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Kunsthalle Mainz : Das langsame Schleichen des Wärters

  • -Aktualisiert am

Die Geräusche des Grauens in 95 Objekten: Lawrence Abu Hamdan, Earwitness Inventory, Installation 2018-heute, zu sehen in der Kunsthalle Mainz. Bild: Norbert Miguletz

Spuren von Gewalt und Zerstörung: Die Ausstellung „Enter the Void“ in der Kunsthalle Mainz zeigt jene Leerstellen, die anzusehen weh tut.

          3 Min.

          Eine Dose voller Kleingeld, eine Popcornmaschine, Telefonbücher, Handys, Militärstiefel und eine Wassermelone: Die Dinge sind nicht nur, was sie zu sein scheinen. Ein Planschbecken, eine Autotür, Treppenstufen, ein Heizstrahler auf einem Sandhaufen und eine Tür mit vielen Schlössern bilden weitere rätselhafte Skulpturen im Raum und Teile eines unheimlichen Archivs.

          Für sein „Earwitness Inventory“ hat der 1985 in Amman geborene Künstler Lawrence Abu Hamdan Alltagsgegenstände zusammengetragen, die nun in der Mainzer Kunsthalle zu sehen sind. Mit ihnen versucht Hamdan jene furchtbaren Geräusche von Gewalt und Folter zu imitieren, an die sich ehemalige Häftlinge erinnern. Er versucht herauszufinden, wie sich etwa ein Fausthieb auf den menschlichen Körper oder Kopf anhört: wie eine platzende Melone, wie ein zerbrechendes Ei oder ein fallendes Telefonbuch?

          Unangenehme Überlegungen

          Um Lücken und Leerstellen, die sich als unvollständige Erinnerungen, als Wissens- und Wahrnehmungslücken und als Verschwinden von etwas manifestieren, geht es in der Ausstellung „Enter the Void“ in Mainz, für die die Leiterin der Kunsthalle, Stefanie Böttcher, neben dem Träger des Turner Prize Hamdan auch die an der Goldsmiths University of London angesiedelte Recherchegruppe Forensic Architecture sowie Paulo Tavares und Ursula Biemann gewinnen konnte.

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          Ihren Besuchern mutet die Schau unangenehme Überlegungen zu, die aber, wie der Schutz von Tieren und Umwelt, durch die Corona-Krise jetzt sowieso stärker in den Blick rücken. Wie bei der Aufklärung von Kriminalfällen wurden Zeugen befragt, Material gesichtet und gesichert und dorthin geschaut, wo es weh tut. Denn die Zerstörung der Natur zu betrachten stimmt unweigerlich traurig – genau wie das Menschen zugefügte Leid und das Unrecht, das Tieren angetan wird. Mit ihren Arbeiten klagen die Künstler mitunter zwar keine ganz und gar unbekannten Missstände an. Doch ihr Blick darauf ist ein anderer. So werden neue Zusammenhänge erschlossen.

          Unmittelbar erfährt man etwa beim Betreten der schallisolierten und abgedunkelten Kammer „Saydnaya (the missing 19 db)“, einer weiteren Installation Hamdans, welchen Qualen die Häftlinge des syrischen Gefängnisses Saydnaya ausgeliefert waren. Ihnen wurden permanent die Augen verbunden, sie durften nicht laut sprechen, nicht husten. Vom Band hört man, was Zeugen berichten: „Im ganzen Gebäude ist keine einzige Stimme zu hören“, sagt einer. „In der Stille hörst du nichts außer das langsame Schleichen des Wärters.“ Um 19 Dezibel leiser wurde das Flüstern der Häftlinge, als das Gefängnis 2011 für politische Demonstranten genutzt wurde, hat Hamdan herausgefunden. Es begann „ein Massenmord, der im Flüsterton gemessen werden kann“.

          Interaktive Landschaften

          Während Hamdan den Klang analysiert, um Geschehnisse nachzuvollziehen, konzentrieren sich andere Künstler, Architekten, IT-Spezialisten, Journalisten und Wissenschaftler unterschiedlicher Sparten der Recherchegruppe Forensic Architecture auf die Architekturanalyse: Interaktive Landschaften und 3D-Modelle geben wieder, wo Verbrechen und Verstöße stattfanden. Sogar Rauchwolken von Bomben lassen sich hierzu einbeziehen, wie die Arbeit „The Bombing of Rafah“ zeigt.

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          Als Anfangsstunde der modernen Forensik bezeichnet Eyal Weizman, Gründer der Recherchegruppe, die Zuordnung der Überreste von Josef Mengele durch einen DNA-Test. In der Ausstellung ist die Videoarbeit „Mengele’s Skull“ zu sehen, in der ein Abgleich des gefundenen Schädels mit Mengeles Gesicht dargestellt wird.

          Kunst und Natur

          Den Angriffen auf die Natur spürt das Centre for Contemporary Nature (CCN) nach, eine Untergruppe von Forensic Architecture. Recherchen zur Vernichtung von Torf- und Waldgebieten in Indonesien zeigen die Videos, Satellitenaufnahmen und Fotografien der Arbeit „Ecocide in Indonesia“, für die CNN in Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Organisationen Beweise für Umweltkriminalität zur Verwendung bei internationalen Gerichtsprozessen sammelt: Im Jahr 2015 wurden durch Brände mehr als 21 000 Quadratkilometer zerstört. Der von etwa 130 000 Bränden aufsteigende Rauch bildete eine giftige Riesenwolke, die von Indonesien bis nach Malaysia, Singapur, ins südliche Thailand und Vietnam reichte.

          Orang-Utans flüchteten vor den Menschen, vertrieben aus ihrer Heimat, dabei müsste man ihnen doch womöglich eigene Rechte zuschreiben: Die Installation „Ape Law“ weist auf die Kunstfertigkeit der Menschenaffen hin, die Tag für Tag raffinierte Schlafnester in Bäumen bauen, wie 3D-Drucke demonstrieren. Videos zeigen außerdem das Orang-Utan-Weibchen Sandra, das schwierige Aufgaben zu lösen vermag und für das eine Tierschutzorganisation einen Prozess führte, der 2014 in der Feststellung endete, sie werde im Zoo von Buenos Aires unrechtmäßig ihrer Freiheit beraubt.

          Die Zwei-Kanal-Videoinstallation „Forest Law“ (2014) der Schweizer Künstlerin Ursula Biemann und des brasilianischen Architekten Paulo Tavares führt den Reichtum des Regenwaldes vor Augen, der nun unwiederbringlich verschwindet. Biemann und Tavares reisten durch den ecuadorianischen Urwald und sprachen mit den dort lebenden Menschen, wie den Sarayaku, die vor Gericht für ihren Lebensraum kämpfen. Der Urwald, so glauben sie, sei ein eigenständiges Wesen. „Der Wald lebt und denkt“, sagt ein alter Mann, der die Ausbeutung der Natur anprangert. Das müssten doch endlich alle verstehen. „Lebende Wälder sind wichtiger.“

          „Enter the Void“

          Die Ausstellung “Enter the Void“ ist bis 1. November 2020 zu sehen. Geöffnet Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch von 10 bis 21 Uhr sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

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