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Vor Vuelta-Finale : Warum Movistar das Peloton erzürnte

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Hielten sie ihr Team zurück, um langsamer zu fahren? Alejandro Valverde (vorne) und Nairo Quintana Bild: EPA

Im Radsport gilt bei Stürzen der Führenden eigentlich Warten. Ein spanisches Team nahm das ungeschriebene Gesetz aber nicht so ganz genau – und jetzt herrscht schlechte Stimmung im Vuelta-Peloton.

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          Tony Martin konnte am Abend schon wieder freundlich in die Kamera blicken. „Nichts gebrochen, nur ein großer Cut“, schrieb er auf Instagram. Sein grinsendes Gesicht schmückten zwei große Pflaster, das rechte Auge war immer noch leicht angeschwollen. Den Jumbo-Visma-Fahrer hatte es auf der 19. Etappe der Vuelta schwer erwischt. Blutüberstromt saß er auf dem Asphalt, das Trikot an der rechten Schulter aufgerissen, eine Menge Schürfwunden kamen darunter zum Vorschein. Die dreiwöchige Rundfahrt einmal mehr vorzeitig beendet – wie schon bei der Tour de France.

          „Es war etwas Öl auf der Straße und wir sind wie Dominos umgefallen“, beschrieb Astana-Profi Luis León Sánchez den Grund für den Sturz bei einer schnellen Abfahrt rund 65 Kilometer vor dem Ziel, der mehrere Fahrer auf den Asphalt stürzen ließ und den Rennarzt dazu veranlasste, den Krankenwagen zu rufen. Die Situation im Rennen: vollkommen durcheinander.

          Martin, der den vor ihm stürzenden Fahrern nicht mehr ausweichen konnte, sagte anschließend, er sei sehr traurig, wieder das Ziel einer Rundfahrt nicht zu erreichen. Vor allem tue es ihm leid für seinen Kapitän Primoz Roglic. Der Slowene liegt vor der letzten wirklich schweren Etappe in Führung. Und das mit rund drei Minuten vor den beiden Movistar-Kapitänen Alejandro Valverde und Nairo Quintana sehr komfortabel. Doch das dies auch nach dem hektischen wie regnerischen Tag so blieb, war nicht während des gesamten Rennens abzusehen, denn beinahe wäre es wegen des Sturzes zu einem Eklat gekommen, der das Vuelta-Peloton ganz schön aufbrachte.

          Tony Martin wird nach seinem Sturz von den Rennärzten behandelt.

          Was war passiert? Roglic war genauso wie Martin in der schmierigen Kurve zu Fall gekommen. Auch der Gesamtvierte der Vuelta, der Kolumbianer Miguel Angel López vom kasachischen Astana-Team, lag am Boden. Und was machte das Movistar-Team? Es drückte kurz darauf aufs Tempo, wollte offenbar die Situation nutzen und seine Leader näher an Roglic heranbringen respektive López weiter distanzieren. Im für seine Fairness so gelobten – trotz Dopingvergangenheit in Verruf geratenen – Radsport eigentlich eine Unheit. Auf den Führenden einer Rundfahrt hat man zu warten, sofern er stürzt und nicht wegen eines Leistungseinbruchs zurückbleiben muss, ist ein ungeschriebenes Gesetz des Rennfahrtersports. Mit ehrlichen Mitteln gewinnen, hat dies der heutige Cofidis-Fahrer Guillaume Martin in einem Interview einmal ausgedrückt. Unvergessen sind auch die Bilder, wo Lance Armstrong bei der Tour de France 2001 auf Jan Ullrich wartete, nachdem sich dieser bei der Abfahrt vom Col du Peyresourde plötzlich im Graben wiederfand. Zwei Jahre später wartete Ullrich wohl auch auf Lance Armstrong, als der einen Zuschauer streifte, mit dem Once-Kapitän Iban Mayo kollidierte und stürzte.

