https://www.faz.net/-gtl-8haw0

Bayern gegen Dortmund : Das große Stürmerfinale

Zwei, die sich verstehen. Thomas Müller (links) und Robert Lewandowski. Bild: Picture-Alliance

Das Pokal-Endspiel ist ein Treffen der besten Offensivspieler: Der BVB setzt auf Aubameyang und Mchitarjan, die Bayern vertrauen Müller und Lewandowski. Die Statistiken sind erstaunlich.

          „Die Dortmunder“, sagte Thomas Müller nach dem Empfang der Meisterschale vor einer Woche, „wissen gar nicht, wie nervig sie waren.“ Nun wissen sie es. Und werden sich anstrengen, es noch einmal zu sein, an diesem Samstag (20 Uhr / Live bei ARD, Sky und im DFB-Pokal-Ticker auf FAZ.NET) in Berlin. Es ist Müllers fünftes Pokalendspiel mit den Bayern, sein drittes gegen die Dortmunder – nach der 2:5-Niederlage 2012 und dem 2:0-Sieg 2014. Der letzten Finalbegegnung vor zwei Jahren verdankt er seinen privaten Berlin-Höhepunkt – als er, von Krämpfen geplagt, nicht mehr ausgewechselt werden konnte und den meuternden Muskeln seiner dünnen Beine in der 123. Minute einen letzten Spurt abtrotzte. Er umkurvte Torwart Roman Weidenfeller, schoss das 2:0 und legte sich nieder. „Lustig und emotional zugleich“ nennt er diesen Moment.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wenn man nicht gerade das Champions-League-Finale erreicht, das die Bayern in drei Jahren mit Trainer Pep Guardiola drei Mal verpassten, ist das Pokalfinale eine Art Ersatz. Schön, aber auch zweischneidig. Einerseits ein „Abnutzungskampf“, wie Müller es nennt, eine Willenssache auf den letzten Metern einer Saison, in der ein Stürmer wie er im Wettkampf weit über 600 Kilometer und an die zweitausend Spurts zurückgelegt hat. Andererseits eine Abschlussprüfung, die für den objektiven Erfolg des Arbeitsjahres eigentlich nicht mehr unbedingt notwendig ist, für die subjektiv bleibende Bewertung aber entscheidend sein kann. Wenn man den Pokal gewinne, so Müllers Sturmpartner Robert Lewandowski, „wäre die Saison wirklich sehr gut“. Das gilt für beide Teams. Erst in Berlin entscheidet sich für Bayern und Borussen, was unter dem Schlusszeugnis einer national starken Saison mit international bitterem Abgang steht: eine Eins minus oder eine Zwei plus.

          Dortmunds kongeniales Offensiv-Duo: Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang

          Vom Unterhaltungswert könnte es eine Eins plus werden - ein großes Stürmerfinale nämlich. Die Stürmer hatten es nicht immer leicht bei Guardiola. Dessen am Ende pragmatischer ausgerichtetes System ließ sie erst in dieser Saison brillieren. Lewandowski und Müller sind darin auf zusammen fünfzig Liga-Treffer gekommen. Zusammen mit Pierre-Emerick Aubameyang (25 Tore) und Vorlagenkönig Henrich Mchitarjan (20 Assists) auf Dortmunder Seite summiert sich ein Offensiv-Potential, wie es das in einem Berliner Finale zumindest statistisch noch nie gab. „Ein Trainer kann den Spielern bis ungefähr zwanzig Meter vor dem Tor helfen“, sagte Pal Dardai, der Trainer von Hertha BSC, der vor dem Halbfinale gegen Dortmund von einem Heim-Endspiel geträumt hatte. „Aber dort braucht es Typen, die nicht nachdenken, sondern einfach die Tore machen.“ Die Finalisten an diesem Samstag haben sie: Spieler, die im Strafraum Macher, nicht Denker sind.

          Damit liegen der deutsche Fußball und sein logisches Finale im europäischen Trend zum Torjäger der Ära nach Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Bisher waren es vor allem die beiden Superstars von Real und Barca, die überragende Torquoten erzielten. Nun gibt es erstmals in diesem Jahrzehnt andere, die sie übertreffen. In Spanien lag Luis Suárez (40 Tore) vor Ronaldo (35) und Messi (26). In Frankreich verabschiedete sich Zlatan Ibrahimovic mit 38 Toren von Paris St-Germain. In Italien stellte Gonzalo Higuain mit 36 Toren einen neuen Rekord für die Serie A auf. Und Lewandowski war mit 30 Treffern der Beste der Bundesliga seit 1977.

