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Konzept für Problemschulen : Talente gibt es überall

Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr das Modellprojekt der „Talentschulen“ ins Leben gerufen. Jetzt gibt es erste Erfolge. Bild: dpa

Arme Schüler brauchen extra Unterstützung. Tief im Westen gibt es dafür neue Ideen. Entscheidend sind die Lehrer.

          6 Min.

          Zum neuen Schuljahr soll es wieder anders werden. Das hoffen jetzt alle an der Gesamtschule in der Ferdinandstraße in Köln-Mühlheim. Wo sich normalerweise 850 Kinder und Jugendliche tummeln, waren zuletzt nur vereinzelte Klassen auf alle Klassenräume verteilt. All das, was die Schule sonst noch bietet, ihre besondere Profilierung, kam nicht zum Tragen. „Unsere Schülerinnen und Schüler hatten zuletzt nur drei Stunden Unterricht am Tag“, erklärt Direktorin Monika Raabe, die seit neun Jahren die Schule leitet. Normalerweise läuft die Schule im Ganztagesbetrieb mit einem umfangreichen Angebot zusätzlich zum regulären Unterricht.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vor gut eineinhalb Jahren haben sich Monika Raabe und ihr Team beim Schulversuch der „Talentschule“ beworben, einem Programm, das die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen aufgelegt hat, um die Chancen der Kinder an Schulen in sozial schwierigen Vierteln zu verbessern. „Bei uns sind über 60 Prozent der Kinder lernmittelbefreit“, sagt Raabe im politisch korrekten Sozialvokabular.

          Im Klartext heißt das: 60 Prozent der Kinder kommen aus Haushalten in schwieriger sozialer Lage, in denen die Eltern staatliche Unterstützung beziehen. „Ich würde auch schätzen, dass bei uns mindestens 90 Prozent der Kinder einen Hintergrund nichtdeutscher Herkunft haben.“ Wer Schulen kennt, weiß, dass es weder Raabe noch ihr Team besonders leicht haben, schon gar nicht die Kinder und Jugendlichen. Und dass allein die Schule als Absender diskriminieren kann: „Sage mir, auf welche Schule du gehst, und ich sage dir, wer du bist.“

          2500 Euro für jährliche Fortbildungen der Lehrer

          In Nordrhein-Westfalen soll sich das jetzt für solche Schulen tatsächlich ändern. Die Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat dafür 2019 den Schulversuch „Talentschule“ ins Leben gerufen, 60 allgemein- und berufsbildende Schulen nehmen daran teil. Bei der Auswahl spielten Sozialindikatoren des Viertels und der Schule ein Rolle, auch die Einschätzung der Schulaufsicht.

          „Das Thema der ungleichen Bildungschancen ist leider und trotz vieler politischer Bemühungen akut“, sagt Ministerin Gebauer, „auch wenn es zuletzt leichte Verbesserungen gegeben hat.“ Man müsse dies gesamtgesellschaftlich angehen, da sozioökonomische Benachteiligungen auf vielen Feldern stattfänden. Die Schule und die Lehrkräfte allein könnten das niemals vollständig kompensieren.

          Immerhin hat die Ministerin beschlossen, die Ressourcen ihres Schulhaushalts ein bisschen anders zu verteilen. Im Falle der Talentschulen sieht das dann so aus: Sie erhalten zunächst einmal ein Fünftel mehr Lehrer als vorher. Hat eine Schule zum Beispiel 50 Vollzeitlehrerstellen, bekommt sie also zehn dazu. Außerdem stehen ihr auch noch 2500 Euro für jährliche Fortbildungen der Lehrer zur Verfügung.

          Wie bekommt man gute Lehrer an die schwierigen Schulen?

          Im Endausbau schlägt sich das mit zusätzlichen 22 Millionen Euro für die Lehrkräfte und 150.000 Euro für die Fortbildung im Landeshaushalt nieder. Jede Schule bekommt zudem zwei erfahrene Schulentwicklungsberater zur Seite gestellt. Ganz allein müssen die durch die Soziallagen der Schülerschaft ohnehin schon stark geforderten Kollegien ihre Förderprogramme also nicht entwickeln.

          Ganz einfach ist die Umsetzung gleichwohl nicht. Denn die Förderung liegt vor allem in der verbesserten Personalausstattung. Wie aber bekommt man in Zeiten des Lehrermangels gute Lehrer an die schwierigen Schulen? Auch hier hat die Ministerin einen Programmmix aus kurz- und langfristigen Maßnahmen aufgelegt, der – endlich mal – den größeren Anstrengungen derjenigen Lehrer Rechnung trägt, die sich an diesen Schulen engagieren. Für zweieinhalb Jahre erhalten die Lehrkräfte 350 Euro monatlich mehr. „Ein wichtiges Ziel des Schulversuchs ist es, die Schulen in herausfordernden Lagen auch als Arbeitsort attraktiv zu machen“, heißt es dazu.

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