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Skisprungtrainer Schuster : „Bisschen Professionalität reicht nicht“

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„Man muss schon die Kirche im Dorf lassen“: Schuster über die Möglichkeiten seiner Springer Bild: REUTERS

Unter Werner Schusters Führung ist die deutsche Skispringer-Mannschaft im Aufschwung. Richtig zufrieden kann der Bundestrainer vor dem Skifliegen am Wochenende aber nicht sein.

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          Werner Schuster ist im vierten Winter beim Deutschen Skiverband in der Verantwortung. Unter seiner Führung wurde die deutsche Mannschaft zur zweitbesten hinter Österreich. Trotzdem blieb der große Erfolg bei der wichtigsten Veranstaltung des Winters aus.

          Bei der Vierschanzentournee waren wieder einmal die Österreicher mit Gregor Schlierenzauer an der Spitze das Maß der Dinge. Zwei Ihrer Springer, Severin Freund auf Rang sieben und Richard Freitag als Zehnter landeten unter den besten Zehn der Gesamtwertung. Aber der angestrebte Platz auf dem Podest wurde deutlich verpasst. Wie fällt das Fazit des Bundestrainers aus?

          Es ist nicht aus dem Rahmen gefallen, was wir erreicht haben, aber natürlich nicht befriedigend. Die Vorleistungen waren vielversprechender. Severin Freund ist in diese Tournee ganz gut gestartet, aber er war nicht konstant genug, um das durchziehen zu können. Richard Freitag ist zum ersten Mal in dieser Situation gewesen und hat nicht gleich rein gefunden. Er war noch nicht so weit, mit dieser neuen Situation, mit dieser Erwartungshaltung umzugehen. Obwohl er am Schluss noch den Turnaround geschafft hat, ist er unbelohnt geblieben.

          Ganz vorne sind mit Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern und Andreas Kofler drei sehr routinierte Skispringer. Ist bei dieser Tournee Erfahrung besonders wichtig?

          Bei dieser Tournee waren alle am Limit gefordert. Zum Teil sind Sprünge ausgefallen, man musste sich schnell auf unterschiedliche Bedingungen einstellen, vielleicht auch mal einen schlechten Sprung, einen von der Witterung beeinflussten Sprung sofort wegstecken und sein Muster konsequent durchziehen. Da muss man schon ein sehr stabiler Springer und sehr anpassungsfähig sein.

          Waren die Erwartungen an die deutschen Skispringer zu hoch?

          Bei Richard Freitag waren sie vielleicht ein bisschen zu hoch. Mich hat er deshalb nicht enttäuscht. Severin Freund hätte definitiv das Zeug gehabt, unter die besten drei zu springen, er war auch auf einem ganz guten Weg. Aber er hat seit längerem eine technische Instabilität, die ihm bei den schwierigen Bedingungen in Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen zu schaffen gemacht hat. Bei dem weichen Schnee hat sich der Fehler doppelt ausgewirkt. Er, der eigentlich der Mister Konstanz ist, musste seit längerem wieder ein Misserfolgserlebnis hinnehmen. Aber diese Tournee war sehr lehrreich.

          Bundestrainer Schuster: Norweger überholt, Österreicher unerreichbar?

          Inwiefern?

          Weil man gesehen hat, was man alles leisten und können muss, um bei so einer komplexen Sportveranstaltung ganz vorne zu sein. Schlimmer als bei dieser Tournee kann es vom Anforderungsprofil her nicht mehr kommen. Die Springen waren vom Wetter und vom Wind beeinflusst, in jeder Hinsicht war es ein enger Zeitplan. Es waren die Teams und die Sportler in höchstem Maße gefordert, und da hat man einfach mal klar vor Augen geführt bekommen, wie komplett man sein muss, wie breit man aufgestellt muss als Team und als Sportler, um auf jede Situation die richtige Antwort zu finden. Da reicht ein bisschen Professionalität nicht aus, da müssen wir in allen Bereichen noch einmal zulegen, um in der Entwicklung ganz nach vorne zu kommen.

          Richard Freitag hat gesagt, er verlasse die Tournee mit einem Lächeln. Ist das nicht ein Fall von etwas zu großer Selbstzufriedenheit?

          Man muss schon die Kirche im Dorf lassen. Richard Freitag ist ein junger Springer, der vor drei Jahren noch im Alpencup und vor zwei Jahren im Continentalcup gesprungen ist, mit wechselndem Erfolg. Er hat sich gut weiterentwickelt, aber er ist noch nicht reif genug für den großen Erfolg. Mit Siebenmeilenstiefeln kommt hier kaum ein Spitzensportler voran.

          Halb erfolgreicher Skispringer Freitag: „Er war noch nicht so weit, mit der Erwartungshaltung umzugehen“

          Eines Ihre Ziele als deutscher Bundestrainer ist es, den Rückstand zu den Österreichern zu verringern. Aber die sind eher noch dominanter geworden, die Kluft scheint derzeit nicht kleiner zu werden.

          Den Unterschied machen doch Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer aus. Wenn man sich die Vita dieser beiden Sportler anschaut, wird man in den vergangenen dreißig Jahren nichts Vergleichbares finden. Beide sind noch sehr jung, mehr oder weniger ohne Tief und fast verletzungsfrei durch ihr bisheriges Skispringerleben gekommen. Die leben eine Qualität vor, an der sich die anderen im Team orientieren können, sie sind der Motor. Wir waren ja in den letzten Jahren nicht die zweitbeste Nation, sondern dritt- oder viertbeste Nation, und haben jetzt im Moment die Norweger überholt, die für uns drei, vier Jahre unerreichbar waren. Wir kommen voran als System, wir kommen voran mit dem deutschen Skisprung, aber nicht in Riesenschritten, weil die Österreicher immer eine Antwort haben.

          Am kommenden Wochenende geht zu zum Skifliegen nach Bad Mitterndorf. Ist es dort einfacher für Ihre Springer, weil sie nicht mehr so im Fokus stehen wie bei der Tournee?

          Es wird nicht leichter für uns, denn wir hatten in den letzten Jahren ja immer Schwierigkeiten beim Skifliegen. Es ist eine erste Standortbestimmung Richtung Skiflug-WM im Februar. Wir wollen in Vikersund so weit sein, dass wir eine Medaille machen können, zumindest im Team.

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