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Säureblocker für den Magen : Nicht alle Spei-Babys brauchen Medikamente

  • -Aktualisiert am

Helfen Säureblocker den Schrei-Babys? Bild: ZB

Säuglinge spucken oder schreien viel – und Kinderärzte verordnen immer häufiger Säureblocker für den Magen. Doch das kann Folgen haben.

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          Im Englischen sind sie die „Happy Spitter“, im Deutschen hieß es schon früher: „Speikinder sind Gedeihkinder“. Der Volksmund lehrt – und dies entspricht auch medizinischem Wissen -, dass sich längst nicht jedes „Spuckkind“ schlecht entwickelt. Gleichwohl wird eine solche Situation immer öfter als Krankheit missdeutet. Dabei ist es gerade im ersten halben Jahr durchaus nicht pathologisch, wenn Speisebrei durch den Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Mageneingang wieder nach oben gelangt. Erst dann, wenn dies zum Beispiel mit pathologischen Entzündungen der Speiseröhrenschleimhaut einhergeht oder die Kinder sich nicht gut entwickeln, spricht man von einer gastroösophagealen Refluxerkrankung oder GERD.

          Gesundheitsökonomen stellten fest, dass sich bereits in wenigen Jahren nach der Jahrtausendwende die Diagnose „Refluxkrankheit“ bei Kindern unter einem Jahr verdreifachte, wenn man die Häufigkeit mit der gleichen Zeitspanne davor verglich („Journal of Medical Economics“, Bd.12(4), S.348). Parallel zur Ausweitung der Diagnose explodieren die Verordnungszahlen für Säureblocker vom Typ Protonenpumpenhemmer (PPI) bei allen Altersklassen, sogar schon bei den Kleinsten. Allein in den Vereinigten Staaten haben sie sich zwischen 1999 und 2005 versiebenfacht. Besorgniserregend ist dabei nicht nur die Tatsache, dass diese Medikamente oft ohne Grund und ohne Nutzen verschrieben werden. Überdies erhärtet sich der Verdacht, dass die Nebenwirkungen keineswegs harmlos sind.

          Umfrage unter Kinderärzten

          Die Europäische Gesellschaft für Magen-Darmerkrankungen bei Kindern (ESPGHAN) hat mittels Umfrage unter Kinderärzten in elf Ländern Europas, darunter auch Deutschland, getestet, woran sich die Verschreibung der Säureblocker vom PPI-Typ orientiert. Dabei zeigte sich, dass mehr als vier Fünftel der Kinderärzte die PPI in Fällen verordnen, in denen sie laut Leitlinie nicht angebracht sind („Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition“, Bd.58(4), S.505). Mehr als ein Drittel der Spuckkinder unter einem Jahr, die sonst keinerlei Hinweise auf eine Refluxkrankheit zeigten, erhielten solche Säureblocker. Was noch mehr verwundert: Fast vierzig Prozent der Pädiater gaben diese Mittel den Säuglingen gegen unerklärliches Schreien oder Zeichen von Stress. Schon vor fünf Jahren forderte Philip E. Putnam: „Stoppt den Protonenpumpenhemmer-Express!“ („Journal of Pediatrics“, Bd.154, S.475). Der Gastroenterologe von der Kinderklinik in Cincinatti warnte seinerzeit in einem Kommentar zu einer in Fachkreisen viel beachteten Studie vor der zügellosen Verabreichung dieser Medikamente an Kleinkinder. Die Analyse, auf die er Bezug nahm, ließ erkennen, dass der Nutzen der Protonenpumpenhemmer bis dahin weit überschätzt wurde. Jetzt gibt es gleich zwei neue Arbeiten, die sogar auf ein erhebliches Schadenspotential der Mittel hindeuten.

          Die Nebenwirkungen sind quasi unausweichlich mit der Wirkung verknüpft. Denn die sehr effektiven Protonenpumpenhemmer, darunter viel verschriebene Mittel wie Omeprazol, Pantoprazol und Esomeprazol, vermindern die Salzsäureproduktion im Magen. Sie hemmen das Enzym H+/K+-ATPase in den Belegzellen der Magenschleimhaut. So wird die Abgabe von Protonen blockiert. Die Magensäure hat jedoch auch ihr Gutes, sie zerstört nämlich Keime. Steigt nun der pH im Magensaft, verliert er diese bakterizide Eigenschaft zusehends. Die Arbeitsgruppe um die Gastroenterologin Rachel Rosen vom Boston Children’s Hospital konnte vor kurzem nicht nur nachweisen, dass sich unter Säureblockern vom PPI-Typ mehr Erreger im Magen tummeln. Bei den so behandelten Kindern fanden sich gehäuft Staphylokokken, Streptokokken und andere Stämme – aber eben nicht nur im Magen. Auch deren Konzentration in der Lunge war erhöht („JAMA Pediatrics“, Bd. 168(10), S. 932). Bereits seit längerem steht der Verdacht im Raum, dass es unter PPI-Therapie häufiger zu Lungen- und Bronchialinfekten kommen könnte. Diese Beobachtungen bieten eine Erklärung dafür. Fast zeitgleich hat das Team von Cade M. Nylund von der Universitätskinderklinik in Bethesda Belege dafür gefunden, dass bei einer Therapie mit Säureblockern doppelt so häufig mit einer nicht eben unproblematischen Infektion durch Clostridium difficile gerechnet werden muss („Journal of Pediatrics“, doi: 10.1016/j.jpeds.2014.06.062).

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