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Moderator verlässt die Bühne : Antworten Sie Doktor Friedman!

Philosoph: Michel Friedman trat in seiner Gesprächs-Reihe im Schauspiel subtiler auf als im Fernseh-Talk Bild: dpa

42 Mal hat Michel Friedman im Schauspiel Frankfurt für ausverkaufte Kammerspiele gesorgt. Nun ist Schluss mit seiner Gesprächs-Reihe, in der er anders auftrat als im Fernsehen.

          Friedman füllt das Theater. Zuverlässig. Seit Herbst 2011 hat der Moderator Michel Friedman 42 Mal im Schauspiel Frankfurt für ausverkaufte Kammerspiele gesorgt. Zum Abschluss der Reihe „Im Gespräch mit Michel Friedman“ am Dienstagabend durfte er sein rosa Sofa sogar auf der Bühne des Großen Hauses plazieren, knapp 700 Besucher verfolgten sein Gespräch mit der Autorin und Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke über das Thema „Heimat!“.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun also ist Schluss mit dem Philosophen Friedman, der mehr als fünf Jahre lang im Theater über die letzten Dinge nachgedacht hat. Über Krieg und Frieden, über Humor und Melancholie, über Scham, Gier, Liebe: über alles, was des Menschen Sinnen und Streben bewegt.

          Er macht sich im Voraus viele Gedanken

          Recht eigentlich dachte vor allem der Gast nach, Friedman lieferte ihm mit seinen Fragen die Anregungen dazu. Aber man muss anerkennen, dass der smarte Moderator sich im Voraus viele Gedanken gemacht hat. Er hat sich die Themen ausgedacht und die Gesprächspartner dazu gesucht. Und er hat seinen Fragekatalog immer gut vorbereitet. Zack, überfiel er zum Beispiel in seiner letzten Vorstellung ohne jede Begrüßung des Publikums effektvoll seine Gesprächspartnerin Emcke mit einem von ihr einst geäußerten Satz, in dem sie sich abfällig über den Begriff „Heimat“ ausgelassen hatte. Das fängt ja gut an, dachte die überraschte Emcke und fragte sich und das Publikum in einem Anflug von Verzweiflung, warum in Gottes Namen sie sich auf ein solches Thema eingelassen habe.

          Solche blitzartigen Attacken sind schon immer eine Spezialität Friedmans gewesen, er hat damit manchen Gast seiner vielen Talkshows im Fernsehen in Verlegenheit gebracht. Dort rückt er seinen Gesprächspartnern oft aggressiv auf die Pelle, was ihn berühmt, aber auch berüchtigt machte.

          Im Frankfurter Schauspiel ist Friedman meistens subtiler vorgegangen: Er hat genauer zugehört, hat die Leute ausreden und sich von ihren Gedanken inspirieren lassen. Die Gespräche mit dem Grünen-Politiker Jürgen Trittin über „Krieg“ und mit dem Friedensforscher Dieter Senghaas über „Frieden“, der Dialog mit Bischof Wolfgang Huber über „Glauben“ und mit der Philosophin Annemarie Pieper über das „Böse“, all die vielen anderen Vier-Augen-Talkshows in den Kammerspielen waren fast immer intellektuelle Auseinandersetzung auf einem Niveau, wie man es nicht so oft findet.

          Wer hat sich 2003, als Friedman wegen seiner Prostituierten- und Koks-Affäre seine Ämter und seinen Ruf verlor, vorstellen können, dass er einmal wieder als Strahlemann ans Mikrofon und sogar auf die Bühne zurückkehren würde. Sein anschließendes Philosophiestudium, gewiss aber auch seine Heirat und die Geburt von zwei Söhnen haben ihn ganz offensichtlich reifen lassen. Jetzt nützt er seine hohen Talente nicht mehr in erster Linie zur Selbstdarstellung, sondern zu ernsthaftem Erkenntnisgewinn.

          Würde Friedman allein das Theater bestreiten, das Schauspiel brauchte keine Subvention mehr, scherzte Intendant Oliver Reese, als er nach dem Emcke-Gespräch seinen Star auf der Bühne mit Blumen, einer CD-Sammlung mit Aufnahmen aller seiner Auftritte und mit einer Umarmung verabschiedete. Vielleicht philosophiert Dr. phil. Friedman ja demnächst auf Reeses neuer Bühne, beim Berliner Ensemble.

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