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Erfolgreiche Gentherapie : Das Schicksal in einer einzigen Spritze

Die bis in die siebziger Jahre gebräuchliche Behandlung bei Hämophilie-Patienten, Blutungen zu stoppen, bestand oft in Blutspenden. Später kamen regelmäßig Medikamente zum Einsatz, um Blutungen vorzubeugen. Bild: dpa

Unheilbar, so lautete die Diagnose für Bluterkranke bisher. Um ein normales Leben zu führen, brauchen sie oft mehrmals wöchentlich Medikamente. Ein einziger Eingriff ins Erbgut könnte das alles ändern - und es scheint wirklich zu funktionieren.

          Von einer medizinischen Sensation mag man nicht sprechen, wenn etwas gelingt, an das man sich fast zwanzig Jahre lang mühsam herangetastet hat, das immer wieder von Rückschlägen und Schwierigkeiten zu Lasten der Patienten begleitet wurde, und von dem man immer noch nicht weiß, ob der Plan wirklich aufgegangen ist. Heilung wäre also der falsche Begriff, für das, was Mediziner des Children's Hospital  of Philadelphia jetzt im hochangesehenen Medizinjournal „New England Journal of Medicine“ als Behandlungsergebnis einer Gentherapie an zehn Bluterkranken vorgestellt haben. Aber immerhin: Die zehn Patienten brauchen seit mehr als einem halben Jahr, teilweise seit über einem Jahr, keine Medikamente mehr. Lebenswichtige Medikamente wohlgemerkt, die sie bis dahin wöchentlich ein bis dreimal einnehmen mussten, um zu verhindern, dass sie womöglich an einer inneren Blutung versterben.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Bluterkrankheit Hämophilie B gehört zu jenen seltenen Erbkrankheiten, die von einem einzelnen Gendefekt ausgehen. Ohne Blut, das gerinnt, können Wunden kaum ausheilen. Die Gerinnung läuft dabei in Kaskaden ab und erfordert einige zum Teil in der Leber produzierte biochemische Faktoren. Fällt einer dieser Faktoren aus, ist auch die Wundheilung extrem verzögert Zwischen vier- und fünfhundert Patienten mit der Störung gibt es in Deutschland, einige tausend Bluterkranke leiden an einer ähnlichen, noch schwereren Form Hamöphilie A. Beiden gemeinsam ist, dass ein Blutgerinnungsfaktor im Blut in zu geringer Menge gebildet wird. Bei Hämophilie B ist es der Faktor IX, der sogenannte „Christmas-Faktor“. Die angeborene Blutungsneigung führt schon in der Kindheit nach Stürzen etwa  zu  bedrohlichen inneren Blutergüssen, die insbesondere in den Gelenken und Muskeln nicht nur für Hämatome sorgen, sondern  auch große Schmerzen verursachen.

          Die Idee, diese von einzelnen Gendefekten auf dem X-Chromosom verursachte Störung durch eine Korrektur des betreffenden Gens zu reparieren, war schon in den siebziger Jahren geboren worden. In den Neunzigern, als die rekombinante Gentechnik ihre ersten Erfolge in Versuchstieren feierte und die schadhafte Genversion durch  „gesunde“ Gensequenzen ersetzt wurden. Versuche an Patienten folgten, doch die Erfolge waren selten von langer Dauer: Die mit Viren eingeschleusten korrigierten Gene waren entweder nicht lange genug aktiv, oder die genbehandelten Zellen im Körper der Patienten wurden vom eigenen Immunsystem mit der Zeit wieder eliminiert.

