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Ausblick auf Zahlen für 2020 : Schönheitsfehler bei der Deutschen Bank

Die Zentrale der Deutschen Bank: Schön, aber keineswegs perfekt Bild: Wolfgang Eilmes

Am Donnerstagmorgen wird die Deutsche Bank wohl einen Jahresgewinn für 2020 mitteilen. Doch nach Zinszahlungen könnte die Bank unter die Gewinnschwelle rutschen. Deshalb stellt sich die Frage: Ist das dann überhaupt ein Gewinn?

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          Die Überschrift über die Geschäftszahlen der Deutschen Bank für das Jahr 2020, die am Donnerstag veröffentlicht werden, scheint schon im Voraus klar: Die Deutsche Bank macht ausgerechnet im Corona-Jahr nach fünf Verlustjahren wieder Gewinn. Nach 5,3 Milliarden Euro Verlust im Jahr 2019 erwarten zehn Analysten für 2020 einen durchschnittlichen Nachsteuergewinn von 245 Millionen Euro. Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Der sich abzeichnende Gewinn hat Schönheitsfehler – nicht nur, weil die Analysten unterstellen, dass im vierten Quartal 2020 ein Verlust angefallen ist.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer genauer hinschaut, erkennt vielmehr, dass das von der Deutschen Bank jedes Jahr in der Bilanz in den Vordergrund gerückte Nettoergebnis nur in Teilen den Aktionären zusteht. Wählt man eine engere Gewinndefinition, kann das Nettojahresergebnis noch in zwei Schritten gekürzt werden.

          Zwei Schritte zum kleineren Nettogewinn

          Zum einen, da die Deutsche Bank nicht alle ihre Tochtergesellschaften zu 100 Prozent besitzt; deshalb steht ihr auch deren Gewinn nicht komplett zu. „Nach Minderheitsanteilen“, wie es im Bilanzjargon heißt, schrumpft etwa der von den Analysten für 2020 erwartete Nettogewinn von 245 auf 84 Millionen Euro zusammen.

          Und auch die 84 Millionen Euro stehen nicht allein den Aktionären zu, sondern zusätzlich noch anderen Kapitalgebern. Denn die Deutsche Bank hat Nachranganleihen (AT1) begeben, dafür fielen 2020 sage und schreibe 370 Millionen Euro Zinsaufwand an, schätzen die Analysen. Das ist nicht unbedeutend, denn die Deutsche Bank hat 2020 ja geschätzt nur 245 beziehungsweise 84 Millionen Euro Nachsteuergewinn erzielt. Haben die Analysten richtig geschätzt, drücken die Zinszahlungen für AT1-Anleihen die Bank also auch 2020 in engerem Sinne wieder unter die Gewinnschwelle. So war es schon 2018, als die Deutsche Bank, wie unsere Grafik zeigt, fast 300 Millionen Euro an Nachsteuergewinn ausweist, der sich aber nach AT1-Zinsaufwand zu einem Verlust von knapp 100 Millionen Euro wandelt.

          Unbestritten handelt es sich bei Nachranganleihen um aufsichtsrechtlich anerkanntes Eigenkapital (Kernkapital). Der Nettogewinn, den die Deutsche Bank in den Vordergrund rückt, ist also der Gewinn, der allen Eigenkapitalgebern zusteht – Aktionären und Nachranganleihegläubigern. Die Zinsen auf die Nachranganleihen müssen allerdings unabhängig vom Gewinn gezahlt werden. Warum ist AT1 dann Eigenkapital?

          Nicht weniger als neun AT1-Anleihen

          Neun unterschiedliche AT1-Anleihen hat die Deutsche Bank ausstehen: Vier im Gesamtvolumen von 3,15 Milliarden Euro, vier im Gesamtvolumen von 5,75 Milliarden Dollar und eine mit 620 Millionen Pfund. Der Zinskupon etwa der im Februar 2020 begebenen AT1-Dollar-Anleihe beträgt 6 Prozent. Das zeigt das Risiko, das die Anleihekäufer tragen: Gerät die Deutsche Bank in eine Notlage und sinkt ihre Kernkapitalquote von derzeit gut 13 Prozent auf weniger als 5,125 Prozent, decken die Nachrangkapitalgeber weitere Verluste der Bank. Deshalb betrachtet die Deutsche Bank Zinsen, die sie solchen Kapitalgebern zahlt, als vergleichbar mit Dividenden und zieht sie als Eigenkapitalvergütung erst ganz am Ende vom Jahresnettoergebnis ab – als Gewinnverwendung. Für 2018 reichte der Nettogewinn für die Zinszahlungen aber nicht aus – und so könnte es für 2020 wieder sein. Das werden kaum die einzigen Schönheitsfehler in der Bilanz des Geschäftsjahres 2020 sein.

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