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Ein Jahr ohne Arbeit : Den eigenen Job automatisiert

Ein Algorithmus oder ein Computerskript übernimmt die Arbeit. Für viele Beschäftigte ist die Automatisierung zu abstrakt, als dass sie sie als Bedrohung wahrnehmen. Bild: Picture Alliance

Im Netz geht die Geschichte eines Kanzleimitarbeiters viral, der seine Tätigkeit komplett durch ein Computerprogramm ersetzt. Wie viel Ernst steckt dahinter?

          3 Min.

          Auf Reddit hat sein Beitrag schon Tausende Kommentare, viele Medien haben ihn aufgegriffen: Ein IT-Fachmann einer mittelgroßen amerikanischen Wirtschaftskanzlei, der als Redditor auf den Namen „u/Throwaway59724“ hört, offenbart darin der Netzwelt, dass ein von ihm selbst geschriebenes Computerskript angeblich seit einem Jahr seine komplette Tätigkeit übernommen hat. Bislang sei das seinem Arbeitgeber nicht aufgefallen.

          Marcus Jung
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Nadine Bös
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          „Ich melde mich jeden Tag im System an, spiele Videospiele oder tue was auch immer, und am Ende des Tages schaue ich mir die Protokolle an, um sicherzustellen, dass alles reibungslos gelaufen ist, . . . und logge mich wieder aus“, gesteht er. Für durchschnittlich zehn Minuten am Tag erhalte er ein Jahresgehalt von 90.000 Dollar.

          Software ersetzt den Menschen

          Die scheinbar unglaubliche Geschichte von „u/Throwaway59724“ ist nicht überprüfbar, da der Schreiber anonym bleibt – aber auch nicht unplausibel. Denn es korrelieren verschiedene Aspekte der Arbeitswelt mit dem Momentum der Corona-Pandemie. Gerade die professionellen Servicedienstleister wie Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater und Rechtsanwälte setzen immer mehr Software ein, um Mitarbeiter bei standardisierten Arbeitsprozessen zu entlasten. Gleichzeitig basiert die Vergütung in vielen dieser Berufsgruppen noch auf der „billable hour“, also dem Stundenhonorar. Und das gerät durch die Erwartung von Kunden und Mandanten zunehmend unter Druck.

          Die Lösung: Wo sich Junganwälte früher für einen Unternehmenskauf oder einen Gerichtsprozess durch Aktenordner kämpfen mussten, gibt es heute digitale Datenräume und ein automatisiertes Dokumentenmanagement. Der Einsatz von „Legal Tech“ soll ihnen den Kopf für kreative Aufgaben frei halten, mit denen sich steigende Honorare rechtfertigen lassen.

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          Hier kommt nun unser IT-Fachmann wieder ins Spiel. Seine Aufgabe, so schreibt er, war es, Beweismittel für Gerichtsverfahren von lokalen Festplatten in eine Cloud zu transferieren und dort zu verwalten. Als Administrator bekam nur er Zugriffsrechte – und mit der Corona-Pandemie bekam der Programmierer die Anweisung, von zu Hause aus zu arbeiten. „Damit begann der Spaß“, heißt es in dem Post. Innerhalb einer Woche habe er ein einfaches Skript geschrieben, das alle Computer der Kanzlei nach neuen Dateien durchsucht, für diese Hashwerte erzeugt, sie in die Cloud überträgt und die Daten dann auf ihre Echtheit überprüft. Seiner Ansicht nach kein „Hexenwerk“, sondern bloß „ein paar Zeilen Code“. Ob er sich schuldig fühle? Eine Zeit lang habe er sich wegen seines Arbeitgebers Vorwürfe gemacht, doch das sei schnell vergangen. „Ich tue genau das, wofür sie mich beauftragt haben, und die Arbeit wird rechtzeitig erledigt.“

          12 Millionen Arbeitsplätze könnten wegfallen

          Philipp Kolo, Partner der Unternehmensberatung BCG in München und Spezialist für Personalthemen, glaubt: „Gerade wenn es Routineaufgaben betrifft, wird die Automatisierung in den kommenden Jahren tatsächlich viele Jobs überflüssig machen.“ Professionelle Prognosen untermauern diese Sichtweise: Das IT-Marktforschungsunternehmen Forrester hat etwa in dieser Woche eine neue Analyse veröffentlicht, der zufolge bis 2040 in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien insgesamt 12 Millionen Arbeitsplätze durch Automatisierung verloren gehen werden – allerdings kämen auch neue Berufe dazu. Auch BCG selbst hat im vergangenen Jahr für Deutschland eine Analyse zur Automatisierung gemacht, bei der herauskam: Im Jahr 2030 wird auf sechs Berufe, die vollständig oder teilweise automatisiert werden, mindestens ein zusätzlicher neuer Beruf kommen. Das sei für den Arbeitsmarkt kein düsteres Szenario, sagt Kolo, denn: „Gleichzeitig wird sich die verfügbare Arbeitskraft signifikant reduzieren, weil die Babyboomer in Rente gehen.“ Unterm Strich werde es 2030 in Deutschland trotz aller Automatisierung sogar zu wenig Arbeitskräfte geben.

          Und wie wahrscheinlich ist es, dass der Wandel zunehmend auch Jobs wie den des IT-Fachmanns in der Kanzlei betrifft? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verfolgt schon seit Jahren die sogenannte Substituierbarkeit von Berufen. Dafür prüfen Fachleute regelmäßig, welche neuen Technologien marktreif sind, und schätzen ab, welche beruflichen Tätigkeiten möglicherweise dadurch automatisiert werden könnten. Der neueste Befund: Es werden „zunehmend auch komplexe Tätigkeiten“ betroffen sein; die Substituierbarkeitspotentiale seien zwischen 2016 und 2019 am stärksten in den Fachkraft- und Spezialistenberufen angestiegen.

          Viele Routinearbeiten im Büro betroffen

          Philipp Kolo kann das bestätigen: „Es sind mittlerweile viele Bereiche betroffen, die man weitläufig auch als White Collar Jobs beschreibt – häufig Bürotätigkeiten, dabei aber weiterhin viele Routineaufgaben.“ Was dahinter stecke: „Technologien sind billiger geworden, und die Skripte, um solche Tätigkeiten zu automatisieren, sind zugänglicher.“

          Will heißen: Um neue Automatismen zu generieren wie „u/Throwaway59724“, braucht es künftig wohl immer weniger Programmier-Know-how. Sondern vielleicht bald nicht viel mehr als eine halbwegs solide Internetrecherche.

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