          Detailaufnahme eines Blutgerinnsels: Die Blutkörperchen sind rot, die Fibrinproteinstränge sind grün und unten rechts befinden sich Thrombozyten.
          Detailaufnahme eines Blutgerinnsels: Die Blutkörperchen sind rot, die Fibrinproteinstränge sind grün und unten rechts befinden sich Thrombozyten. : Bild: doc-stock

          All diese „Kinderkrankheiten“ der Bluter-Gentherapie scheinen die amerikanischen Ärzte um L. A. George aus Philidalphia nun mit akribischer gentechnischer Feinarbeit eliminiert zu haben. Die Genheilung von Bluterkranken scheint nach ihrer Phase-1-Studie in greifbare Nähe gerückt. Jedenfalls reichte eine einzelne Injektion von Millionen eigens hergestellter Virenpartikel aus, in denen die funktionstüchtigen Faktor-IX-Genvarianten verpackt waren, um die Blutgerinnung der Patienten dauerhaft ins Laufen zu bringen. Wie von den Ärzten gewünscht, wurden die Genpartikel gezielt in die Zellkerne der Leberzellen  eingeschleust, wo sie als kleine hochaktive ringförmige Genschnipsel eingelagert wurden und somit auch das eigene Erbgut der Leberzellen offenbar nicht gefährlich stören konnten. Mehr noch: Die heilsamen Genringe erwiesen sich als höchst produktiv: Weil die Forscher eine besondere Variante namens „Padua“ des Faktor-IX-Gens verwendeten, das die Blutgerinnung achtmal so effektiv anfacht wie die gewöhnliche Faktor IX-Erbanlage, konnten die Wissenschaftler sicherstellen, dass in den erfolgreich genbehandelten Leberzellen dauerhaft genug von dem lebenswichtigen Blutgerinngungsfaktor gebildet wurde - und durch die Teilung dieser Leberzellen mit der Zeit nicht etwa zu schnell verloren geht. Im Ergebnis erreichte die Konzentration des Faktor IX im Blut der gentherapierten Patienten gut 30 Prozent des Levels bei gesunden Menschen. Diese 30 Prozent reichen aber offenbar völlig aus, wie die folgenden Monate nach dem Eingriff gezeigt haben, um die Blutungsneigung auf ein gesundes Maß zu bringen. Johannes Oldenburg,
          Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Bonn jedenfalls ließ sich von den Resultaten überzeugen. „Dennoch wird es sicher noch drei bis fünf Jahre dauern, bis diese Therapie den meisten Hämophilie B-Patienten zur Verfügung steht. Zunächst stehen umfangreiche klinische Phase III-Studien an, welche zeigen müssen, dass die Faktor-IX-Aktivität von 30 Prozent dauerhaft, das heißt über Jahre, bestehen bleibt, dass keine Nebenwirkungen der Leber auftreten wie etwa eine Erhöhung der Leberwerte und dass die Gentherapie auch sonst keine schweren Nebenwirkungen zeigt.“

          Die erreichte Optimierung der Gentherapie wird von den Experten fast durchweg gelobt. So auch von Boris Fehse, Leiter der Forschungsabteilung Zell- und Gentherapie am Zentrum für Onkologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: „Ich denke, dass die Studie ein großer Schritt hinsichtlich einer Zulassung sein dürfte. Die klinische Effizienz bei den zehn Studien-Patienten ist extrem gut und verbessert die Lebensqualität der Patienten entscheidend.“

          Allerdings gilt auch: Dass mit der Studie alle technischen Hürden für andere Gentherapie-Versuche ausgeräumt wären, ist sicher falsch. Die Wissenschaftler tasten sich derzeit bei vielen Erbkrankheiten und Gendefekten, auch bei solchen, die zu Krebs führen, in unzähligen Laborexperimenten und kleinen klinischen Versuchen voran. Einen Königsweg der Gentherapie gibt es auch nach mehr als zwanzig Jahren nicht. Vielmehr erwarten alle Fachleute, dass das Feld noch unübersichtlicher wird. Mit den ganz neuen genchirurgischen Verfahren wie Crispr/Cas9, die die Geneingriffe noch präziser und leichter möglich machen sollen, dürfte sich das technische Repertoire der Genmedizin nun deutlich schneller als die Jahre davor erweitern.

          Quelle: FAZ.NET

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