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Unisex-Tarife Krankenversicherer hübschen Policen auf

 ·  Die Unisex-Tarife erlauben es der Branche, ihre Verträge zu verbessern. Marktführer Debeka will befristet alle Antragsteller aufnehmen.

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© IMAGO Vergrößern Die Debeka sieht mit ihren neuen Verträgen die Kritik entkräftet

Die privaten Krankenversicherer (PKV) nutzen die Einführung der Unisex-Tarife, um ihre Vertragsbedingungen zu verbessern. Mit den neuen Policen, die vom 21. Dezember an nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden dürfen, werden viele Anbieter den Leistungsumfang vergrößern. So erhöhen die meisten Anbieter die Stundenzahl für eine ambulante Psychotherapie von häufig 30 Stunden auf mindestens 50. Auch bei Suchterkrankungen werden drei zulässige Entgiftungskuren zum Standard. Zuvor war oft eine Kur üblich. Und aus den geschlossenen Katalogen der Hilfsmittel, die erstattet werden, machen die meisten Anbieter offene Kataloge.

Damit nehmen sie die Kritik der Öffentlichkeit auf, ihre Tarife böten zum Teil einen geringeren Versicherungsschutz als die gesetzlichen Krankenkassen. Der PKV-Verband hatte im September Mindeststandards für Krankenversicherungen beschlossen. Ein Ziel dabei war, dass der Markt für Billigtarife mit reduziertem Leistungsumfang ausgetrocknet wird.

Jeder soll aufgenommen werden

Marktführer Debeka will auch dem Vorwurf der Rosinenpickerei den Wind aus den Segeln nehmen. Künftig will das Koblenzer Unternehmen jeden Arbeitnehmer ungeachtet seines Gesundheitszustands aufnehmen, sofern er den Antrag innerhalb von sechs Monaten stellt, nachdem er die Versicherungspflichtgrenze überschritten hat. Auch alle seine Familienmitglieder sollen aufgenommen werden. „Wir wollen uns dadurch keinen Wettbewerbsvorteil verschaffen, sondern den Angriff der Rosinenpickerei abwehren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Uwe Laue am Mittwoch in Koblenz.

Der Risikozuschlag für diese Kunden, der ihre Beiträge an ihren Gesundheitszustand anpasst, soll auf höchstens 30 Prozent begrenzt werden. Leistungsausschlüsse soll es nicht geben. Damit wolle er auch für andere Marktteilnehmer ein Zeichen setzen. Erste Anbieter haben schon signalisiert, dem Beispiel folgen zu wollen. „Wenn es der Marktführer tut, werden wir uns dem nicht verschließen“, sagt Walter Botermann, Vorstandsvorsitzender der Halleschen.

Unterschiede gibt es bei den neuen Tarifen allerdings im Detail. So hatte der Deutsche Ring seine künftige Tarifwelt als erstes Unternehmen schon Mitte November vorgestellt. Die Aufstockung der Psychotherapie ab der 31. Stunde knüpft der Anbieter an eine Prüfung und eine neue Leistungszusage. Die Hallesche erhöht den Umfang ohne Einschränkung in allen ihren Tarifen und führt für alle Policen den offenen Hilfsmittelkatalog ein. Dagegen betont der Deutsche Ring, dass Hilfsmittel mit einem Wert oberhalb von 1000 Euro über den Versicherer bezogen werden müssen. Auch die ausgeweiteten Entziehungsmaßnahmen knüpft das Unternehmen an eine vorherige Zusage.

Die Debeka sieht mit ihren neuen Unisex-Tarifen beispielsweise die Kritik aus einer Studie des Kieler Instituts für Mikrodaten-Analyse entkräftet, das die Leistungen im Vergleich zu einem selbst aufgestellten Kriterienkatalog als ungenügend bewertet hatte. Erfüllte das Unternehmen mit seinen alten Tarifen 55 der 134 aufgestellten Kriterien, seien es nun 104. „Dass wir nicht noch mehr Punkte erreichen, liegt auch daran, dass wir nicht bereit sind, mehr für Behandlungen zu zahlen als den Höchstsatz der Gebührenordnung für Ärzte“, sagte Vorstandsmitglied Roland Weber. „Das hielten wir für preistreibend.“ Dagegen zählt zum Leistungskatalog künftig ein Blindenführhund. Auch dessen Training ist eingeschlossen.

Niedrigerer Rechnungszins, höhere Beiträge

Für die neuen Unisex-Tarife kalkuliert ein Großteil der Anbieter mit einem niedrigeren garantierten Rechnungszins von 2,75 statt 3,5 Prozent. Dadurch werden die Beiträge etwas teurer. Dieser Effekt wird aber begrenzt, weil es für Inhaber einer alten Police somit weniger attraktiv wird, von ihrem Wechselrecht in den neuen Tarif Gebrauch zu machen. Das könnte beispielsweise junge Frauen abhalten, die für ihren alten Vertrag einen höheren Beitrag zahlen müssen. Die Hallesche senkt diesen Zins sogar auf 2,5 Prozent. Hanse Merkur und die Bayerische Beamtenversicherung haben signalisiert, dass sie den Rechnungszins von 3,5 Prozent beibehalten wollen.

Das erlaubt ihnen möglicherweise einen preislichen Wettbewerbsvorteil. Marktbeobachter sehen den niedrigeren Zins dagegen nicht als echten Nachteil an. „Im Ergebnis wird die Alterungsrückstellung für den Verbraucher sogar größer“, sagt Gerd Güssler vom Analysehaus KV-pro. Erzielt ein Krankenversicherer beispielsweise aus seiner Kapitalanlage eine Verzinsung von 4 Prozent, steigt der Abstand zum Rechnungszins - der sogenannte Überzins. Von diesem müssen die Versicherer laut Gesetz mindestens 90 Prozent verwenden, um die Beiträge im Alter zu stabilisieren. Die Zinsgutschrift ist zwar etwas geringer als bei einem höheren Rechnungszins, wird aber auf einen leicht erhöhten Beitrag angewandt. „Ich möchte ausreichend Überzins haben, um auch für eine weitere Niedrigzinsphase gewappnet zu sein“, sagte Debeka-Vorstand Weber.

 

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

12.12.2012, 20:21 Uhr

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