen, bis sie sich schließlich berührten.

          Die japanische Raumsonde Hayabusa2 und ihr Zielobjekt,  der Asteroid Ryugu, in einer Illustration Bilderstrecke

          Das könnte auch erklären, warum in den Bilddaten bislang keine Monde gefunden wurden. Sie könnten bei der Annäherung jener beiden Klumpen aus dem System herausgeschleudert worden sein – und durch den Schwung, den sie dabei forttrugen (Physiker reden hier von Energie und Drehimpuls), das Zusammenbacken überhaupt erst ermöglicht haben. „Das Fehlen von Satelliten hat mich sehr überrascht“, sagt Alan Stern. Denn bei dem Typ von Himmelskörpern, zu dem Ultima Thule gehört, die „kalten klassischen Kuipergürtel-Objekte“, sind Mehrfachsysteme häufig. Der Kuipergürtel ist ein Ring eisiger Brocken, die jenseits des Neptun ihre Bahnen ziehen. Da sie nie in die Nähe der Sonne kamen, bestehen zumindest die kleineren von ihnen aus Material, das seit der Entstehung des Sonnensystems nicht mehr verändert wurde, was sie wissenschaftlich so interessant macht.

          Zwei Schutthaufen in Kreiselform

          Viel weiter innen, zwischen den Bahnen von Venus und Mars, kreisen zwei Weltraumsteine, die ebenfalls gerade Besuch haben: Der Asteroid 162173 Ryugu wird seit Juni 2018 von der japanischen Sonde „Hayabusa-2“ umkreist und 101955 Bennu seit vergangenem Dezember von der amerikanischen Mission „Osiris-Rex“. Auch ihre Teams haben diese Woche erste Ergebnisse vorgestellt. Zwar ohne eigens komponierte Rockhymnen, dafür aber in Fachartikeln für die aktuellen Ausgaben von „Science“ und „Nature“.

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