          Nun schien es so, als gehe es in Spanien nicht ganz so fair zu. Mehr als zehn Kilometer veranstaltete das Movistar-Team nach dem Sturz der Spitzenfahrer ein Mannschaftszeitfahren an der Spitze des Pelotons, bis plötzlich Valverde seinen Kollegen ein Handzeichen gab und die das Tempo sofort wieder rausnahmen. Hatten der spanische Weltmeister und sein kolumbianischer Teamkollege Nairo Quintana selbst bemerkt, welche Unsportlichkeit sie dort gerade ablieferten? Ersterer äußerte sich auf Nachfrage dazu nicht, der Kolumbianer hingegen gab an, tatsächlich aus eigenem Antrieb heraus gehandelt zu haben.

          „Das war wirklich böse“

          Die Fahrer der anderen Teams nahmen dem einen der Movistar-Kapitäne aber diese Begründung genauso wenig ab wie die spätere Erklärungen seines Sportdirektors José Luis Arrieta, der die Tempoverschärfung ab Kilometer 65 ohnehin schon vor dem Rennen und dem Sturz geplant haben will. Im spanischen Fernsehen behauptete dieser, dass sein Team sich an der Spitze des Pelotons einfand, weil man nach der Abfahrt ein offenes Gebiet erwarte. Die Gefahr für eine sogenannte Windkante habe bestanden, und das Team habe sich davor schützen wollen, indem es offensiv fuhr. „Wir haben mit Alejandro (Valverde) in der Tour und bei der Vuelta solche Situationen erlebt und niemand hat gefragt, warum sie nicht auf ihn gewartet haben“, versuchte sich Arrieta an einer Entschuldigung.

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          Die Fernsehbilder sprechen allerdings eine andere Sprache. Zu sehen ist, wie sich das Movistar-Team erst langsam vorne einfand und erst deutlich schneller fuhr, nachdem Helfer Marc Soler eine Anweisung über Funk bekam. „Das war wirklich böse und zeigte nicht zum ersten Mal einen Mangel an Respekt vor dem Trikot des Führenden“, schimpfte deshalb López hinterher. „Das sind diese Typen, die immer versuchen, aus solchen Momenten ihr Kapital zu schlagen. Und hinterher machen sie einen auf dumm!“

          Roglic gibt sich ganz entspannt

          Auch Tadej Pogacar, der mit López um das weiße Trikot des besten Jungprofis und das Treppchen bei der Vuelta kämpft, sagte später, dass er an Einsicht bei den Movistar-Profis nicht glaube. Vielmehr machte er sich bei Eurosport über das Team lustig. „Sie waren wohl nicht stark genug.“ Der slowenische Sprinter Luka Mezgec sprach derweil auf Twitter von einer „schmutzigen Taktik“ und auch der Sieger der 19. Etappe, Rémi Cavagna, bezeichnete die Aktion des spanischen Rennstalls als „nicht in Ordnung, nicht schön“.

          Roglic, der, sofern er auf der vorletzten Etappe mit zwei Bergen der ersten Kategorie und einem leicht ansteigenden Ziel auf der 1750 Meter hohen Plataforma de Gredos nicht mehr einbricht, kurz vor seinem ersten Grand-Tour-Sieg steht, äußerte sich dagegen diplomatisch. Er wolle erst einmal die Fernsehbilder sehen, bevor er ein Urteil falle. Der Jumbo-Visma-Profi will lieber über die positiven Dinge sprechen. Etwa, dass der sehr gute Zeitfahrer auch an den Bergen – und nun auch ohne die Hilfe Tony Martins – die spanisch-kolumbianische Bergfahrer-Fraktion um Valverde und Quintana locker abhängen kann. Heute kann er es sich sogar leisten, einfach nur an ihren Hinterrädern zu bleiben. Dann ist der 29 Jahre alte Slowene und ehemalige Skispringer der verdiente Gewinner der Vuelta 2019.

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