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Amokfahrer von Trier : „Ein Racheakt an der Gesellschaft“

  • -Aktualisiert am

Ein Herz aus Kerzen steht im Dezember 2021 an der Stelle in der Fussgängerzone von Trier, wo eine Studentin von einem Amokfahrer überfahren und dabei getötet wurde. Bild: dpa

Er tötete fünf Menschen, verletzte und traumatisierte viele mehr: Der Amokfahrer von Trier muss lebenslang in Haft. Die quälende Frage nach dem Warum bleibt aber offen.

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          Manche hörten noch die Reifen quietschen. Sie konnten sich mit einem Sprung zur Seite zumindest vor schwereren Verletzungen schützen. Einige traf Bernd W. mit seinem Geländewagen aber wie beabsichtigt und für die Opfer völlig überraschend von hinten. Fünf Menschen überlebten die Kollision nicht: ein neun Wochen altes Baby und sein 45 Jahre alter Vater, außerdem drei Frauen im Alter von 73, 52 und 25 Jahren. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt und traumatisiert. Die Richterin ging bei der Urteilsverkündung noch mal auf jeden einzelnen Fall ein, berichtete, wo Bernd W. seine Opfer ins Visier genommen hatte und welche Verletzungen sie davontrugen. Bei einem Mann wiegen sie so schwer, dass er kein selbstständiges Leben mehr führen kann und sich in einem Dämmerzustand befindet. „Aus einem sportlichen aktiven Menschen wurde ein Pflegefall“, sagte die Vorsitzende Richterin am Dienstag im „Innenstadverfahren“ vor dem Trierer Landgericht. „Die Angehörigen sind schwer belastet.“ Und selbst wo körperliche Schäden verheilt sind, sind Verletzungen in der Seele geblieben: Die Bilder von damals kommen bei vielen immer wieder zurück.

          Eine besondere Schwere der Schuld

          Julia Anton
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Am 1. Dezember 2020 hatte Bernd W. zur Mittagszeit seinen Geländewagen in die Fußgängerzone in der Trierer Innenstadt gesteuert. Mit hohem Tempo hielt er dort auf Passanten zu, fuhr Zickzack­linien, um möglichst viele Menschen zu treffen. Erst nach einem knappen Kilometer blieb er unweit der Porta Nigra, dem Wahrzeichen der Stadt, stehen, stieg aus seinem Auto aus und rauchte eine Zigarette. Er soll gegrinst haben, als Polizisten ihn festnahmen.

          Während der Verhandlung verdeckt eine FFP-2-Maske sein Gesicht. Der Zweiundfünfzigjährige wirkt äußerlich ungerührt, als die Richterin das Urteil verkündet: W. muss lebenslang in Haft. Zudem stellt sie die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Verurteilt wird er unter anderem wegen fünffachen Mordes, versuchten Mordes in 18 Fällen und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

          Was war das Motiv?

          Zweifel an seiner Täterschaft bestanden laut der Richterin nicht. „Wir haben den Richtigen hier sitzen“, sagt sie. Das hätten unter anderem die Spuren im Wagen sowie die zahlreichen Zeugenaussagen ergeben. Trotz der mehr als 40 Verhandlungstage, in denen vor allem die Folgen der Amokfahrt vermessen wurden, bleibt aber unklar, was W. letztlich zu der Tat bewog. „Wir kennen das tragende Motiv des Angeklagten nicht, weil er sich nicht geäußert hat“, so die Richterin. Das sei zwar sein gutes Recht, für die Betroffenen und ihre Angehörigen, die sich seit der Tat mit der Frage nach dem Warum quälen, gleichwohl enttäuschend.

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