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Der Furor der Pop-Ikone : Madonna for President

Im Mai 2019 erhielt Madonna bei den GLAADs in New York einen „Advocate for Change“-Award. Bild: Reuters

Über Madonna war gerade wieder eine Menge Hämisches zu lesen, und sie hat sich ordentlich beschwert darüber. Sicher, Selbstironie war nie ihre Stärke. Aber warum sollte sich ein Popstar alles gefallen lassen?

          Das Publikum war auf falsche Töne gefasst. 182 Millionen Zuschauer weltweit, das geht jedem Teilnehmer an die Nerven. Dass dann ausgerechnet Stargast Madonna bei ihrem Auftritt katastrophal schief sang, dominierte anschließend die Berichterstattung über den Eurovision Song Contest 2019. Eine Berichterstattung, auf die sie selbst reagierte, indem sie nonchalant einen Mitschnitt auf ihrem eigenen Youtube-Kanal postete, bei dem die Töne wundersam an die richtige Stelle gerutscht waren. (Das Original kann man hier ansehen, etwa ab Stunde 2:56). Madonna entscheidet selbst, wie Madonna geklungen hat, nicht irgendein dahergelaufener Beobachter – das schien die Botschaft zu sein.

          Madonna hat sich schon immer geweigert, auf eine Rolle festgelegt zu werden. Deshalb ihre ständig neu gewählten Rollen, ihre Gothic-Phase, ihre Aerobic-Phase. Heute ringt sie mit der Öffentlichkeit und dem, was die in ihr sieht, stärker als je zuvor. Denn die Rolle als alternde Sängerin mit mangelnder Fitness, als die viele sie beim ESC wahrgenommen haben, ist keine, die sie sich jemals aussuchen würde – und was Madonna nicht sein will, das ist sie eben nicht. Punktum. Sie ist schließlich mit viel wichtigeren Dingen beschäftigt: Ihr neues Album „Madame X“ ist voller politischer Statements; die zweite Single „I Rise“ etwa beginnt mit einem Ausschnitt aus der Rede von Emma Gonzalez, die nach einer Schießerei an ihrer Schule in Parkland unter Wuttränen strengere Waffengesetze forderte.

          Antifaschismus, LGBT-Rechte, Feminismus – gesellschaftliche Gerechtigkeit ist derzeit Madonnas klares Oberthema. Musikalisch hingegen wirkt das Album etwas beliebig. Ihre Wahlheimat Portugal schlägt sich in deutlich iberischen Einflüssen und hippen, jungen Duettpartnern wie Maluma nieder, aber da Reggaeton seit dem Erfolg von „Despacito“ als nicht so geheime Zutat für Chart-Erfolge gilt, kann man das nicht als besonders originell bezeichnen. Ihre neue Persönlichkeit zum Album ist eine Art Geheimagentin im Lederdress mit Augenklappe.

          Wahrscheinlich wäre aus Madonna Ciccone eine große Politikerin geworden. Sie hat die Haltung, sie hat den Ehrgeiz, sie hat das Ego. Aber sie entschied sich nun mal für die Musik als Medium, um ihre Botschaften unter die Leute zu bringen, und jubelte dem Publikum Revolten wie das Video zu „Like A Prayer“ zwischen hübschen, harmlosen Nummern wie „La Isla Bonita“ unter.

          Dabei war Madonna nie eine große Sängerin. Ihre Songs verlangen stimmlich und rhythmisch keine Kunststücke, und trotzdem versägte sie „Like a Prayer“ beim ESC spektakulär, auch nach stundenlangen Proben, für die die Halle zuvor komplett geräumt werden musste. Benutzt sie etwa kein Autotune?, fragten sich Beobachter. Natürlich benutzte sie Autotune. Aber dadurch wird die Stimme nur auf den nächstgelegenen sauberen Ton geschoben – und wenn man weit genug danebenliegt, ist das eben der falsche. Da hilft nur noch nachträgliche Soundkosmetik.

          Es ist nicht ihre Stimme und auch nicht ihre Musikalität, die Madonna mit mehr als 350 Millionen verkauften Platten zur kommerziell erfolgreichsten Popsängerin gemacht hat. Es ist ihre Willenskraft. Cher, Dolly Parton, Liza Minnelli, alle zwölf Jahre älter als Madonna – die bestechen durch ihre Stimmen. Aber es gibt noch einen anderen Unterschied zwischen ihnen und Madonna, der dieser Tage so deutlich wird wie nie zuvor: Sie wehren sich nicht. Madonna schon.

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