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Sexualaufklärung in der Schule : Kinder, was wollt ihr wissen?

Wenn Schüler fragen, soll man ihnen antworten, auch wenn das Thema peinlich werden kann. „Klär mich auf!“ heißt ein Buch von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl, das 2014 im Verlag Klett Kinderbuch erschienen ist. Diese Bildergalerie zeigt einige Zeichnungen aus dem Buch. Bild: Klett Kinderbuch

Den klassischen Aufklärungsunterricht gibt es nicht mehr. Stand früher in der Sexualkunde die Biologie im Vordergrund, so geht es heute um Verantwortung und Toleranz. Und in Zukunft?

          Eigentlich klang die Sache harmlos. „100 Tipps für eine Hammer-Ausstrahlung“ hatte die Zeitschrift „Bravo“ Anfang Juli auf ihrer Internetseite veröffentlicht, die Redaktion riet zu Lipgloss, Rouge, Wimperntusche und Zahnpflegekaugummis. Aber eben auch zu Verhaltensweisen, die sie als „mädchenhaft und ziemlich süß“ bezeichnete. Tipps wie „Ahme seine Gesten nach“, „Guck Jungs eher immer leicht von unten an“ oder „Stolpere in deinen Schwarm hinein - er wird dich total niedlich finden, weil du ein kleiner Tolpatsch bist“ wurden nicht nur auf Facebook und Twitter heftig kritisiert, sondern auch in zahlreichen anderen Medien. „Bravo“ nahm den Beitrag schließlich von der Website und entschuldigte sich.

          Warum? Während die „Bravo“-üblichen Fotos nackter Teenager oder die Sexualaufklärung des seit 1969 aktiven „Dr. Sommer Teams“ der Zeitschrift längst niemanden mehr aufregen, sind Ratschläge, die auf ein von Ungleichheit geprägtes Geschlechterverhältnis hinauslaufen, für viele Leser ein rotes Tuch. Anstößig sind nicht mehr die biologischen Tatsachen, sondern die seltsame Vorstellung, dass derjenige eher geliebt und akzeptiert wird, der sich klein macht, seinen Schwarm anhimmelt und den süßen Tolpatsch gibt - vor allem, wenn entsprechende Ratschläge mit der Autorität von Erwachsenen an junge Leser ergehen.

          Wie sensibel diese Diskussion ist, lässt sich besonders gut im Bereich der Schule beobachten. In Baden-Württemberg führte ein Thesenpapier zur „sexuellen Vielfalt“, das im Zuge des anstehenden neuen Bildungsplans erstellt worden war, im vergangenen Jahr zu heftigen Protesten und einer vielfach unterzeichneten Online-Petition - befürchtet wurde das Propagieren einer neuen Sexualmoral, bei der alle Varianten der Sexualität als neue Norm gelehrt und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt würden. In Venedig ließ der neu gewählte Bürgermeister Luigi Brugnaro dann auch im Sommer Bücher aus Schulbibliotheken entfernen, die gleichgeschlechtliche Paare zeigen, und berief sich dabei auf die Mehrheitsmeinung der Bürger.

          Beide Seiten, Befürworter wie Gegner von Bildungsplan und Bilderbüchern, haben immerhin eines gemeinsam: Sie glauben daran, dass der Unterricht oder das Anschauen von Illustrationen etwas bewirkt - und zwar in einem Bereich, der den Kern der Persönlichkeit betrifft. Andere sind da skeptisch. „Niemand wird wegen des Bildungsplans schwul oder hetero“, sagte im vergangenen Jahr der damalige Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Christian Stärk.

          Das letzte Wort hat die Schule

          Dass es allerdings überhaupt zu dieser Diskussion kommt, liegt am grundlegend gewandelten Charakter des Sexualkundeunterrichts, seit dieses Fach 1969, also gleichzeitig mit dem Debüt des Dr.-Sommer-Teams, in den Schulen der Bundesrepublik eingeführt worden ist - in Ostdeutschland war es allerdings schon 22 Jahre früher im Biologieunterricht unter dem Titel „Fortpflanzung“ so weit.

          Eltern, die sich dagegen wehrten und ihren Kindern die Teilnahme verbieten wollten, scheiterten damit regelmäßig. So stellte im Januar 2004 das Hamburger Verwaltungsgericht klar, dass niemand aus weltanschaulichen Gründen dem Aufklärungsunterricht fernbleiben dürfe. Denn Eltern hätten zwar das Recht, ihre Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen zu erziehen, so wie es damals die muslimische Klägerin für ihre beiden Töchter im Teenageralter reklamierte. Und sie müssten auch vor unerwünschter Einflussnahme auf ihre Erziehung von Seiten der Schule geschützt werden. Doch im Interesse der Vermittlung von Wissensstoff sei es den Eltern zuzumuten, partielle Abstriche an ihrer Weltanschauung hinzunehmen, heißt es in der Urteilsbegründung. Dabei ist es geblieben, bis heute. Überall sehen die Richtlinien der Kultusministerien zwar vor, dass die Eltern ausführlich informiert werden, bevor ihre Kinder mit dem Sexualkundeunterricht anfangen. Sie werden auch gehört, wenn sie Einwände haben. Aber am Ende bestimmt die Schule, was im Klassenzimmer geschieht.

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