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Zucchero : Märchenonkel auf Zeitreise in die Kindheit

  • -Aktualisiert am

Blues mit Streichern: Zucchero singt auf seiner neuen CD „Chocabeck“, die er in der Frankfurter Festhalle vorstellte, von den Wonnen der frühen Jahre. Bild: Lisowski, Philip

Der italienische Blues-Sänger Zucchero Fornaciari gibt ein Konzert in der Frankfurter Festhalle.

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          Vielleicht wird Zucchero Fornaciari ja langsam alt. Das könnte immerhin erklären, dass seine neuen Stücke sich um seine offenbar seligen Kindertage drehen. Im Titel von aktueller CD und nach sieben Monaten bald endender Tour, die ihn jetzt in die Frankfurter Festhalle führte, ist er wieder der kleine Adelmo, als der er 1955 in der Reggio Emilia geboren wurde: „Chocabeck“ versprach ihm der Vater, wenn er nach Süßigkeiten fragte - ein erfundenes Wort, eine Phantasie, die aber schöner war als die Tatsache, dass es nichts Süßes gab.

          Zuccheros Zeitreise beginnt vor beeindruckender Kulisse: Ein riesiger antiquierter Koffer füllt die gesamte Bühne. Man ahnt, dass er voller Erinnerungen steckt. Die Frage, wo dort die Musiker noch Platz haben, beantwortet dann der sich öffnende Deckel. Darunter kommt eine, wie sich zeigen sollte, hervorragende Band mit elf Mitgliedern zum Vorschein, während der Meister mit Gitarre auf einem neobarocken Polsterstuhl Platz nimmt.

          Wette gewonnen

          „Hey Francoforte“. Mit großen Worten hält er sich nicht lange auf. Was es zu sagen gibt, tippt eine Geisterhand auf die hintere Leinwand: Die erste Hälfte des Abends gehört ausnahmslos dem neuen Album. Mit dunklem Mantel, weißem Hut, langen Locken und schweren Stiefeln sieht Zucchero zwar aus, als wäre er einem Italo-Western entsprungen. Aber er spielt seinem Publikum nicht das Lied vom Tod, sondern singt Oden an die Kindheit, die Großmutter, die Gegend, in der er aufwuchs, und Streicher begleiten ihn auf einer Wanderung zum Ende des Regenbogens. Das klingt alles wie ein unschuldiger Reigen und manchmal sogar ein bisschen nach Branduardi. Aus Zucchero ist ein Märchenonkel geworden. Mitgeklatscht werden darf und kann bei schnelleren Nummern und selbst dann noch, wenn er davon singt, dass es schade ist zu sterben. Auf der Leinwand sind nun Bilder einer tickenden Uhr oder der sich hinter Rundbögen auftuenden Campagna zu sehen.

          Nur gut, dass der Mann den Blues in der Stimme hat, der ihn seit Beginn seiner inzwischen drei Jahrzehnte währenden Karriere von den vielen anderen seiner singenden Landsleute unterscheidet und der mit den Jahren noch rauher zu werden scheint. So grandios wie seine Musik in den Achtzigern wirken Zuccheros aktuelle Lieder allerdings nicht. Das scheint er auch selbst zu wissen und gibt seinem Publikum mit Kostproben aus älteren Alben dann doch noch Zucker. Dass die Festhalle bei weitem nicht voll ist, kaschieren Vorhänge und großzügig gestellte Sitzreihen geschickt. Aber die Stimmung ist gut. Schon früh hatte es die Zuhörer bei jeder temporeicheren Nummer von den Sitzen gerissen. Willig folgen sie nun der Aufforderung des Liedtitels „Baila!“ und tanzen.

          Dass der bacchantische Teil des Abends längst begonnen hat, signalisieren monströse Weintrauben, die dort, wo zuvor noch Kirchturmglocken gehangen hatten, vom Bühnenhimmel sinken. Mit „Overdose“ oder „Ho il Diavolo in me“ haut Zucchero noch einmal richtig rein und zeigt etwa mit „Dune Mosse“, dass auch Balladen rocken können. Wer darauf gewettet hatte, dass er „Senza una Donna“ im Zugabenteil spielt, hat gewonnen.

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