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Frankfurt : Keine Wutbürger, sondern Mutbürger

  • -Aktualisiert am

Glanzvoller Auftritt: Der Schauspieler Michael Quast sprach als August Anton Wöhler zu der Festgesellschaft. Bild: Helmut Fricke

Fürst Metternich setzte die Polytechnische Gesellschaft auf die schwarze Liste. Zwei Jahrhunderte später strömen die Oberen von Stadt und Land zur Geburtstagsfeier in die Paulskirche.

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          Die Frankfurter Bürger, die vor 200 Jahren die Polytechnische Gesellschaft gründeten, fühlten sich der Aufklärung, der Bildung und dem Fortschritt verpflichtet. Dieser Anspruch hat sich bis heute nicht verändert. Die Polytechniker förderten nach wie vor die Errungenschaften der Aufklärung wie vielfältige Bildung, Freiheit der Wissenschaften, Leistungswillen und gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen, sagt Walter von Wietzlow, Präsident der Polytechnischen Gesellschaft. „Nein“, ließ Wietzlow gestern Abend bei der Geburtstagsfeier alle Zweifler wissen, die die Polytechnische Gesellschaft als Altherrengesellschaft betrachten, „wir sind nicht alt.“ Die altehrwürdige Bürgervereinigung erfinde sich von Jahr zu Jahr neu.

          So sieht das auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Die Polytechnische Gesellschaft, so stellte er klar, habe sich immer auf der Höhe der Zeit befunden. Sie sei heute so modern wie damals. Das Besondere an dieser Frankfurter Gesellschaft bestehe seit ihrer Gründung darin, dass ihre Mitglieder nicht auf die Antworten des Staates auf Probleme ihrer Zeit gewartet, sondern selbst gehandelt hätten. Oder in den Worten von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD): Die in der Polytechnischen Gesellschaft vereinten Frankfurter Bürger hätten die Veränderungen der Zeit nicht erleiden, sondern den Fortschritt gestalten wollen.

          „Es kann gar nicht genug Vernünftigkeit geben“

          Damals, in den Jahrzehnten der Restauration nach den napoleonischen Kriegen, waren die Polytechniker, die an die Vernunft, den Aufstieg durch Bildung und den gesellschaftlichen Fortschritt glaubten, den Herren an der Macht durchaus verdächtig. Gestern haben sich die Mächtigen und Wichtigen aus Frankfurt und Hessen gedrängelt beim Festakt in der Paulskirche. Denn die „Mutbürger“, als die der Ministerpräsident die konstruktiven und auf Vernunft setzenden Polytechniker bezeichnete, sind ihnen weitaus lieber als die Wutbürger, die meistens nur destruktive Kräfte freisetzen. „Es kann gar nicht genug Vernünftigkeit geben“, sagte Wietzlow unter Beifall.

          „Sapere aude“, der von Horaz 20 vor Christus formulierte Anspruch, den Immanuel Kant 17 Jahrhunderte später mit „Habe Mut, dich eines eigenen Verstandes zu bedienen“ übersetzte, dieses „Wage es, weise zu sein“ war das Leitmotiv des Festvortrags des Mainzer Historikers Andreas Rödder. Für ihn bedeutet „sapere aude“ eine Grundhaltung der kritischen Skepsis statt der Affirmation an den Mainstream, des Muts zur Eigenständigkeit statt der Bequemlichkeit der Anpassung, der Offenheit statt der Selbstgewissheit sowie der Bereitschaft zu Selbstreflexion und Selbstkritik.

          Nicht nur den Polytechnikern, sondern der gesamten westlichen Gesellschaft empfahl Rödder eine Haltung der grundlegenden Offenheit für unerwartete Gefahren wie für unverhoffte Möglichkeiten. Zudem das Prinzip der Skepsis gegenüber vermeintlichen Gewissheiten. Das, so sagte der Historiker, sei, nach aller historischen Erfahrung, nicht der schlechteste Kompass einer modernen Aufklärung.

          Das hätte August Anton Wöhler, der die Bürgergesellschaft von 1820 bis 1850 als Präsident geleitet hat, wohl unterschrieben.

          Gestern hatte dieser große Polytechniker in Gestalt von Michael Quast einen glanzvollen Auftritt in der Paulskirche. Hätte er den Chor der Stiftung Polytechnische Gesellschaft sowie die vom polytechnischen Verein zur Pflege der Kammermusik und die Stipendiaten der Stiftung an diesem Abend real erlebt, ihm wäre um die Zukunft der Polytechnischen Gesellschaft nicht bange gewesen.

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