Volatiler BVB :
Dortmunds Angst vor einem fatalen Verwaltungsmodus

Von
Daniel Theweleit, Dortmund
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Gestenreich an der Seitenlinie: Niko Kovač geht während der Partie gegen Werder emotional mit.
Gestenreich an der Seitenlinie: Niko Kovač geht während der Partie gegen Werder emotional mit.AFP

In der ersten Hälfte dominiert Dortmund Bremen nach Belieben. Dann bricht der BVB plötzlich ein. Am Ende rettet ihn eine Einzelleistung. Vor dem Gipfel gegen Bayern sorgt das für Verwirrung.

Es dauerte ungewöhnlich lange, bis die Dortmunder Südtribüne sich von diesem magischen Stadionmoment gelöst hatte, mit dem ein wildes Pokalabenteuer gegen Werder Bremen zu Ende ging. Vor dem obligatorischen Ausblick auf das große Duell beim FC Bayern, das am kommenden Samstag in München ansteht (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky), mussten die Anhänger des BVB erst mal ihre Ängste aus der Schlussphase verarbeiten und ihr Glück genießen. Sie mussten den Siegtorschützen Marcel Sabitzer und ein hübsches Freistoßanekdötchen aus der Nachspielzeit feiern.

„Total crazy“ sei dieser Treffer zum 3:2 gewesen, sagte der Trainer Niko Kovač später und erklärte, was vorgefallen war: „Eigentlich sagte der Schlotti zum Sabi: Lass den Svensson flanken. Aber ich habe von draußen reingerufen: Sabi, schieß bitte.“ Sabitzer schoss, traf, die Süd bebte, Bierbecher flogen, das Adrenalin strömte.

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Erst nach rund zehn Minuten kamen die Leute auf die Idee, sich von diesem süßen Moment zu lösen, um mit Vorfreude auf das kommende Bundesligawochenende den Klassiker von den ausgezogenen Lederhosen zu schmettern. Die Frage, ob dieser Pokalabend der bevorstehenden Unternehmung zuträglich sein wird, ist unterdessen vollkommen unklar.

Rätselhafter Leistungseinbruch in der zweiten Hälfte

Denn im Team selbst war der Überschwang schnell verflogen. „In der Kabine war es nicht komplett euphorisch“, sagte der Sportgeschäftsführer Lars Ricken. Ein rätselhafter Leistungseinbruch nach der Pause war einerseits hochgefährlich und nährte Zweifel an der Zuverlässigkeit der Dortmunder. Zugleich hatte das Spiel, für das der Sportdirektor Ole Book das alte Bild von der „Achterbahn“ hervorkramte, eine erdende Wirkung.

Einerseits hatte der BVB eine erste Halbzeit gespielt, die das Selbstbild von einer echten Spitzenmannschaft untermauerte wie keine andere Partie der vergangenen Monate. Vor der Pause spielte der Revierklub einen Fußball, der Bremen erdrückte und zu gefährlichen Gedanken verleitete: Wurde in dieser ersten Halbzeit vielleicht die nächste Stufe des Niko-Kovač-Fußballs erreicht? Beginnt die Mannschaft auf der Basis ihrer defensiven Stabilität nun auch, eine offensive Leichtigkeit zu entwickeln? Sind etwa künftig hohe und souveräne Siege möglich, wie sie der FC Bayern regelmäßig herausspielt?

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So sah es aus. „In der ersten Halbzeit kann ich jedem einzelnen Spieler von uns ein Kompliment machen“, sagte Kovač. „Wir haben den Gegner laufen lassen, waren geduldig, haben die freien Räume gesucht und auch gefunden.“

Das Pressing und das Gegenpressing waren riskant, fast fehlerlos und sauber dosiert. Die Ideen des Chefstrategen Joey Veerman beglückten nicht nur Ästheten, sie waren auch sehr wirksam. Im Zentrum harmonierten Veerman und Felix Nmecha exzellent mit dem überraschend starken Carney Chukwuemeka. Das Tempo war enorm, und die beiden Tore von Serhou Guirassy (6.) und Chukwuemeka (17.) entstanden jeweils aus anspruchsvollen Angriffskombinationen.

Füllkrug trifft doppelt nach Einwechslung

Es war gut vorstellbar, dass die Dortmunder mal wieder 4:0 oder 5:0 gewinnen, dass sie anschließend zum Topspiel nach München schweben. Vielleicht war es dieser Gedanke, der den zwischenzeitlichen Glückszustand mit dem Gift der Nachlässigkeit auslöschte.

In jedem Fall hatten die Dortmunder nach der Pause „komischerweise ein bisschen Probleme“, sagte Nico Schlotterbeck, was eine Untertreibung ist. Nach zwei Toren des eingewechselten Niclas Füllkrug war Bremen nah dran am Auswärtscoup. „Es wurde dann wild, wir waren sehr unorganisiert“, sagte Kovač, Book sprach von einem „Verwaltungsmodus“, in den die Mannschaft umgeschaltet habe.

Kurz vor Schluss verfehlte dann Mitchell Weiser aus 16 Metern die weit geöffnete linke Torecke und vergab damit eine tolle Chance auf den mutmaßlichen Siegtreffer für den SV Werder. „Nervös“ sei seine Mannschaft gewesen, sagte BVB-Kapitän Schlotterbeck, von der Souveränität der ersten Spielhälfte war am Ende nichts mehr übrig. Dortmund reist damit doch als klarer Außenseiter nach München und nicht mit dem Gefühl, den nächsten Entwicklungsschritt in Richtung Augenhöhe mit dem Meisterteam geschafft zu haben.

Was die Dortmunder aber beflügeln kann, ist dieses spezielle BVB-Erlebnis. Der von Sabitzer über die Mauer gezirkelte Freistoß löste eine „pure Freude“ aus, sagte Waldemar Anton, der sehr zuversichtlich auf den kommenden Samstag blickte: „Wir haben uns genau die Ausgangslage erarbeitet, die wir wollten. Die Aufgaben sind erledigt, jetzt gilt es, in München die beste Leistung abzurufen.“

Bei einem Duell zweier Teams, die viel können, die aber im Moment beide dazu neigen, den Faden zu verlieren.

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