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Leverkusen - Dortmund 0:1 : Wenn’s dem Schiri mal zu bunt wird

  • -Aktualisiert am

Redebedarf: Leverkusens Trainer Schmidt (Mitte) will seinen Verweis auf die Tribüne nicht wahrhaben. Bild: pixathlon / Juergen Schwarz

Novum in der Bundesliga: In Leverkusen unterbricht Referee Zwayer das Spiel für zehn Minuten. Dortmund siegt 1:0. Das Spiel wird zu einem Fall fürs Sportgericht.

          Da spielte also der Tabellenzweite Dortmund beim Dritten Leverkusen, so eine Konstellation firmiert allgemein unter dem Begriff Spitzenspiel. Doch was ist in der Bundesliga angesichts der Punktabstände zwischen Bayern, Dortmund und dem Rest schon noch ein Spitzenspiel – und es schien lange so, als würde diese Partie bald nach ihrem Abpfiff vergessen sein. Das aber wird sie gewiss nicht – sie wird vielmehr ein Fall für das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes und dann einen festen Platz in den Archiven bekommen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          In der Folge des Dortmunder Siegtores durch Aubameyang (64. Minute) hatte der Leverkusener Trainer Roger Schmidt heftig moniert, dass der dem Dortmunder Konter vorangegangene Freistoß für den BVB nicht an der richtigen Stelle ausgeführt worden sei. Schiedsrichter Felix Zwayer ließ Schmidt über den Leverkusener Kapitän Stefan Kießling ausrichten, dass er die Coachingzone verlassen und dafür einen Platz auf der Tribüne einnehmen solle.

          Das wollte Schmidt aber von Zwayer persönlich hören, ließ sich weder von Kießling noch von seinem Mittelfeldspieler Christoph Kramer überzeugen, dem Wunsch des Schiedsrichter Folge zu leisten. Auch Zwayer bewegte sich nicht in Richtung Schmidt, hatte dann aber genug von dessen Weigerung und schickte beide Mannschaften in die Kabinen. Neun Minuten dauerte die Unterbrechung, und aus einer bis dahin schmucklosen Partie war eine besondere Partie mit viel Nachklang geworden.

          Immer wieder protestierte Leverkusens Trainer Schmidt. Bilderstrecke

          Wie weit darf ein Trainer gehen, was müssen sich das Schiedsrichtergespann und der vierte Offizielle alles gefallen lassen? Diese Begegnung wird all diese Diskussionen wieder ins Rollen bringen, mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass beide Seiten wie in dieser 68. Minute keinen Deut aufeinander zugehen werden und dass der Vorbildcharakter der Bundesliga auch seine Nebenwirkungen in den unteren Amateurligen und den Spielklassen der Jugend nicht verfehlen wird.

          Der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler echauffierte sich heftigst, weil Zwayer seine Entscheidung, Schmidt auf die Tribüne zu verweisen, dem Trainer nicht persönlich mitgeteilt habe. „Ich verlange, dass er ihm das erklärt“, sagte Völler. „Und ein Spiel deshalb zu unterbrechen und so eine Hektik reinzubringen, ist völlig unnötig.“ Nun ist Völler in strittigen Situationen nicht bekannt dafür, einen kühlen Kopf zu bewahren – er wirkt dann stets so, als habe er gerade selbst noch auf dem Platz gestanden.

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          Wesentlich souveräner zog sich Stefan Kießling aus der Affäre, der zwar seinen Trainer nicht hatte überzeugen können, aber Schmidt offenbar auch nicht frei von jeder Schuld sprechen wollte – soweit das einem Kapitän möglich ist. „Es war eine blöde Situation, und der Schiedsrichter hätte natürlich auch auf den Trainer zugehen können“, sagte Kießling, und so wie er herumdruckste, schien klar, dass er sich aber auch mehr Einsehen bei seinem Vorgesetzten gewünscht hätte. Mit etwas Nachdenken wäre auch dem Leverkusener Trainer vermutlich schneller bewusst gewesen, dass er diese Auseinandersetzung nicht gewinnen konnte.

          Mit seinem Einwand hatte Schmidt im Übrigen richtig gelegen – den Freistoß hatte der BVB tatsächlich nicht genau an der Stelle ausgeführt, an der Kießling das Foul an Bender begangen hatte. Gute fünf Meter weiter vorne wurde das Spiel mit einem Pass an Reus schnell fortgesetzt, und nach dessen Zuspiel auf Durm war nur noch ein Querpass auf Aubameyang zum Siegtreffer nötig. Fünf Meter – noch im Bereich des gerade zulässigen Spielraums und deshalb regelkonform? Oder zu viel und deshalb ein Regelverstoß?

          Ein Fall für den Videobeweis wäre diese Angelegenheit wohl nicht gewesen, vielmehr gehört sie in den Entscheidungsspielraum des Schiedsrichters. „Viele Freistöße werden zehn und noch mehr Meter von ihrer eigentlichen Stelle entfernt ausgeführt – ich glaube, das war noch ganz normal“, sagte Mats Hummels, der als Dortmunder Kapitän aber kaum als Entlastungszeuge für Zwayer dienen konnte. Recht hatte der Nationalspieler aber mit einem anderen Hinweis: „Ein Schiedsrichter kann es nie allen recht machen. Bei jeder Entscheidung hat er jeweils elf Spieler gegen sich, den Trainer, die Co-Trainer, die Fans.“

          Das aber war an diesem Tag mal wieder besonders auffällig geworden – Entscheidungen des Schiedsrichters werden gerade an der Seitenlinie immer seltener akzeptiert. Im Gegensatz zu anderen Sportarten wie Handball, Basketball oder Hockey, wo dies schnell zu Sanktionen führt, scheint es im Fußball dazuzugehören, und die Installation eines vierten Offiziellen, der zwischen den Coachingzonen für Ruhe sorgen soll, hat die Situation alles andere als beruhigt. Schmidt war im ständigen Austausch mit Christoph Bornhorst, dem vierten Offiziellen, und angeblich war ihm kurz vor der Pause signalisiert worden, dass er kurz vor der Versetzung auf die Tribüne stehe.

          „Der Schiedsrichter hat mir aus 45 Metern signalisiert, dass ich auf die Tribüne solle, aber weder er noch der vierte Offizielle wollten mir sagen, warum ich dies tun sollte“, sagte Schmidt zu seiner Entschuldigung. Für einen kurzen Moment klang er später sogar einsichtig: „Diese fünf Meter waren natürlich ein klarer Vorteil, aber ich bin zu stur gewesen. Ich hätte nicht gedacht, dass er die Partie gleich unterbricht“, sagte er. Mildernde Umstände für seine emotionale Handlung aber schien Schmidt nicht ernsthaft einfordern zu wollen, zumindest ließ er die letzte kleine Chance verstreichen.

          Zwayer hatte nämlich nach der Fortsetzung ganz allein noch einen Aufreger verursacht, als er ein ziemlich deutliches Handspiel von Sokratis nicht als solches wertete und Leverkusen vergeblich auf den Elfmeterpfiff wartete. Einen Zusammenhang zwischen seinem Platzverweis und dem verwehrten Elfmeter sah zumindest Schmidt. „Ich habe meiner Mannschaft nicht geholfen, aber so einen Elfmeter nicht zu geben, ist ja Wahnsinn.“ Es wird ein teurer Abend für ihn und Bayer Leverkusen werden.

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