„Taube und Wildente“ : Das bekannte Meisterwerk

In Martin Mosebachs Roman „Taube und Wildente“ dient ein Stillleben als Exempel einer Kunst sinnlicher Vergegenwärtigung, der es auf Inhaltliches nicht ankommt. Das ist Augentäuschung: Im Bild verbirgt sich ein literarisch vorgeformter Erfahrungskern.
Der Roman „Taube und Wildente“ von Martin Mosebach (F.A.Z. vom 20. Oktober) heißt nach einem Gemälde von Otto Scholderer. Im Buch ist das Bild ein Erbstück, das Gegenstand eines Geschäfts innerhalb der Patchworkfamilie des Verlegers Ruprecht Dalandt wird und am Ende in Flammen aufgeht. Bevor Ruprecht das Bild seiner Frau Marjorie abkauft, fordert diese ihn auf: „Du mußt mir noch mal erklären, was es Besonderes mit dem Wildstilleben auf sich hat.“ Nach dem Abschluss des Kaufs und der Verbringung des Objekts von Frankreich nach Frankfurt sagt Paula, Marjories Tochter, zu ihrem Stiefvater fast dasselbe: „Ich wüßte gern, was es wirklich ist – was dich derart in Aufregung versetzt, wenn du über dieses Bild redest.“
Wie Ruprecht bei der Aufhängung seines neuen Eigentums einen großen Aufwand bei der Wahl der Leuchtmittel treibt, so erzeugt Mosebach eine Aura des Geheimnisses um das Bild. Es hat eine verborgene Qualität. Je besser Ruprecht sein Werturteil begründet, desto rätselhafter scheint seine Begeisterung.
Die überwältigende Wirkung wird merkwürdigerweise durch ihr verzögertes Eintreten beglaubigt. Jahrelang hing das Bild unbeachtet in der von Marjorie geerbten Villa am Fuß der von Paul Cézanne verewigten Montagne Sainte-Victoire, ein Mauerblümchen unter den Orchideen einer Sammlung gediegener Musterexemplare der Malkunst von Meistern der klassischen Moderne, bis Ruprecht bei einer Hausbegehung mit Gästen ein flammendes Plädoyer für Scholderer improvisierte. Nicht die Plötzlichkeit von Ruprechts Einsicht ist die Signatur der Echtheit seiner Erleuchtung, sondern die Nachträglichkeit. Mosebach schickt der Szene der Offenbarung ihre Wiederholung hinterher. Zuerst hält Ruprecht im Kreis seiner um Verlagsangestellte erweiterten Familie seine Stegreifrede zum Ruhme Scholderers. Später kehrt er allein in das Zimmer mit dem Gemälde zurück – und nun erst, auf den zweiten Blick, entdeckt er das Detail, das ihm zum Beweis für den singulären Rang des Bildes wird, den roten Punkt auf dem Schnabel der Taube, von dem er sich einbildet, dass womöglich kein Betrachter vor ihm ihn gesehen habe. Er ist verblüfft, „obwohl es ihm vorkam, als hätte er so etwas vorausgeahnt“.
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