          Auch Müller spielt, was die private Bilanz betrifft, seine bisher trefflichste Saison, hat aber auch zum ersten Mal einen persönlichen Rückschlag erlitten. Es war, am Abend des 3. Mai um zwanzig nach neun, die Ausnahme von seinem bisherigen Ruf als ewiger Glücksbringer. Alle 17 Pokalspiele, in denen Müller bisher traf, endeten mit einem Bayern-Sieg. Auch alle 51 Bundesligaspiele, bis zum 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach Ende April. Und alle 18 WM- und Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft. Wer einen Müller hat, der trifft, gewinnt. Doch dann verlor der FC Bayern das Spiel der Saison, das wichtigste der Ära Guardiola - weil Müller nicht traf. Weil er den Elfmeter gegen Atlético Madrid vergab, der die haushoch überlegenen Bayern wohl mit dem Finale der Champions League belohnt hätte. Es war schon Müllers vierter Fehlschuss der Saison vom Elfmeterpunkt, weshalb er diese Übung nun dem Sturmpartner überlässt: „Jetzt ist Lewy dran. Ich muss erst mal wieder trainieren.“

          Dennoch ist ein Müller weit davon entfernt, zerknirscht zu sein. Er wirkt nicht schuld-, sondern selbstbewusst wie eh und je, zugleich nur etwas irritiert, dass der Trainer, dem der Fehlschuss ein glanzvolleres Ende seiner Münchner Zeit verdarb, in dieser Hinsicht in drei Jahren weniger vom bayrischen „Mia san mia“ absorbiert hat als vermutet. „Es tut mir leid, besonders für die Spieler“, hatte Guardiola das unglückliche Aus fast flehentlich kommentiert. „Sie verdienen alles.“ Müller fand es „schlimm“, dass sich Guardiola „zu solchen halben Entschuldigungen hinreißen lässt“. Er vermutete, der sensible Chef sei „weichgeklopft“ worden vom öffentlichen „Ist-nicht-genug-Geschwafel“. Nun soll es am Ende endlich genug werden, mit dem zweiten Double in drei Guardiola-Jahren. Und Müller wird motiviert sein bis zum letzten Krampf. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Dortmunder gar nicht wissen, wie nervig er sein kann.

          Daten zum Pokalfinale FC Bayern München – Borussia Dortmund

          FC Bayern München: Neuer - Lahm, Kimmich, Boateng, Alaba - Xabi Alonso, Vidal - Douglas Costa, Müller, Ribéry - Lewandowski.

          Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Hummels, Schmelzer - Weigl, Castro - Mchitarjan, Kagawa, Reus - Aubameyang.

          Schiedsrichter: Marco Fritz (Korb)

           

          Erfolge: Die Borussia hat den DFB-Pokal bisher dreimal gewonnen (1965, 1989, 2012) und steht zum insgesamt achten Mal im Finale. Bei einem Sieg würde der Revierklub mit dem 1. FC Nürnberg, dem 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt gleichziehen. Die Münchner Bayern könnten den bereits 18. Triumph schaffen. Es ist das 21. Finale des Rekordgewinners. Rekord: Zum vierten Mal nach 2008, 2012 und 2014 stehen sich der FC Bayern und der BVB in einem Pokalendspiel gegenüber. Keine Begegnung gab es häufiger im Finale. Ebenfalls zum vierten Mal treffen der deutsche Meister und der Bundesligazweite aufeinander. Bisher gewann immer der Meister.

          Weitere Themen

          Müller oder Zentner?

          Mainzer Torhüterfrage : Müller oder Zentner?

          Nach einer Verletzung ist Torwart Müller wieder einsatzfähig. Trainer Schwarz lässt jedoch offen, ob dennoch Zentner gegen Schalke im Tor stehen wird. Zählen für die Entscheidung Leistungen oder Matchglück?

          Fortuna fit trotz Verletzungen Video-Seite öffnen

          Rheinderby gegen Gladbach : Fortuna fit trotz Verletzungen

          Im Rheinderby treffen die Düsseldorfer am Sonntag auf Borussia Mönchengladbach, die am Donnerstag in der Europa League eine 0:4-Heimniederlage verkraften mussten. Trotz Verletzungspech freut sich Trainer Funkel auf das Spiel.

          Topmeldungen

          Zur Arbeit auf dem Pedelc – das schon die Umwelt und langfristig die Geldbörse.

          Klimapaket : Wie teuer wird es für mich?

          Das Klimapaket der Bundesregierung kostet manche Leute Geld, anderen bringt es eine Ersparnis. Wir haben einige Fälle durchgerechnet. In manchen Fällen können Pendler zum Beispiel sogar Geld sparen.

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.
          Karl-Ludwig Kley steht dem Aufsichtsrat von Eon und der Deutschen Lufthansa vor und führte zwölf Jahre lang den Chemiekonzern Merck.

          Energiewirtschaft : „AfD und Linke sind nicht wählbar“

          Deutschlands mächtigster Aufsichtsrat teilt aus: Karl-Ludwig Kley spricht über den Moralüberschuss in der politischen Debatte, gierige Manager, das Chaos mit der Energiewende – und seine schwachen Leistungen als Schüler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.